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Weniger Menschen als erwartet gingen gegen Erdogan in Köln auf die Straße.

Erdogan in Köln

Weniger Erdogan-Gegner als erwartet

Lauter Protest und großer Jubel bei Erdogans Besuch in Köln: Allerdings zählt die Polizei weniger Gegendemonstranten als erwartet.

Als der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan am Samstagnachmittag aus Berlin kommend auf dem Kölner Flughafen eintrifft, haben sich in der Kölner Innenstadt längst seine Gegner zu Protesten versammelt. „Dass er nach Köln kommt, ist eine Provokation. Wir sind hier um zu zeigen: Köln mag dich nicht“, sagt ein 22-jähriger Student am Rande der größten Anti-Erdogan-Kundgebung in Köln-Deutz.

Der junge Mann trägt einen weißen Overall, der an mehreren Stellen mit blutroter Farbe beschmiert ist. Mit drei Gleichgesinnten im Alter von 19 bis 26 Jahren ist er am Samstagvormittag zur Deutzer Werft am rechten Rheinufer gekommen, um gegen den türkischen Staatschef und gegen deutsche Waffen in Konflikten im Nahen Osten zu demonstrieren.

„Diktatur, Massenmord, Erdogan bricht sein Wort“, steht auf dem großen Transparent, das die vier jungen Leute aus dem Kölner Umland gemalt haben. Andere Teilnehmer der Demonstration des Kölner Bündnisses „Erdogan not welcome“ tragen Plakate mit Aufschriften wie „Stoppt die Erdogan-Diktatur“ und „Erdogan – go home“.

Kurden demonstrieren gegen Erdogan

Die Demonstranten – unter ihnen viele Kurden – skandieren während der Kundgebung „Terrorist Erdogan“. Die lauten Sprechchöre können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Zahl der Kundgebungsteilnehmer mit nur 1200 bis 1400 weitaus niedriger ist als erwartet – angemeldet waren mindestens 5000. Als ein Grund für die geringen Teilnehmerzahlen wird in Demonstrantenkreisen die Furcht vor Bespitzelung durch Erdogan-Getreue genannt.

Auf der gegenüberliegenden Rheinseite haben sich zur selben Zeit in der nördlichen Kölner Innenstadt bis zu 500 Erdogan-Gegner zu einer Demonstration der Alevitischen Gemeinde in Deutschland versammelt. „Gegen Ungerechtigkeit und Tyrannei. Setze ein Zeichen für Demokratie, Freiheit und Gerechtigkeit“, steht auf einem großen Plakat hinter der Rednerbühne geschrieben.

Erdogan-Anhänger auch lautstark

Auch bei der alevitischen Demonstration bleibt die Teilnehmerzahl weit hinter den Erwartungen zurück – die Veranstalter hatten mit 3000 Menschen gerechnet. Zwischenfälle gibt es bei beiden Demonstrationen nicht.

Mehr als 3000 Beamte aus mehreren Bundesländern sowie Bundespolizisten sind an diesem Tag in Köln im Einsatz – um die Sicherheit des Staatsgastes Erdogan zu gewährleisten und die Kundgebungen zu begleiten. Es ist einer der größten Polizeieinsätze seit Jahren im demonstrationserprobten Köln.

Auch die Erdogan-Anhänger machen an diesem Samstagnachmittag in Köln lautstark auf sich aufmerksam. Als der türkische Präsident zur Einweihungsfeier an der Zentralmoschee des türkisch-islamischen Moscheeverbandes Ditib in Köln-Ehrenfeld eintrifft, haben sich an Absperrungen auf zwei Straßen in Moscheenähe Schätzungen zufolge deutlich über 1000 nationaltürkisch Gesinnte versammelt. Sie wollen Erdogan feiern – und sie tun dies in beträchtlicher Lautstärke.

Kölner Behörde sagt Ditib-Veranstaltung ab

Die Kölner Polizei spricht später in einer Einsatzbilanz sogar von insgesamt 20 000 Menschen an den zahlreichen Absperrungen im weiten Moscheeumfeld – allerdings auf den ganzen Tag gerechnet, Doppelzählungen nicht ausgeschlossen.

Die Erdogan-Befürworter sind trotz der klaren Ansage von Stadt und Polizei gekommen, dass sie Erdogan bei der Einweihungsfeier vor 1100 geladenen Gästen nicht zu Gesicht bekommen werden: Am Freitagabend hatten die Behörden eine ursprünglich geplante Außenveranstaltung an der Moschee mit bis zu 25 000 Teilnehmern abgesagt, weil die Ditib ein mangelhaftes Sicherheitskonzept vorgelegt habe.

Die Stimmung unter den Menschen an den Absperrungen zum Moscheebereich beschreibt die Kölner Polizei während der kurzen Erdogan-Visite als „sehr emotional“. An einer Stelle muss die Polizei eine Kette einziehen, um Anhänger und Gegner des türkischen Präsidenten zu trennen.
„Einzelnen Straftaten sowie Versuchen, Andersdenkende an ihrer freien Meinungsäußerung zu hindern, begegneten die Polizisten konsequent“, heißt es am Samstagabend in der Polizeibilanz.

Und die Polizisten unterbanden auch den Versuch türkischer Sicherheitskräfte, eigenständig eine Flatterbandabsperrung entlang einer Hauptverkehrsstraße an der Moschee einzuziehen. Denn für Einsätze in Köln ist immer noch die deutsche Polizei zuständig. (afp)

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