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Bildungsexperte klagt an: „Wenn Eltern ihre Kinder erziehen würden, hätten wir viele Probleme gar nicht“

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Von: Peter Hanack

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Für Kinder liegen Frust und Lust am Lernen oft nah beieinander.
Für Kinder liegen Frust und Lust am Lernen oft nah beieinander. © Arno Burgi/zb/dpa

Der Vorsitzende des  Verbandes Bildung und Erziehung (VBE), Gerhard Brand, über Mängel in den Grundschulen - und mögliche Reformen

Die Ergebnisse scheinen verheerend. Jedes vierte Kind kann am Ende der Grundschulzeit nicht richtig lesen, schreiben und rechnen. So belegt es der jüngste Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB)-Bildungstrend. Politik, Eltern, Expertinnen und Experten zeigen sich alarmiert. Was aber tun? Würde mehr Mathe- und Deutschunterricht helfen? Und was ist mit der Erziehungsaufgabe der Eltern?

Herr Brand, der jüngste IQB-Bildungstrend hat gezeigt, dass sehr viele Kinder am Ende der Grundschulzeit nicht richtig lesen, schreiben und rechnen können. Eine Empfehlung, ausgesprochen von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission der Kultusministerkonferenz, lautet: mehr Deutsch- und Mathematikunterricht in den ersten vier Schuljahren. Ist das ein richtiger Ansatz?

Dazu stellen sich zwei Fragen: Kommt das on top, haben die Kinder also zwei Stunden mehr Unterricht pro Woche? Oder fällt dafür etwas anderes weg? Zwei zusätzliche Stunden wären möglicherweise eine Überforderung, nicht nur für die Kinder, sondern natürlich auch für die Schulen, die dafür ja erst einmal das Personal benötigen, das sie schon jetzt nicht haben.

Also umschichten? Mehr basale Kompetenzen, mehr Lesen und Rechnen, statt… Ja, statt was eigentlich?

Das wurde bislang nicht mitgeteilt. Die Grundschule bildet die Kinder ja ganzheitlich aus, also auch in musisch-ästhetischer Hinsicht, in bewegungsorientierten Fächern, also im Sportunterricht. Das ist gerade im Primarbereich, also in den Grundschuljahren, unverzichtbar.

Viele Eltern, aber auch die Politik hat großteils geradezu panisch auf die tatsächlich ja erschreckenden Ergebnisse des Bildungstrends reagiert. Stimmt die Beobachtung, dass dabei die Sicht auf diesen ganzheitlichen Bildungsansatz in den Hintergrund gerät zugunsten der Forderung nach mehr leistungsorientiertem Lernen?

Absolut, und das ist bedenklich. Gerade auch, weil sich ja viele Bereiche aus der Familie in die Schule verlagern. Viele Kinder und Jugendliche sind nicht mehr in einem Sportverein aktiv, haben wenig oder keinen Kontakt zu einer musischen Erziehung, sind nicht im Schachclub oder sonst einem Verein engagiert. Und es gibt ganz klar bereits in den Kindertagesstätten die Tendenz, sich auf sprachliche Fertigkeiten zu konzentrieren.

Was ja auch nötig scheint, kämen sonst doch noch mehr Kinder mit Sprachdefiziten in die erste Klasse.

Ja sicher, das ist richtig, aber die Defizite sind ja viel breiter gestreut. Wir sehen aber, wie beispielsweise die musikalische Frühbildung zurückgefahren wird, weil man die Ressourcen auf Sprache oder mathematische Vorläuferfertigkeiten konzentriert. Das ist natürlich auch wichtig, aber man darf den ganzheitlichen Ansatz nicht aus den Augen verlieren.

Wir reden da über die Quadratur des Kreises. Schule oder eben auch Kita soll nicht nur basale Kompetenzen vermitteln, sondern ganzheitlich bilden. Das können diese Institutionen doch gar nicht leisten, oder?

