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108 Milliarden Menschen sind bis zum Jahr 2017 zur Welt gekommen. Diese Schätzung hat das amerikanische Population Reference Bureau veröffentlicht.

Menschheit

Weltbevölkerung: Wir werden immer mehr

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Bis zum Jahr 2100 werden auf der Erde rund elf Milliarden Menschen leben – dabei werden gar nicht mehr Kinder geboren.

Vor zehntausend Jahren wussten die Menschen kaum etwas voneinander. Sie lebten verstreut über den Erdball an Küsten und Flüssen. Und sie waren gerade einmal fünf Millionen. Die gesamte Menschheit hätte also Platz gehabt in einer Stadt wie Sankt Petersburg. Der Rest des Erdballs wäre menschenleer gewesen. Das hat sich deutlich verändert.

Die Menschheit wächst, und sie wächst rasant. Das aber historisch gesehen erst seit sehr kurzer Zeit. Jahrtausendelang vermehrten sich die Menschen nur sehr langsam. Erst um 1800 herum ist die Marke von einer Milliarde geknackt worden. Von da an ging es schnell, für die nächste Milliarde wurden nur 130 Jahre benötigt, und für weitere fünf Milliarden weniger als 100 Jahre. Wer heute vor 40 Jahren zur Welt kam, war Erdenbürger 4 382 426 374, wie sich auf der Website der Stiftung Weltbevölkerung anhand des Geburtsdatums mit scheinbar perfekter Präzision errechnen lässt. Seither sind 3,3 Milliarden Menschen dazugekommen.

Diese Entwicklung ist faszinierend, zeigt sich doch, dass die Menschheit in den vergangenen 100 Jahren offenbar viele Probleme gelöst hat, die sie in ihrer Entwicklung jahrtausendelang zurückgehalten haben; dass es den Menschen auf dem Planeten Erde offenbar so gut geht wie nie zuvor. Diese Entwicklung ist aber auch besorgniserregend, weil die vielen Menschen und ihre Bedürfnisse den Planeten schlichtweg überfordern. Der Erdüberlastungstag, der von der Nachhaltigkeitsorganisation Global Footprint Network berechnet wird, fällt in diesem Jahr auf den 29. Juli. „Das früheste Datum in der Geschichte der Menschheit“, so die Organisation. Das bedeutet, dass die Menschen ihr ökologisches Budget für dieses Jahr bereits kurz nach der Jahreshälfte aufgebraucht haben. Mehr können die Ökosysteme der Erde nicht regenerieren. Die Folgen sind Bodenerosion, Entwaldung, Verlust der Artenvielfalt und die Erwärmung des Klimas.

Weltbevölkerung wird weiter wachsen - ein Umsteuern ist nötig

„Die Übernutzung wird ein Ende finden“, sagt Mathis Wackernagel, Gründer des Global Footprint Network. Die Frage sei nicht „ob“, sondern „wie“. „Die Übernutzung endet per Desaster oder per Design: daher sollten wir uns jetzt entscheiden, ob wir Ein-Planeten-Elend oder Ein-Planeten Wohlstand wollen.“

Ein Umsteuern ist nötig, denn die Weltbevölkerung wird weiter wachsen. Die Vereinten Nationen erwarten laut aktueller Prognose, dass es bis 2050 etwa 9,7 Milliarden Menschen auf dem Planeten geben wird und bis 2100 sogar knapp elf Milliarden. In Sub-Sahara-Afrika erwarten die UN-Experten eine Verdoppelung der Bevölkerung bis 2050, in Ostasien, Europa und Nordamerika hingegen nur ein Wachstum von drei respektive zwei Prozent.

Voraussichtlich wird die Hälfte des Bevölkerungswachstums bis 2050 auf neun Länder entfallen: Indien, Nigeria, Pakistan, Äthiopien, Tansania, Indonesien, Ägypten, die Demokratische Republik Kongo und die Vereinigten Staaten von Amerika. Indien wird wohl schon in acht Jahren China als bevölkerungsreichstes Land der Welt überholen.

„Viele der am schnellsten wachsenden Populationen befinden sich in den ärmsten Ländern“, so die UN-Experten. Das erschwere es, ausreichend Nahrung, Gesundheitsversorgung und Bildung bereitzustellen.

