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Wenn das Essen schwächt

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Salat? In vielen deutschen Kliniken ist Rohkost auf Speiseplänen nicht zu finden. Dabei geht davon kaum Risiko aus, das steht inzwischen klar fest.
Salat? In vielen deutschen Kliniken ist Rohkost auf Speiseplänen nicht zu finden. Dabei geht davon kaum Risiko aus, das steht inzwischen klar fest. © imago/Westend61

Viele deutsche Kliniken halten an überholten Vorgaben für die Ernährung von Kranken fest. Die Folgen sind Mangelernährung – und vermeidbare Todesfälle. Von Martin Rücker.

Krebserkrankte werden nach Einschätzung medizinischer Fachgesellschaften durch eine falsche Verpflegung in Krankenhäusern unnötigen Risiken ausgesetzt. Die Warnungen werden dringlicher, finden in vielen Einrichtungen bisher allerdings kein Gehör, wie eine Abfrage unter den deutschen Unikliniken zeigt.

Hintergrund ist die Diskussion über das Konzept der „keimarmen Kost“. Lange Zeit war es Standard für Patient:innen mit Chemotherapie oder Stammzellentransplantation: Um immungeschwächte Menschen vor Lebensmittel-Infektionen zu schützen, sollen Pilzsporen oder Bakterien wie Salmonellen unbedingt vermieden werden. Viele Kliniken setzen dazu nicht nur auf langes Erhitzen, sondern verzichten auch auf Lebensmittel mit höherem Risiko, darunter rohes Fleisch und Gemüse, Salat, frisches Obst, zum Teil auch Leitungswasser.

Jeder vierte Erkrankte gilt als mangelernährt

Doch gut gemeint ist nicht unbedingt gut. Zuletzt rückte die Wissenschaft zunehmend von dem Konzept ab. Umfassende Studien fanden keinen Beleg für ein verringertes Infektionsrisiko im Vergleich zu normalem Krankenhausessen. „Wer immer noch auf keimarme Ernährung setzt, bewegt sich im Bereich der Alternativmedizin“, sagt daher Jutta Hübner, die bei der Deutschen Krebsgesellschaft (DKG) die Arbeitsgemeinschaft Prävention und integrative Medizin in der Onkologie leitet. Mehr noch: Nach Einschätzung von Fachleuten schadet die verzichtreiche Nahrung sogar.

Inzwischen warnt die DKG deshalb gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinische Onkologie, dem Verband der Diätassistenten und dem Berufsverband Oecotrophologie eindringlich vor einem Festhalten an der keimfreien Kost. Diese bringe „keinen Vorteil, aber erhebliche Risiken“ für die Krebspatienten, heißt es in einer Stellungnahme – die Rede ist von einer „wesentlichen Fehlversorgung“ der Betroffenen. Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährungsmedizin schloss sich der Warnung an.

In Kliniken gilt jeder vierte Erkrankte als mangelernährt – also nicht zwingend untergewichtig, sondern mit wichtigen Nährstoffen wie Proteinen, Vitaminen und Mineralstoffen kritisch unterversorgt. In der Krebsmedizin ist der Anteil noch höher.

Mangelernährung sei hier der „Elefant im Raum“, beklagte schon vor Jahren der US-amerikanische Onkologe Declan Walsh. Alle sehen, dass er da ist, aber niemand will sich so richtig um ihn kümmern. Dabei sind die weitreichende Folgen gut untersucht: Mangelernährte Patienten bleiben länger im Krankenhaus als Normalgenährte, müssen mit mehr Komplikationen rechnen und haben ein höheres Risiko zu sterben. Bei bis zu 20 Prozent der verstorbenen Tumorpatient:innen ist nicht die Krebserkrankung die Todesursache, sondern Mangelernährung.

Kosten für das Essen im Krankenhaus.
Kosten für das Essen im Krankenhaus. © FR

Mit diesem Wissen gerät ein Verzicht auf viele nährstoffreiche und schmackhafte Lebensmittel zum Bumerang, weil er Mangelernährung noch zusätzlich fördert. So begründen die Fachgesellschaften die propagierte Abkehr von der keimarmen Kost. Bereits 2021 hatte die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention beim Robert Koch-Institut gewarnt, dass „eine solche Diät die Lebensqualität der Patienten signifikant“ beeinträchtige. Eine besonders strenge Küchenhygiene ist das Mittel der Wahl, nicht aber ein umfassender Verzicht. Auch die Europäische Gesellschaft für klinische Ernährung und Stoffwechsel rät seit Monaten von keimarmer Kost ab.

An vielen Kliniken in Deutschland aber ist diese Erkenntnis noch nicht angekommen, nicht einmal bei den stichprobenhaft angefragten Vorzeigekrankenhäusern der Universitäten. Auf Anfrage gaben zwölf von 38 Unikliniken in Deutschland keine Auskunft zu ihrem Ernährungsmanagement.

Die Uniklinik Gießen-Marburg verweigerte eine Antwort selbst nach Intervention des Hessischen Wissenschaftsministeriums. Ein Sprecher zog sich auf die Position zurück, dass man als einzige privatisierte Uniklinik der Republik keiner presserechtlichen Auskunftspflicht unterliege.

Falsch versorgt

Etwa 25 Prozent der Klinik-patient:innen sind mangelernährt. Krebserkrankte sind sogar noch häufiger von einer Unter- versorgung mit wichtigen Nährstoffen betroffen – in mancher Krankenhausstation sogar 60 Prozent.

In der Folge führt die Mangel-ernährung zu längeren Klinikaufenthalten, mehr Komplikationen und schlechteren Heilungschancen.

Bei etwa 20 Prozent der verstorbenen Tumorkranken war nicht der Krebs die Todesursache, sondern die Folgen einer Mangelernährung.