Jedenfalls nicht allein und nicht mit der aktuellen personellen Ausstattung. Wenn Eltern nicht nur nach mehr Mitbestimmung in Schule rufen würden, sondern zuhause ihre Hausaufgaben erledigen würden, hätten wir viele Probleme gar nicht. Viele Kinder können gar nicht mehr zuhören, nicht rückwärtslaufen oder einen Purzelbaum schlagen oder vielleicht auch schon mal wenigstens bis zehn zählen. Es klingt banal, aber wenn einem Kind abends vor dem Schlafengehen zehn Minuten vorgelesen wird, dann regt das die Fantasie an und erweitert den Wortschatz. Wenn man mit ihm singt, stärkt das das Rhythmusgefühl. Wenn man mit ihm rausgeht, wo es sich bewegen kann, statt es mit dem Auto herumzukutschieren, wenn es mit anderen Kindern spielt statt vor einem Bildschirm zu sitzen, wenn man es vielleicht in einem Verein anmeldet, dann ist das schon mehr als die halbe Miete für eine ganzheitliche Bildung.

Was also tun?

Wenn wir die ganzen Probleme, die vom Elternhaus in die Schule und Kita verlagert werden, wieder dahin bringen könnten, wo sie hingehören, wenn Eltern ihrer Pflicht nachkommen würden, ihre Kinder auch zu erziehen, und wenn wir Schule dann auch noch in Ruhe und Kontinuität arbeiten lassen würden, dann hätten wir viele der ganzen Probleme nicht, über die wir hier gerade reden.

Nun sind die Anforderungen gerade an Schule aber hoch, und welche Institution sonst soll wirklich möglichst alle umfassend bilden? Wie kann die Situation dort verbessert werden?

Ganz klar ist, wir brauchen dort mehr Personal.

Was sehr schwierig ist, weil es kaum arbeitslose Pädagogen und Pädagoginnen gibt.

Ja, eben.

Packt die Politik das Problem jetzt wirklich an?

Ich hoffe es. Ich glaube aber nicht, dass wir in den nächsten zehn Jahren eine deutliche verbesserte Situation haben. Wir schlittern seit vielen Jahren in diese Situation hinein. Wir werden da nicht mit einem noch so großen Doppel-Wumms herauskommen. Das wird viele viele Jahre dauern, so ehrlich muss man da leider sein.

Vielleicht sind wir ja jetzt an einer Talsohle angekommen?

Das wäre doch schon mal was.

Und wo fangen wir an, damit es aufwärts geht?

Wir können so viel Unterricht in den Stundenplan schreiben, wie wir wollen. Wenn wir dafür nicht das Personal haben, nutzt das alles nicht. Wir müssen auch Menschen in der Schule anstellen, die keine voll ausgebildeten Lehrkräfte sind. Wir brauchen dort auch Sozialpädagogen, Psychologen, pädagogische Assistenten. Wir brauchen Seiteneinsteiger, die wir aber auch gut in Pädagogik und Didaktik qualifizieren müssen. Baden-Württemberg macht das noch kaum, Sachsen dagegen bietet ein wirklich gutes Programm. Und hat damit Erfolg und auch viele Bewerber. Und wir brauchen mehr Studienplätze für künftige Lehrkräfte, wir müssen dort die Abbrecherquote zurückfahren, etwa durch bessere Mentorenprogramme, wir sollten überlegen, ob wir das Bafög erhöhen und den Numerus Clausus für Lehramtsstudierende abschaffen. Insgesamt also: mehr Lehrkräfte ausbilden.

Die kommen aber frühestens in sieben Jahren an den Schulen an.

Wenn man damit vor zehn oder zwanzig Jahren angefangen hätte, hätten wir diese Lehrkräfte heute schon in den Schulen. Länger warten gilt nicht.

Interview: Peter Hanack

Zur Person

Gerhard Brand (60) ist seit 2010 Landeschef des Verbandes Bildung und Erziehung (VBE) in Baden-Württembergund nun auch Bundesvorsitzender. Der Grund- und Hauptschullehrer leitet seit mehr als 20 Jahren die Schlossgartenschule in Alfdorf (Schwäbisch-Gmünd).

Der VBE hat rund 164 000 Mitglieder. Er vertritt hauptsächlich Lehrkräfte an Grund-, Haupt-, Real-, Förder- und Gesamtschulen. pgh

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