Libyen

Wende im libyschen Bürgerkrieg?

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Khalifa Haftars Truppen werden zurückgedrängt. Die Kämpfe in Libyen treffen Einwohner und Flüchtlinge immer stärker.

Am Wochenende eilte Khalifa Haftar persönlich an die Front, um die Moral seiner Soldaten aufzurichten. Es werde „eine harte Antwort“ geben, schwor der ostlibysche Marschall. Der Türkei drohte er, deren Frachtschiffe in libyschen Hoheitsgewässern zu bombardieren, alle Flugverbindungen mit Ankara zu kappen sowie sämtliche türkische Staatsbürger in seinem Machtbereich verhaften zu lassen. Der Zorn Haftars, den Präsident Recep Tayyip Erdogan am Sonntag mit einer scharfen Warnung beantworten ließ, hat seinen Grund. Denn vor allem dank der türkischen Waffenhilfe gelang es den Milizen der international anerkannten „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ (GNA) in Tripolis, dem Angreifer aus dem Osten eine vielleicht vorentscheidende Niederlage beizubringen.

Hals über Kopf musste Haftars „Libysche Nationalarmee“ (LNA) ihre wichtigste Angriffsbasis, die 80 Kilometer südlich der Hauptstadt gelegene Stadt Garian, aufgeben, nachdem deren Bewohner die Eindringlinge im Bündnis mit Einheiten aus Tripolis vertreiben konnten. Haftars Ziel, die libysche Metropole zu erobern und damit in ganz Libyen die Macht zu übernehmen, ist wohl endgültig gescheitert.

Waffen von Regionalmächten

Nach Augenzeugenberichten aus Garian ließ dessen Generalstab in dem Fluchtchaos große Mengen an Unterlagen und Waffen zurück. In der Küche der Kommandozentrale stand noch halbverbranntes Essen im Ofen. Nun verfügt Haftar im Westen Libyens nur noch über eine einzige Bastion, die Stadt Tarhuna 60 Kilometer südöstlich von Tripolis.

Die überraschende Wende nach drei Monaten Krieg geht vor allem auf beträchtliche türkische Rüstungslieferungen zurück sowie auf das massive Eingreifen zusätzlicher Milizen aus Misrata und Zintan. Dagegen mussten Haftars Truppen in Garian hochmoderne Waffen aus den USA und China zurücklassen, die wahrscheinlich aus Beständen der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) stammen. Darunter sind US-amerikanische Panzerabwehrraketen des Typs Javelin, die laut Beschriftung 2008 an Abu Dhabi geliefert wurden, sowie lasergesteuerte chinesische Artilleriegeschosse und Wing-Loong-Angriffsdrohnen, wie sie die Emirate und Ägypten haben. Die Milizen von Tripolis wiederum verfügen seit kurzem über Drohnen vom Typ Bayraktar, die von der Türkei geliefert wurden.

In den Kämpfen, die am 4. April begannen, wurden bisher mindestens 700 Menschen getötet und 3500 verletzt. Mehr als 100 000 Libyer mussten fliehen. Für Flüchtlinge aus anderen Ländern hat sich die ohnehin katastrophale Lage damit noch weiter verschlechtert.

Das Kriegsgerät aus der Türkei sowie das in Garian zurückgelassene emiratische Raketenarsenal zeigen, dass der libysche Bürgerkrieg längst zu einem Stellvertreterkrieg geworden ist. An der Seite der Verteidiger von Tripolis steht neben der Türkei auch Qatar. Der angreifende General Haftar wird von Ägypten, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten versorgt.

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