Touristinnen in der Hagia Sophia? Künftig wohl eher nicht mehr so gern gesehen.
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Touristinnen in der Hagia Sophia? Künftig wohl eher nicht mehr so gern gesehen.

Hagia Sophia

Das Welterbe, an dem sich Geister scheiden

  • Markus Decker
    vonMarkus Decker
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Die Rückverwandlung der Hagia Sophia zur Moschee findet nur wenig Freunde – auch unter Muslimen in Deutschland.

Der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde in Deutschland, Gökay Sofuoglu, hat die Umwandlung der Hagia Sophia von einem Museum in eine Moschee kritisiert. „Die Hagia Sophia ist Welterbe und ein Symbol friedlichen Zusammenlebens der Religionen. Dass man daraus eine Moschee macht, ist eine absolute Fehlentscheidung“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. „Die Türkei wird nun als das Land verurteilt werden, das mit so einem Erbe nicht umgehen kann.“

Sofuoglu verwies darauf, dass viele Menschen nicht zuletzt wegen der Hagia Sophia nach Istanbul kommen und dies nun voraussichtlich nicht mehr tun würden. Zudem gebe es in der Umgebung schon genug andere Moscheen. Er wünscht sich deshalb, dass man beim alten Zustand bleibt.

„Man sollte mit religiösen Symbolen keine Politik machen“, sagte der Vorsitzende der Türkischen Gemeinde. „Das hat in der Vergangenheit nicht gefruchtet und wird es auch in Zukunft nicht tun.“ Es dürfe aber auf keinen Fall nun so polarisiert werden, dass die Gegner der Entscheidung als Feinde der islamischen Religion dastehen.

Auch andernorts stößt die Entscheidung weiter auf Kritik. „Ich hoffe sehr, dass diese Entscheidung noch einmal überdacht wird“, schrieb der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, auf Facebook. Er erklärte, die im 6. Jahrhundert als Kirche errichtete und seit dem 15. Jahrhundert als Moschee genutzte Hagia Sophia sei seit der Umwandlung in ein Museum 1935 durch den türkischen Republikgründer Kemal Atatürk von vielen Menschen „als Ort eines friedlichen Zusammenlebens der Religionen“ besucht worden.

Die Aleviten lehnen diese „Islamisierung“ ab

„Das war gut so“, findet Bedford Strohm. Es sollte das Ziel aller sein, friedliches Zusammenleben zu stärken. „Und es sollte auch Ziel staatlichen Handels sein. Die jetzige Entscheidung wirkt dem entgegen und sollte rückgängig gemacht werden.“

Die Menschenrechtsorganisation „Gesellschaft für bedrohte Völker“ aus Göttingen ging noch weiter. „Es ist enttäuschend, dass die meisten Muslime in Deutschland offenbar keine Solidarität für christliche Minderheiten in der Türkei aufbringen können“, sagte Nahostexperte Kamal Sido.

Sido hat nach eigenen Angaben alle größeren muslimischen Gruppen in Deutschland um Unterstützung für die bedrängten Minderheiten in der Türkei gebeten. Alevitische Verbände lehnten demnach „die Islamisierung der Hagia Sophia“ ab. „Die größeren muslimischen Gemeinden in Deutschland, vor allem die Ditib, scheinen das Vorgehen der türkischen Regierung aber stillschweigend zu unterstützen.“

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte am Freitag angeordnet, das Gebäude in ein muslimisches Gotteshaus umzuwandeln. Kurz zuvor hatte das Oberste Verwaltungsgericht in der Türkei den Weg dafür frei gemacht. Es annullierte eine Entscheidung des türkischen Ministerrats aus dem Jahr 1934, mit der das Gebäude damals zu einem Museum geworden war. Dutzende gläubige Muslime quittierten das Urteil vor der Hagia Sophia mit Jubel und skandierten: „Allah ist groß!“

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