Wasser marsch: Dieses Kind stillt seinen Durst an einem Brunnen, der mit Mitteln der Welthungerhilfe in Liberia gebohrt wurde.
+
Wasser marsch: Dieses Kind stillt seinen Durst an einem Brunnen, der mit Mitteln der Welthungerhilfe in Liberia gebohrt wurde.

50 Jahre Welthungerhilfe

Die Weltverbesserer

Seit einem halben Jahrhundert kämpfen Nichtregierungsorganisationen gegen Hunger und Armut. Mehr als eine Billion US-Dollar sind in dieser Zeit gezahlt worden. Die Ergebnisse aber sind bescheiden.

Von Martina Doering

Entwicklungshilfe ist wie eine Droge, deren regelmäßiger Gebrauch Abhängigkeit hervorruft, schreibt James Shikwati. Der kenianische Ökonom ist einer der schärfsten Kritiker westlicher Hilfen für die armen Länder der Welt. Er ist nicht der einzige. Das Entwicklungshilfe-System sei faul, erklärt auch der US-amerikanische Afrika-Experte William Easterly. Die Hilfe führe zu Korruption, manifestiere Abhängigkeiten und nähre Bürokratie, sagt die in Sambia geborene Wirtschaftsexpertin Dambisa Moyo. Mehr als eine Billion US-Dollar Entwicklungshilfe wären in den vergangenen fünfzig Jahren gezahlt worden, die Resultate aber seien bescheiden. Einige asiatische Staaten hätten es ohne diese Hilfe, einige afrikanische Staaten wie Ghana allerdings auch trotz Entwicklungsgeld geschafft.

Vor mehr als fünfzig Jahren, im Sommer 1960, hatte der damalige Chef der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO unter dem Motto „Frei von Hunger“ eine weltweite Kampagne angeschoben, 1961 wurde das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit eingerichtet.1962 gründete Bundespräsident Heinrich Lübke den „Deutschen Ausschuss für den Kampf gegen Hunger“. Die Welthungerhilfe, inzwischen eine der größten deutschen Hilfsorganisationen, nennt das als ihre Geburtsstunde. An diesem Freitag feiert sie im Berliner Ensemble mit vielen Gästen – darunter Bundespräsident Joachim Gauck – ihren fünfzigsten Geburtstag.

Hehre Ziele, schlechtes Gewissen

Zu Beginn der Sechzigerjahre waren insbesondere in der sogenannten Ersten Welt viele private, kirchliche und staatliche Nichtregierungsorganisationen sowie Stiftungen entstanden. Sie wollten helfen, Armut und Hunger in der Welt auszurotten, nicht mehr nur Nothilfe bei Katastrophen leisten, sondern die Verhältnisse ändern. Sie appellierten an das Mitgefühl der Menschen, der Solidaritätsgedanke begann eine Rolle zu spielen und bei manchem der angesprochenen Spender auch das schlechte Gewissen angesichts des eigenen, wachsenden Wohlstands.

Die staatliche Entwicklungshilfe hatte andere, weit weniger selbstlose Motive: Der Ost-West-Konflikt teilte die Welt, die gegnerischen Blöcke – die westlichen Industriestaaten auf der einen Seite, die Sowjetunion mit ihren Verbündeten auf der anderen – kämpften um Einflusssphären. Wirtschafts- und Militärhilfe und auch die Entwicklungszusammenarbeit wurden instrumentalisiert.

Frankreich und Großbritannien sahen sie als Mittel, ihre früheren Kolonialgebiete zu kontrollieren. Die Bundesrepublik versuchte, ihren Alleinvertretungsanspruch durchzusetzen. Die USA sicherten ihren lateinamerikanischen Hinterhof und wollten den Vormarsch der Sowjets und des Ostblocks aufhalten. Die kommunistischen Staaten wiederum unterstützten nationale Befreiungsbewegungen und junge Nationalstaaten, um in Afrika, Asien und der Karibik Fuß zu fassen.

Heute, fünf Dekaden später und nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sowie der Terroranschläge in New York wird staatliche Entwicklungshilfe aus anderen, aber ebenfalls nicht selbstlosen Gründen geleistet: Sie soll der Friedenssicherung dienen, sie ist Teil des Kampfes gegen Staatszerfall und Terrorismus, sie soll den Westen vor Migranten bewahren, die Rohstoffversorgung sichern und durch Exporte Arbeitsplätze erhalten.

Viel Kritik, keine neuen Konzepte

Weitgehend selbstlos, im Interesse und als Anwalt der Armen, haben in diesen Jahrzehnten wohl nur Nichtregierungsorganisationen (NGO) wie die Welthungerhilfe agiert. Ihre Mitarbeiter wählen Länder, Regionen und Orte aus, wo Hilfe am dringendsten benötigt wird. Sie arbeiten mit lokalen Organisationen sowie den Betroffenen zusammen und führen Projekte durch: Hier ist es der Anbau von neuem Saatgut oder der Bau von Brunnen und Bewässerungssystemen. Dort kümmern sie sich um die Organisation von Schulen, die HIV-Prävention oder die Einrichtung von Gesundheitszentren. Und wenn sie einen Ort verlassen hoffen sie, dass sich die Menschen dort künftig selber helfen können. Der Traum ist „eine Welt, in der alle Menschen die Chance haben, das Recht auf ein selbstbestimmtes Leben in Würde und Gerechtigkeit, frei von Hunger und Armut wahrzunehmen“, wie auf der Webseite der Organisation steht.

Sind Forderungen wie jene von James Shikwati dennoch legitim, die Entwicklungshilfe abzuschaffen und die Arbeit der NGO zu stoppen? Keiner der Kritiker hat ein schlüssiges Rezept, wie sie ersetzt werden könnte. Aber sie haben eine Diskussion angestoßen und inzwischen sind sich die Mitarbeiter der meisten Organisationen bewusst, dass selbst gut gemeinte Hilfe nicht immer zu den gewünschten Resultaten führt: Die Motive werden inzwischen anders formuliert, der Nutzen für die Empfängerländer in den Vordergrund gestellt. Es gibt Verpflichtungen wie das schon 1970 vereinbarte UN-Ziel, dass die OECD-Staaten 0,7 Prozent ihres Bruttosozialprodukts für Entwicklungshilfe ausgeben sollen. Und es wurden Maßnahmen verabredet, um die Wirksamkeit der Hilfe zu erhöhen und die Eigenverantwortung der Empfängerländer zu stärken.

Verpflichtungen wie Vereinbarungen werden bislang nicht oder nur halbherzig erfüllt, doch das ist nur ein Grund für die angeblich verfehlten Ziele. Die sich häufenden Bankrotterklärungen, so schrieb der deutsche Entwicklungspolitologe Franz Nuschler schon vor Jahren, überschätzten die Möglichkeiten der Entwicklungshilfe zur umfassenden Weltverbesserung – und sie unterschätzen ihre Leistungen in vielen Bereichen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare