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Nach dem schweren Schlaganfall des israelischen Premiers hat sein Vize Ehud Olmert die Amtsgeschäfte übernommen.

Weltweite Sorge über Ende der Ära Scharon

Israels Regierungschef nach Notoperation im künstlichen Koma / Vize Olmert übernimmt Amtsgeschäfte / Weiter Unruhen in GazaDer lebensbedrohliche Schlaganfall von Premier Scharon hat Israel und den Nahen Osten in politische Ungewissheit gestürzt und international Bestürzung ausgelöst. Palästinenserpräsident Abbas äußerte sich besorgt über die Folgen. Die Gewalt im Gaza-Streifen hielt an.

Jerusalem · Ärzte kämpften am Donnerstag in einem Krankenhaus in Jerusalem nach zwei Notoperationen um das Leben des 77-jährigen Ariel Scharon, der in der Nacht wegen Hirnblutungen bewusstlos in das Hospital gebracht worden war. Mediziner beschrieben seinen Zustand als "sehr ernst, aber stabil". Die Chancen auf eine Genesung ohne Hirnschaden stuften Experten als "fast gleich null" ein. Noch in der Nacht waren die Amtsgeschäfte auf Vizepremier Ehud Olmert übertragen worden. Der ehemalige israelische Botschafter Avi Primor erklärte im Inforadio von rbb, er gehe davon aus, dass Scharon nicht in sein Amt zurückkehren werde. Die Zeitung Jediot Achronot titelte "Das letzte Gefecht".

Der Leiter des Krankenhauses Hadassa Ein Kerem, Schlomo Mor Josef, sagte am Donnerstag, Scharon befinde sich in einem künstlichen Koma und werde beatmet. Er solle noch mindestens 24 Stunden in dem Koma belassen werden.

Beobachter bezeichneten den Zustand Scharons als schwere Erschütterung für Israel. Der Regierungschef hatte soeben die neue Partei Kadima gegründet, mit der er bei den Parlamentswahlen am 28. März antreten wollte. Zuvor hatte er Israels Abzug aus dem Gaza-Streifen durchgesetzt. Mitte Dezember erlitt er bereits einen leichten Schlaganfall. Experten schließen nicht aus, dass die Blutverdünnungspräparate, mit denen er daraufhin behandelt worden war, zu den schweren Hirnblutungen beigetragen haben.

Bei einer Dringlichkeitssitzung des Kabinetts sagte Olmert, die Parlamentswahl solle wie geplant stattfinden: "Dies ist eine schwierige Stunde für uns alle und eine Situation, mit der wir nicht vertraut sind." Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und Regierungschef Ahmed Kureia wünschten Scharon eine rasche Besserung und äußerten sich besorgt über regionale Folgen.

US-Präsident George W. Bush übermittelte Scharon beste Genesungswünsche. Zwei US-Unterhändler verschoben ihre Nahostmission. Sie sollten im Streit über die Teilnahme von Palästinensern aus Ost-Jerusalem an der palästinensischen Parlamentswahl Ende Januar vermitteln. Kanzlerin Angela Merkel wünschte Scharon ebenfalls "von ganzem Herzen baldige Genesung". Betroffen zeigten sich auch die Regierungen in London, Paris und Tokio sowie die EU.

In Gaza wurde bei einer Schießerei im Wahlkampf ein Hamas-Anhänger erschossen. Die Hamas machte Aktivisten der rivalisierenden Fatah verantwortlich. Am Grenzübergang Rafah nach Ägypten waren am Vorabend zwei ägyptische Grenzschützer bei einem Feuergefecht getötet worden. Die palästinensische Wahlkommission reichte ihren Rücktritt ein. Damit protestiere sie gegen die Einmischung der Regierung, die 60 000 Angehörigen der Sicherheitskräfte die Stimmabgabe in den Kasernen erlaubt habe, so das Gremium. dpa/ap/rtr

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