Weltfrauentag

Finnland ist jung, weiblich und progressiv – und hat Deutschland damit viel voraus

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In Finnland entscheiden mehr Frauen über die Geschicke des Landes als überall sonst in Europa. Was läuft anders im Norden?

  • In Finnland ist die Regierungschefin Sanna Marin nicht die einzige Frau im Kabinett
  • Die vier wichtigen Ministerien für Inneres, Finanzen, Justiz und Bildung sind mit Frauen besetzt
  • Anlässlich des Weltfrauentags 2020 stellt sich die Frage: Warum hat Finnland Deutschland so viel voraus

Helsinki – Zwei Frauen in dunklen Mänteln schreiten lachend über den roten Teppich. Einen Schritt dahinter: Zwei Männer, die ihnen mit Schirmen den Nieselregen vom Leib halten. Das Foto vom ersten Treffen der neuen finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin mit Bundeskanzlerin Angela Merkel machte schnell die Runde - schien es doch so gut die „weibliche Macht“ der „Alpha-Frauen“ („Welt“) in Europa zu symbolisieren.

Das Foto vom ersten Treffen der neuen finnischen Ministerpräsidentin Sanna Marin (rechts) mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (links) machte schnell die Runde.

Nur dreieinhalb Monate zuvor hatte die Welt staunend nach Finnland geschaut, als die Sozialdemokratin Marin – die das Amt von ihrem glücklosen Parteikollegen Antti Rinnen übernommen hatte – das neue Kabinett ihrer Fünfparteien-Koalition präsentierte. Die vier wichtigen Ministerien für Inneres, Finanzen, Justiz und Bildung waren von Frauen besetzt, drei von ihnen – wie Marin selbst – unter 35.

Weltfrauentag 2020: Finnland hat Deutschland viel voraus

In einem Interview zum Staatsbesuch in Berlin nannte die neue finnische Ministerpräsidentin Merkel respektvoll eine „europäische Ikone“ und ein Vorbild. Doch eine junge Finnin muss heute keineswegs nach Deutschland schauen, um Vorbilder zu finden. In Sachen Geschlechtergerechtigkeit hat Finnland den Deutschen viel voraus.

Marin ist nach Anneli Jäätteenmäki und Mari Kiviniemi schon die dritte Frau an der Spitze der Regierung. Und noch etwas anderes fällt im direkten Vergleich mit Deutschland sofort ins Auge: Angela Merkel mag die mächtigste Frau Europas sein, doch sie regiert ein Land, über dessen Geschicke nach wie vor größtenteils Männer entscheiden. Im finnischen Parlament dagegen sind mittlerweile mehr als 47 Prozent der Abgeordneten Frauen – was ziemlich genau deren Anteil an der Bevölkerung entspricht.

Weltfrauentag 2020: Die Politik ist in Finnland keine Ausnahme

Was machen die Finninnen und Finnen anders? Und kann man es sich von ihnen abgucken?

Klar ist: Die Politik ist keine Ausnahme, finnische Frauen sind in allen Gesellschaftsbereichen präsent. Sie gehen heute fast genauso oft einer bezahlten Arbeit nach wie Finnen, die allermeisten von ihnen in Vollzeit. „Der Arbeitsmarkt war immer das Herzstück des politischen Fortschritts von Frauen in Finnland“, sagte Johanna Kantola, Professorin für Gender Studies im finnischen Tampere in einem Interview.

Finnische Frauen waren aus historischen Gründen schon früh in hohem Maß am Arbeitsmarkt beteiligt und kaum auf ihre Rolle als Mutter und Hausfrau festgelegt, schreibt Aila-Leena Matthies, finnische Professorin für Soziale Arbeit. Weil man sich in der Landwirtschaft eine solche Arbeitsteilung angesichts der harschen Lebensbedingungen nicht leisten konnte, weil Finnland kaum Gastarbeiter aufnahm – und weil die Faschisten mit ihrem Mutterkult nie Fuß in der finnischen Gesellschaft fassen konnten. Auch Sanna Marin zeigt sich zwar auf ihrem offiziellen Instagram-Account stolz als fürsorgliche Mutter ihrer zweijährigen Tochter, wird aber in Finnland nicht dafür kritisiert, dass sich unter der Woche hauptsächlich ihr Mann um die Kleine kümmert.

