"Wenn es eine Hölle gibt, kann man sie hier sehen"

Moskau richtet in Tschetschenien Selektionslager ein / Bericht darüber soll von russischem Wehrpflichtigen stammenDas russische Militär baut in Tschetschenien ein Netz von Gefangenenlagern aus, die als "Filtrationslager" bezeichnet werden. Häftlinge sollen dort misshandelt und auch umgebracht werden.

MOSKAU, 10. Februar. In den vergangenen Monaten wurden hunderte tschetschenische Männer von Russen festgenommen und vor allem in zwei Filtrationslager" gebracht: nach Urus-Martan südwestlich von Grosny sowie ins Tschernokosowo-Lager am Terek-Fluss, 50 Kilometer nordwestlich von Grosny. Da diese Lager voll sind, haben russische Bausoldaten bei Tolstoi-Jurt, zehn Kilometer nördlich Grosnys, und in Tscherwlennaja am Terek-Fluss "mit dem Bau zweier großer Filtrationslager begonnen", sagte Oberst Jurij Gladkewitsch von der Moskauer Agentur für Militärnachrichten: "Die Zahl der in Tschetschenien Festgenommenen ist steil angestiegen und betrug nach einigen Angaben bereits Ende vergangener Woche rund 1000 Mann." Generaloberst Wiktor Kasanzew, Oberkommandeur der Tschetschenientruppen, kontrolliere persönlich die Arbeiten zur Schaffung der Filtrationslager, sagte Gladkewitsch, der sich auf Quellen im russischen Stab in Chankala beruft. Die Lager werden offiziell "Filtrationslager" genannt, weil dort aus den inhaftierten Tschetschenen die Rebellen "herausgefiltert" werden sollen.

Das angeblich dem Justizministerium unterstehende Lager Tschernokosowo wurde vor einigen Tagen in der Berichterstattung genannt, als sich herausstellte, dass der Radio-Liberty-Korrespondent Andrej Babitzkij dort eingeliefert wurde, bevor sich seine Spur verlor. Nach FR-Informationen hat das Justizministerium Soldaten seiner Guin-Einheiten - ausgebildet für die Niederschlagung von Gefängnisaufständen - in die Gefangenenlager nach Tschetschenien geschickt. Die englische Zeitung Independent veröffentlichte am Donnerstag Auszüge eines Briefes, der nach Aussage des Blattes am 3. Februar von einem im Tschernokosowo-Lager dienenden russischen Wehrpflichtigen geschrieben wurde. Demnach werden dort rund 700 Tschetschenen festgehalten, von denen nur sieben verdächtigt würden, Rebellen zu sein.

Die Tschetschenen "werden hier buchstäblich umgebracht", schreibt der Soldat. "Man muss die Schreie robuster, gesunder Burschen hören, denen die Knochen gebrochen werden. Sie zwingen einige von ihnen, sich gegenseitig zu vergewaltigen. Wenn es eine Hölle gibt, kann man sie hier sehen." Andrej Babitzkij sei nicht vergewaltigt worden, "aber sie haben ihn so böse zusammengeschlagen, dass seine Brille in die Luft flog", zitiert der Independent den Soldatenbrief. Die meisten Männer, die vergewaltigt oder geschlagen würden, seien Jugendliche und wegen geringer Vergehen wie unregistrierter Pässe oder eines bei ihnen gefundenen Militärparkas festgenommen worden. "Ich kann die exotischen Methoden nicht beschreiben, die sie (die russischen Wächter, d. Red.) anwenden, um den menschlichen Willen zu brechen, um ein menschliches Wesen in ein Tier zu verwandeln." Allerdings seien auch echte Rebellen gefangen genommen worden, "für die ich kein Mitleid empfinde", schreibe der Soldat. Zwei Rebellen seien erschossen worden.

Sergej Jasterschembskij, Tschetschenien-Sprecher des Kreml, sagte der FR, das Tschernokosowo-Filtrationslager sei das einzige seiner Art. 280 Tschetschenen befänden sich dort, 316 Gefangene seien freigelassen worden. Der Independent-Bericht sei "eine Desinformation und Lüge". Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch veröffentlichte einen detaillierten Bericht über die Ermordung von mindestens 38 Zivilisten durch russische Soldaten und Einheiten des Innenministeriums (im Internet: www.hrw.org). Dieser Bericht bestehe ebenfalls aus "Fälschungen und Desinformationen", sagte Jasterschembskij.

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