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Ole von Beust, 56,  trat im  August 2010  als Hamburgs Erster Bürgermeister zurück.
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Ole von Beust, 56, trat im August 2010 als Hamburgs Erster Bürgermeister zurück.

Privatleben der Politiker

Wenn Affären nicht mehr privat sind

Die Affäre von Boetticher ist in Politikerkreisen kein Einzelfall, schaut man auf die Liebeleien von Ole von Beust, Willy Brandt oder Franz Josef Strauß. Doch das Private ist längst politisch geworden.

Von xxhs

Die Affäre von Boetticher ist in Politikerkreisen kein Einzelfall, schaut man auf die Liebeleien von Ole von Beust, Willy Brandt oder Franz Josef Strauß. Doch das Private ist längst politisch geworden.

Eine Beziehung zwischen einem Politiker gesetzteren Alters und einem sehr jungen Partner – das gab es im Norden schon einmal. Kurz nach seinem völlig überraschenden Rücktritt als Erster Bürgermeister von Hamburg zeigte Ole von Beust (CDU) sich im vergangenen Jahr öffentlich mit dem mutmaßlich eigentlichen Rückzugsgrund: einem 19-jährigen Medizinstudenten. Die Liaison war, ganz ähnlich wie im Falle von Boetticher, vorher schon Gegenstand manch anzüglicher Gespräche in CDU- und anderen Kreisen der Hansestadt.

Der eigentlich einen feinen, hanseatischen Stil pflegende Christdemokrat hatte seinen Rücktritt offiziell mit der bemerkenswerten Formulierung begründet, er fühle sich nach vielen Jahren im öffentlichen Amt einfach durchgenudelt. Man möchte kaum glauben, dass ihm der ordinäre Subton des Wortes nicht bewusst gewesen wäre. Es dürfte sich eher um seine genau so gemeinte Antwort auf die ehrpusseligen Kommentare der Hamburger Springerzeitungen gehandelt haben, die ihm, so etwa der Chefredakteur des Abendblatts, eine „glücksbedingte Pause des Verstands“ attestierten.

Von Brandt bis Kennedy

Nun darf man annehmen, dass in diesem Fall nicht nur das Alter, sondern auch das Geschlecht des jungen Partners für zusätzliche Dosis Moralinsäure gesorgt hat, selbstverständlich niemals eingestanden. Denn bis zu diesem Tag hatte von Beust der hamburgischen, leicht zu indignierenden Gesellschaft den Gefallen getan, seine Homosexualität immerhin nicht offen zu leben. Das ließ sich gerade noch ertragen.

Nun ist es legitim zu fragen, was zwei bis drei Mal so alte Männer – und in selteneren Fällen auch Frauen – bei Partnern suchen mögen, die kaum oder noch nicht einmal die Schule verlassen haben. Und umgekehrt. Aber auch die Reaktion von Beusts war legitim: „Wichtig ist, dass man zuverlässig, anständig und nach dem Gesetz lebt. Der Rest sind Ressentiments.“

Das Private ist nicht politisch, könnte man diese Haltung umschreiben. Wie wenig sie mit der Realität zu tun hat, zeigen aber gerade die Fälle von Boetticher und von Beust: Das Private ist längst politisch. Dies war eine der Parolen der 68er Bewegung. Sie wandte sich auch gegen die Verlogenheit einer Gesellschaft, die strenge moralische Grundsätze aufstellte, Kuppelei, Ehebruch und Homosexualität juristisch verfolgte, über Abweichungen in besseren Kreisen aber gern hinwegsah.

Das war für affärengeneigte Männer wie Willy Brandt oder Franz Josef Strauß eine feine Sache: Das Private war ja nicht politisch. Über Affären wurde allenfalls getuschelt, dann wandte man sich wieder seiner Arbeit zu, auch als politischer Korrespondent in Bonn, beispielsweise. Es war ein vielleicht verlogener, aber doch auch menschenfreundlicher Umgang mit den privaten Schwächen öffentlicher Personen.

Wie öffentlich inzwischen das Private ist, haben zum Beispiel Gerhard Schröder und Joschka Fischer erleben müssen, mit ihren vierten und fünften Ehen, die sie nur unter intensiver öffentlicher Betrachtung und Kommentierung eingehen konnten. Das waren große, politisch interpretierte Themen, keine Petitessen. Ihr Altersgenosse Bill Clinton hätte über der Affäre mit Monica Lewinsky fast sein Präsidentenamt verloren, während John und Robert Kennedy ein amouröses Leben fern aller Öffentlichkeit führen konnten, wie es auch Francois Mitterrand noch gekannt hat. Es zeigt sich: Die moderne, offene Gesellschaft unserer Tage ist gar nicht so liberal und tolerant wie gern gedacht.

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