1. Startseite
  2. Politik

Sprengfallen im Ukraine-Krieg: Russland setzt neuartige Antipersonenminen ein

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Viktor Funk

Kommentare

Im Kosovo lernen zurzeit Ukrainerinnen in Drei-Wochen-Kursen das Minenräumen.
Im Kosovo lernen zurzeit Ukrainerinnen in Drei-Wochen-Kursen das Minenräumen. © afp

Jeden Tag entschärfen Fachleute in der Ukraine tödliche Minen. Doch die Aufgabe ist kaum zu bewältigen.

Kiew/Mariupol – POM-3 ist ein 20 Zentimeter hoher Zylinder, der auf sechs Beinen fest auf jedem Grund steht. Wenn diese russische Antipersonenmine explodiert, schleudert sie hunderte scharfkantige Metallsplitter umher, die im Umkreis von bis zu 16 Meter töten oder verletzten können. Die Opfer müssen nicht einmal auf die Mine treten, damit sie explodiert.

„Sie kann menschliche Schritte erkennen. Wenn klar ist, dass jemand nur noch ein paar Meter von der Mine entfernt ist, springt sie hoch und zündet“, erläutert James Cowan die Funktionsweise der Waffe, die die russische Armee neuerdings im Ukraine-Krieg einsetzt. Cowan, Geschäftsführer der britischen Organisation Halo, war vor wenigen Tagen in der Ukraine, wo Halo seit 2014 Landminen räumt. 430 Menschen, fast alle Ukrainer:innen, arbeiteten dort für die Organisation.

Ukraine-Krieg: 720 Menschen kamen zwischen 2014 und 2022 durch Minen ums Leben

Vor dem 24. Februar, als Russland seinen seit 2014 dauernden Krieg gegen die Ukraine massiv ausweitete, durchkämmten Halo-Teams Straßen, Wälder und Wiesen im Osten des Landes. Mit Metalldetektoren musste man Meter um Meter absuchen. Bis zur Eskalation von Februar diesen Jahres an starben rund 720 Menschen in vom Militär verlegte Minen oder durch improvisierte Sprengfallen (seit dem Irakkrieg 2003 bekannt las IED – improvised explosive device). Seit der Konflikt um den Donbass zu einem statischen Stellungskrieg wurde, war bereits klar, dass die Räumung des Front-Streifens von gut 450 Kilometern Länge viel Zeit brauchen würde. Nun ist die Fläche viel, viel größer und die Zahl der Leute, die Minen räumen können, viel zu klein.

Mitte dieser Woche war der Waffenexperte und frühere britische Generalmajor Cowan zu Gesprächen im Auswärtigen Amt in Berlin. Deutschland unterstützt Halo mit aktuell vier Millionen Euro, berichtet Cowan. „Das ist sehr, sehr hilfreich.“ Neben seiner Organisation helfen unter anderem auch die Danish Demining Group und die Schweizerische Stiftung für Minenräumung (FSD, Fondation Suisse de déminage) bei der Beseitigung von Minen in der Ukraine, in den vergangenen Wochen mussten die Organisationen aber vor allem ihre Mitarbeiter:innen retten.

Ukraine-Krieg: Die Organisation Halo vermisst Mitarbeiter aus Mariupol

„Wir hatten 21 Leute allein in Mariupol“, berichtet Cowan. „Ein Mitarbeiter ist getötet worden, einige sind vermisst“. Andere habe man aus dem Osten des Landes in westliche Regionen weggebracht.

Vor dem 24. Februar waren Geländeuntersuchung und Minenräumung die wichtigsten Aufgaben von Halo und anderen spezialisierten Initiativen – jetzt ändert sich das. Cowan schätzt, dass Minen aktuell nur 20 Prozent des zu beseitigenden Materials ausmachten, der Rest seien verschiedene nicht explodierte Geschosse und einfach liegengebliebene russische Munition. „Russland hat auch Seeminen im Schwarzen Meer verlegt, um die ukrainische Schifffahrt zu treffen“, ergänzt Andreas Heinemann-Grüder vom Bonn International Center for Conversion (bicc). Er fordert eine „Kartierung der Minenverlegung, um nach einem Waffenstillstand wenigstens zu wissen, welche Territorien betroffen sind“. Doch genau das fehlte schon für die Gebiete am Donbass nach 2014.

Weite Teile der Ukraine müssen auf Minen untersucht werden

Mindestens 80.000 Quadratkilometer müssten nach Minen untersucht werden, teilte das ukrainische Außenministerium kürzlich mit. Der staatliche Dienst für Notfallsituationen geht sogar von rund 300.000 Quadratkilometern aus – der Hälfte des Landes. Zum Vergleich: Deutschland ist rund 360.000 Quadratkilometer groß. Der ukrainische Dienst hat für die Beseitigung von Munition und Minen 550 ausgebildete Kräfte. „Täglich vernichten sie mehrere Tausend explosive Vorrichtungen“, meldet die Behörde.

Mit dem Zurückdrängen der russischen Truppen stoßen die ukrainischen Kräfte nun häufiger auf Sprengfallen. Cowan berichtet von Antipanzerminen, die auf Antipersonenminen gelegt werden: „Wer die obere Mine entschärft und sie hochhebt, der löst die Mine darunter aus.“ Es gebe viele verschiedenartige Fallen, sagt Cowan. Nach seiner Visite in Kiew soll die Räumungsarbeit in der Region rund um die Hauptstadt bald beginnen.

Wenn es nach Cowan geht, sollte Halo in der Ukraine bald stark wachsen. Er schätzt den Bedarf an Fachkräften dort aus den Erfahrungen in anderen Ländern: In Afghanistan habe man rund 3000 Mitarbeiter gehabt, „so viele brauchen wir auch in der Ukraine“. Doch neben fehlenden Fachleuten machten die neuartigen Antipersonenminen Cowan Sorgen: POM-3. Die sind ein immenses Problem für die Mininenräumer:innen. „Wie wir damit umgehen werden, ist noch nicht klar. Manuell können sie nicht beseitigt werden“, sagt Cowan. (Viktor Funk)

Auch interessant

Kommentare