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Winter in Kiew: Wenn Angst in die Stadt kriecht

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Von: Dmitri Durnjew

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Trübe Aussichten, Alltag im Ausnahmezustand: Eine Frau fährt Bus in Kiew- Normalität in Zeiten des Krieges.
Trübe Aussichten, Alltag im Ausnahmezustand: Eine Frau fährt Bus in Kiew- Normalität in Zeiten des Krieges. © Bülent Kilic/afp

In der ukrainischen Hauptstadt Kiew trotzen die Menschen bei eisigen Temperaturen der Gefahr von Raketeneinschlägen.

Nach Plan gibt es um sieben Uhr wieder Elektrizität. Aber erst kurz vor acht beginnt der Heizkörper in der Küche zu summen, die Wasserpumpe des Hauses ist angesprungen, 40 Sekunden später leuchten die roten Ziffern des Mikrowellenherdes auf, Strom. Zehn Minuten danach fährt das Internet wieder hoch. Es ist ein verheißungsvoller Morgen. Auch bei fünf Grad Frost draußen hat sich die Zweizimmerwohnung im zehnten Stock nach einer ungeheizten Nacht noch nicht abgekühlt. „Hauptsache“, sagt Nachbar Alexei, Rettungssanitäter, „wir werden nicht bombardiert.“

Wären die Ukrainer:innen pessimistisch, grübelten sie vielleicht über Schlimmstfallszenarien: Die russischen Raketen schalten ihr Stromnetz komplett aus, das Heizwasser gefriert in den Rohren, hunderttausende Plattenbausiedlungen werden unbewohnbar. Aber Kiew hält Optimismus für angebrachter.

Dabei sagen hier alle, es drohe wieder ein Großangriff. Und die 2,9-Millionen-Stadt leidet täglich unter Strom- und Wasserausfällen: „3 bis 7, 12 bis 16, 21 bis 24 Uhr“ lautet der Abschalt-Tagesplan in unserem Plattenbauturm am Petro Grygorenko-Prospekt, im Wohnbezirk Posnjaki.

Russland will die Ukrainer:innen mit seinen Raketen in Dunkelheit und Kälte bomben, sie zum Aufgeben zwingen. Aber die haben in ihren Köpfen längst auf einen Modus umgeschaltet, der Improvisation und Geduld mit Zorn und Zuversicht vereint. An diesem Modus zerschellen Moskaus Raketenschläge bisher.

Der Morgen verlangt Ausdauer. Ohne Strom steigt man 180 Stufen das Treppenhaus hinab. Mit Strom spielt man „ukrainisches Roulette“, wie die Einwohner:innen scherzen: Fährst du Lift, wenn die Elektrizität ausfällt, bist du Stunden gefangen. In der Metro-Station Posnjaki drängt sich das Volk, die U-Bahn kommt nicht wie in Friedenszeiten nach drei, sondern erst nach neun Minuten. Sie ist überfüllt, im Stehen diskutiert eine Gruppe Frauen über Kochplatten, die mit Gasdosen betrieben werden. Auf Handys leuchten Frontvideos und Telegram-Nachrichten. Die Russ:innen versuchen, den Krieg zu ignorieren, die Ukrainerinnen und Ukrainer leben ihn.

Alltag im Wahnsinn des Krieges: Metrostation in der Hauptstadt. Dmytro Durnjew
Alltag im Wahnsinn des Krieges: Metrostation in der Hauptstadt. © Dmytro Durnjew

In der elitären Boutique Conceptica steht jetzt ein Tisch für Leute aus den Nachbarhäusern, die kein Licht und Internet haben. Autofahrerinnen und Fußgänger tasten sich über eine Kreuzung mit ausgefallenen Ampeln. Und überall brummen Generatoren. Diesel- mischt sich mit Kaffeegeruch aus den Cafés. Der Militärexperte Oleksi Melnyk, ein Ex-Kampfflieger, bestellt Americano. Auch wenn der Westen mehr Flak-Systeme liefere, seien neue Einschläge in Kraftwerken und Umspannstationen nicht zu verhindern, sagt er. Aber die Stromausfälle beeinträchtigen die Kampfkraft der Fronttruppen nicht, der Abnutzungskrieg gehe weiter. Die Ukraine könne siegen, wenn die USA und die anderen Verbündeten ihr die Stange hielten.