Weltfrauentag 2020: Der Sozialstaat in Finnland entlastet Familien

Auf den historischen Errungenschaften hat man sich aber nicht ausgeruht. Es gibt ganz konkrete politische Faktoren, mit denen die Teilhabe von Frauen aktiv gefördert wird. Der finnische Sozialstaat entlastet Familien – und damit in der Regel: Frauen – von großen Teilen der Verantwortung für Kinderbetreuung und die Pflege von Angehörigen. Eltern haben beispielsweise schon seit 1995 einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung für Kinder ab 0 Jahren. Kindertagesstätten sind ganztags geöffnet, in Helsinki gibt es sogar 24-Stunden-Kitas.

Sanna Marin selbst sagt, ihren Erfolg verdanke sie dem finnischen Wohlfahrtsstaat. Denn sie ist nicht nur eine Frau und junge Mutter, sie ist auch die Tochter einer zeitweise Alleinerziehenden, die erste aus ihrer Familie, die studiert hat. Erst das dicht geknüpfte soziale Netz ermöglichte es ihr, an eine politische Karriere auch nur zu denken. Ähnlich geht es ihrer Innenministerin Maria Ohisalo, die aus armen Verhältnissen kommt und einen Teil ihrer Kindheit im Heim verbrachte.

Weltfrauentag 2020: Regierung in Finnland verlängert Elternzeit deutlich

Die Stärkung des Sozialstaats nach mehreren Kürzungen im Bildungswesen (unter männlichen Regierungschefs) gehört zu Marins wichtigsten politischen Zielen. Gerade erst hat ihre Regierung eine deutliche Verlängerung der Elternzeit verkündet, die Paare jedoch nur dann in Anspruch nehmen können, wenn sie sie gleichberechtigt aufteilen.

Progressive Politikerinnen aus einfachen Verhältnissen haben eine lange Tradition in Finnland. Als das Land 1906 das aktive und passive Wahlrecht für Frauen einführte - früher als jedes andere Land auf der Welt, zogen mehrere Hausangestellte, Krankenschwestern und Wäscherinnen ins Parlament ein. Die wohl bekannteste Politikerin dieser ersten Generation von weiblichen Abgeordneten war Miina Sillanpää, die seit ihrem zwölften Lebensjahr in einer Baumwollfabrik geschuftet und kaum Schulbildung genossen hatte. Sie fand den Weg in die Politik über die Gewerkschaftsbewegung. Sillanpää, die 1926 auch Finnlands erste weibliche Ministerin wurde, setzte sich insbesondere dafür ein, die Lage von alleinerziehenden Müttern zu verbessern und mehr Frauen für die politische Arbeit zu gewinnen.

Finnische Regierungen haben keine Angst davor, sich als Feminist*innen zu positionieren

Dass Finnland heute als Vorbild in Geschlechtergerechtigkeit dasteht, hängt auch mit diesem zeitlichen Vorsprung zusammen, den Frauen in Machtpositionen nutzten, um Hürden zu beseitigen, die ihnen selbst noch im Weg gestanden hatten. Diesen Vorsprung kann man nicht so schnell aufholen. Ein Beispiel nehmen können sich Staaten wie Deutschland aber an konkreten Gesetzen – und an der politischen Kultur im Land: Finnische Regierungen – auch von Männern geführte – haben keine Angst davor, sich als Feminist*innen zu positionieren. Als Sanna Marin ihr Kabinett vorstellte, twitterte ihr konservativer Vorgänger Alexander Stubb begeistert: „Irgendwann wird das Geschlecht in der Regierung keine Rolle mehr spielen. Bis dahin: Pionierinnen“.

Von Alicia Lindhoff

Eine Quote reicht nicht: Ein Kommentar zur Geschlechter-Gerechtigkeit

Rubriklistenbild: © AFP/Jonathan Nackstrand

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