Circa „70 bis 80 Prozent aller Krankheiten“ haben einen Ernährungshintergrund oder müssten ernährungstherapeutisch behandelt werden, meinen ernährungsmedizinische Fachgesellschaften.

Ernährungstherapie und eine auf individuelle Bedürfnisse angepasste Verpflegung rettet Leben, das bewies eine große Studie mit rund 2000 schwer erkrankten Patienten an acht Schweizer Kliniken zwischen 2014 und 2018: Nach 30 Tagen hatten die Ernährungsvorgaben das Risiko der Patienten für schwere Komplikationen um 21 Prozent gesenkt, das Sterberisiko sogar um 35 Prozent im Vergleich zu Patienten, die gewöhnliches Krankenhausessen erhielten.

Seit 2011 gibt es einen Qualitätsstandard für Krankenhausverpflegung, entwickelt von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Wie verbreitet er ist, ist unbekannt: Nur gut vier Prozent der Krankenhäuser wurden von der DGE zertifiziert und lassen die Einhaltung des Standards kontrollieren. mr

Auch von den 26 auskunftsbereiten Einrichtungen gingen einige auf Fragen nicht ein. Immerhin 17 der 26 Häuser erklärten aber, Patienten mit Chemo- oder Stammzellentherapie weiterhin regelmäßig keimarme Kost zu verabreichen – auch in Frankfurt.

Das Klinikum der Goethe-Universität verabreicht keimarme Kost an Patient:innen mit Stammzellentransplantation und an Menschen mit Blut- oder Tumorerkrankungen, wenn sie bestimmte Werte für die Blutkörperchen unterschreiten. In der Ernährungsmedizin wird das kritisch gesehen. Die Rede ist von „pseudowissenschaftlichen Kriterien“ ohne Evidenz.

Die Liste der Lebensmittel, die das Frankfurter Uniklinikum für Betroffene weglässt, ist lang: Verboten sind zahlreiche Käsesorten, rohes Obst und Gemüse, das nicht geschält werden kann, Blatt- und Rohkostsalate, Trockenobst, Vollkornbrot, Müslimischungen, ungekochte Getreideflocken, frische und getrocknete Kräuter, Nüsse, Pralinen, Kartoffelchips und vieles mehr.

Auf FR-Anfrage erklärt ein Sprecher, dass die Praxis derzeit überarbeitet werde: „Uns sind die aktuellen Empfehlungen bekannt und deshalb streben auch wir an, die keimarme Kost in der Onkologie zu verlassen.“ Wann und wie konsequent die Umstellung erfolgt sein soll, lässt er offen.

Besseres Essen führt zu schnellerer Heilung

Auch darüber hinaus gibt es in Frankfurt Nachholbedarf. Zwar screent die Uniklinik „prinzipiell“ alle Tumorerkrankte auf ihren Ernährungszustand, spezielle „Ernährungsteams“ zur ernährungsmedizinischen Betreuung mangelernährter Patienten:innen, wie ebenfalls von Fachgesellschaften gefordert, gibt es jedoch nicht.

Welchen Effekt solche Maßnahmen haben, wies eine große Schweizer Studie mit rund 2000 Fällen eindrucksvoll nach. 2019 im Fachjournal „The Lancet“ publiziert, belegte sie, dass Ernährungsteams mit einer auf die individuellen Bedürfnisse eingestellten Ernährung die Heilungschancen der Erkrankten verbessern, Leidenszeiten verkürzen und Überlebenschancen erhöhen können.

Die Teilnehmer:innen der Studie waren mit Krebs- und anderen schweren Erkrankungen in die Klinik gekommen und zeigten zudem Anzeichen von Mangelernährung. Während eine Hälfte die übliche Krankenhauskost erhielt, stimmten Diätassistenten für eine zweite Gruppe die Verpflegung gezielt auf die Bedürfnisse ab.

Nach 30 Tagen hatten die Menschen, die Ernährungstherapie erhielten, ein um 21 Prozent niedrigeres Risiko für schwerwiegende Komplikationen und ein um 35 Prozent verringertes Sterberisiko im Vergleich zu jenen, die nur das übliche Krankenhausessen erhielten. 2021 bestätigte die staatliche US-amerikanische Agentur für Forschung und Qualität im Gesundheitswesen die positiven Auswirkungen solcher Ernährungstherapie auf klinische Ergebnisse in einer Übersichtsarbeit.

In Deutschland hatte die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) 2019 versucht, das Thema Mangelernährung in Krankenhäusern in die öffentliche Diskussion zu bringen. Dies sei ein „relevantes Gesundheitsproblem“ mit „gravierenden Folgen“, mahnte sie – und wies darauf hin, dass die meisten mangelernährten Patient:innen in den Kliniken gar nicht erst erkannt, geschweige denn von Diätassistenten oder Ernährungsteams betreut würden.

Schätzungen zufolge gibt es solche Teams allenfalls an jedem zehnten Krankenhaus in Deutschland, und die Stellen für Diätassistenten gehen seit Jahren zurück. Allen Warnungen zum Trotz schafft es das Thema nicht auf die politische Agenda. Der Koalitionsvertrag des Ampelbündnisses etwa adressiert es mit keinem Wort.

2003 war dies anders. Da verabschiedete der Europarat unter Beteiligung der deutschen Bundesregierung eine Resolution, in der er die Zahl mangelernährter Krankenhauspatient:innen als „inakzeptabel“ bezeichnete. Er fügte eine lange Liste dringend empfohlener Handlungsempfehlungen bei. Was seit dem geschehen ist? Beim Bundesgesundheitsministerium hat man dazu „keine Erkenntnisse“.

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