Der Politikwissenschaftler Ihor Rejterowitsch trinkt Cappuccino, er sagt, bei allen Meinungsumfragen lehnten mindestens 85 Prozent der Teilnehmer:innen Verhandlungen mit Russlands Präsident Wladimir Putin ab, solange dessen Armee auf ukrainischem Boden stehe. Der Kreml begreife nicht, dass es mit seinem Raketenkrieg den Widerstandswillen der Ukrainer nur noch anheize. Die Züge nach Polen sind nicht ausverkauft, es gibt keine neue Flüchtlingswelle, erst recht keine prorussischen Straßenproteste.

Am frühen Nachmittag kriecht Angst in die Stadt. Kurz vor zwei, auf der Prorisna, ruft ein Freund an: „Luftalarm, schau, dass du ein Dach über den Kopf kriegst!“ Tatsächlich sind die Menschen eilig unterwegs, der graue Himmel scheint plötzlich tiefer zu hängen.

Im unterirdischen Einkaufszentrum Metrograd drängen sich Hunderte in Winterjacken, manche haben Klappstühle mitgebracht. Die Leute, meist Mitarbeiter:innen der umliegenden Büros, suchen Zuflucht vor den anfliegenden Marschflugkörpern. Hält die Fahrbahndecke über den Schickimicki-Läden? „Ein Volltreffer ist unwahrscheinlich“, erklärt ein Bankangestellter. „Hauptsache, man ist vor den Splittern in Sicherheit!“ Ob die Raketenattacken nicht zermürben? Der Mann grinst sarkastisch: „Nein, wir lieben es, wenn man uns mit Bomben bewirft, uns quält und tötet.“ Die Russen, sagt er, seien „Viecher“. Es ist eher ein Nachmittag des Zorns als der Angst.

Es dämmert, als zwei Stunden später die Entwarnung kommt. Der Feind hat elf Raketen auf Kiew abgefeuert, zehn werden von der Luftabwehr vernichtet, eine ist ein Blindgänger. Aber in anderen Städten gibt es Wirkungstreffer, vier Menschen kommen ums Leben. In der Region Odessa sitzen nach einem Drohnenangriff über 1,5 Millionen Menschen ohne Strom.

Der Abend droht traurig zu werden. Am Grygorenko-Prospekt wird der Strom planmäßig um 21 Uhr abgeschaltet, aber schon eine Stunde vorher hocken die Plattenbauten düster im Schnee, nur aus wenigen Fenstern glimmt Helligkeit. Drinnen drücken Dunkelheit und Stille.

Man fühlt sich wie ein Fisch in einem Aquarium ohne Licht, möchte Bildschirme einschalten oder wieder hinaus, auf die Straße, laute Stimmen hören. Die Kaffeebuden sind erleuchtet, Generatoren knattern im Chor, davor sitzen junge Mädchen auf Plastiksesseln und pusten Zigarettenrauch in die schwarze Nachtluft. Ein Mann in hellgrüner Tarnuniform rennt übers vereiste Trottoir, er zieht ein jubelndes Kind auf einer Rodelscheibe hinter sich her. Kriegswintervergnügen in Kiew

In der Obstbude an der Ecke brennt Licht, auf einem Regal stehen zwei Autobatterien und ein Trafo. „Die Russen sind Schwächlinge“, höhnt Verkäufer Ruslan. „Statt an der Front gegen uns zu kämpfen, beschießen sie friedliche Städte mit Raketen. Wie die Armenier.“ Der Aserbaidschaner hält einen Vortrag über die siegreichen Kämpfe gegen die Armenier im Karabach-Feldzug von 2020. Um Karabach hätte die Aserbaidschan 30 Jahre gekämpft, auch der Krieg der Ukraine gegen Russland dauere noch Jahre. „Aber am Ende werden wir sie besiegen.“

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