1. Startseite
  2. Politik

Wenn alles wahr und alles unwahr ist

Erstellt:

Von: Peter Rutkowski

Kommentare

Ukraine-Krieg: Moskaus schärfste Waffe im Arsenal nennt sich „Hypernormalisation“. Das ist ein unentwirrbares Geflecht aus Fakten, Lügen und Märchen – und extremem Fatalismus.

Der Mann heißt Wladislaw Surkow. Vielleicht trug er mal den Namen Aslambek Dudajew. Und irgendwann firmierte er womöglich unter Nathan Dubovitsky. Bei der sowjetischen Artillerie könnte er noch gedient haben. Viele stimmen darin über ein, dass er nach seinem Militärdienst Theatermacher wurde. Die Wikipedia ist sich sicher, dass er während der Perestroika Marketing für verschiedene Medien betrieb. Und unter Putin als Präsident oder Premier habe Surkow auch Regierungsposten bekleidet. Von seinem letzten soll er vom Chef persönlich gefeuert worden sein. Aber wirklich weg vom Fenster ist er nicht. Oder nicht?

Oder stimmt das alles und dann auch wieder nicht? In seinem fulminanten Dokumentarfilm „Hypernormalisation“ von 2016 glaubt der britische Filmemacher Adam Curtis in Surkow den mephistophelischen Einflüsterer des Mannes im Kreml ausgemacht zu haben.

Demnach hat Surkow die realitätsfremd übertriebene Propaganda der sterbenden Sowjetunion ins 21. Jahrhundert übergeführt. Und die als „Hypernormalisation“ bezeichnete fatalistische Perspektivlosigkeit der Menschen angesichts der unvereinbaren Widersprüche des Sowjetregimes als Gestaltungsprinzip der neuen russischen Propaganda zu Hause und in aller Welt perfektioniert.

Das grundlegende Element der „Hypernormalisation“ ist, dass alles wahr und unwahr zur gleichen Zeit ist. Alles ist dann vielleicht so, wie es scheint. Oder ist nicht so. Aber was, wenn doch? Auch der banalsten Fälschung will man dann eher Glauben schenken, so sie nur souverän genug als Wahrheit propagiert wird. Man könnte es als „Enkeltrick“ des digitalen Zeitalters bezeichnen: Wenn das Opfer konsequent von allen Möglichkeiten der eigenen Meinungsbildung ferngehalten wird, ist der Erfolg des „Con Man“, des redegewandten Betrügers, praktisch gesichert.

In Russland funktioniert das, indem man Mythen und Schauermärchen aus der 1917er Revolution, den Bürgerkriegen 1918 bis 1923 und aus dem Zweiten Weltkrieg verwebt zu einer scheinbaren historischen Kontinuität eines unmenschlichen Feindes des heiligen Russland.

Die Genialität Surkows – und damit Putins – liegt laut Dokumentarist Curtis darin, auch alle Alternativen zu diesem Herrschaftsdiskurs unter ihrer Kontrolle zu halten. Als Beispiel führt der BBC-Veteran an, wie Surkow gleichzeitig faschistische Gruppen und den antifaschistischen Widerstand in Russland finanzierte.

Die russischen „Hypernormalisierer“ trafen in der Ukraine seit 2014 dann auf ein noch viel einfacheres Terrain für ihr Tun. Denn dort gab es nicht nur ohnehin russophile Milieus, sondern auch als Eigengewächs faschistische antisemitische Gruppen von Ultranationalisten. Insofern sagt Putin dann tatsächlich mal die Wahrheit, wenn er behauptet, in Russland kenne man die Faschisten der Ukraine. Aber eigentlich meint er die demokratischen Kräfte. Oder?

Auch interessant

Kommentare