Weltbevölkerung wächst nicht, weil mehr Kinder zur Welt kommen

Die naheliegende Annahme, dass immer mehr Kinder zur Welt kommen würden und die Weltbevölkerung deshalb wächst, ist allerdings falsch. Tatsächlich haben die Frauen global gesehen immer weniger Kinder. Während sie im Jahr 1990 im Durchschnitt noch 3,2 Kinder zur Welt brachten, waren es 2019 nur noch 2,5 Kinder. Diese Zahl soll in den nächsten Jahren weiter fallen. Bis 2050 könnten es durchschnittlich nur noch 2,1 Kinder sein, das liegt knapp über der Marke, die nötig ist, um die Elterngeneration zu ersetzen. Mit zwei Milliarden Kindern auf dem Planeten ist der Höhepunkt erreicht. Bis 2100 wird sich daran nichts mehr ändern.

Dass die globale Bevölkerung wächst, liegt daran, dass die Menschen älter werden. Wer in diesem Jahr zur Welt kommt, wird im Schnitt 72,6 Jahre alt, ein Wert, der bis 2050 auf 77,1 Jahre steigen wird. Der Schnitt steigt, weil in Entwicklungsländern mehr Menschen in ein Alter kommen, das für sie bislang unerreichbar war. Bis 2050 wird jeder sechste Bürger auf dem Planeten älter als 65 Jahre sein. In Nordafrika, Asien und Lateinamerika wird sich diese Altersgruppe verdoppeln. Schon im vergangenen Jahr gab es auf der Welt mehr Über-65-Jährige als Kinder unter fünf Jahren. Dieser Alterungseffekt wirkt nur vorübergehend, weswegen sich das Bevölkerungswachstum absehbar deutlich verlangsam wird. Bei ungefähr elf Milliarden Menschen im Jahr 2100 wird der UN-Prognose zufolge voraussichtlich der Höhepunkt erreicht sein.

Lesen Sie auch das Interview mit dem Experten Uwe Schneidewind über die ökologischen Folgen des Wachstums

Die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung sieht diese Annahme allerdings kritisch. „Angesichts der Tatsache, dass rund 214 Millionen Mädchen und Frauen in Entwicklungsländern bis heute keinen Zugang zu Familienplanungsangeboten haben, sehe ich die Rückgänge bei der Fertilität in Gefahr“, sagt Renate Bähr, Geschäftsführerin der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung (DSW).

Nur wenn es gelinge, dass die reproduktiven Rechte und die Entscheidungsfreiheit der Frauen vor allem durch Zugang zu Verhütungsmitteln gestärkt sowie ihre Lebensbedingungen und Zukunftschancen durch Aufklärung, Bildung und Beschäftigungsmöglichkeiten verbessert werden, sei die UN-Projektion realistisch. „Andernfalls laufen wir Gefahr, dass das Bevölkerungswachstum wieder an Fahrt aufnimmt.“

Wohlstand ist der wichtigste Faktor für sinkende Geburtenraten

Der wichtigste Faktor für sinkende Geburtenraten sind nicht Einzelmaßnahmen, sondern Wohlstand, wie der inzwischen verstorbene schwedische Experte für die Entwicklung der Weltbevölkerung, Hans Rosling, nicht müde wurde zu betonen. Menschen, die die extreme Armut verlassen, benötigen keine Kinder mehr, die auf dem Hof arbeiten. Sie zeugen auch nicht extra viele Kinder, um sich gegen Kindersterblichkeit abzusichern. Stattdessen sorgen sie mit Verhütungsmitteln dafür, dass sie wenige Kinder haben und diese gut ausbilden. Das Ideal liegt bei im Schnitt etwas mehr als zwei Kindern pro Paar, völlig egal wo auf der Erde und welche Religion die Eltern haben. „Wir brauchen keine dramatischen Gegenmaßnahmen, nur mehr von dem, was wir bereits tun“, sagte Roseling stets.

Da ist die Welt auf einem besseren Weg, als vermutlich viele denken würden. Der Anteil der Menschen, die von weniger als zwei Dollar am Tag leben müssen, ist von 1800 bis 2017 von 85 Prozent auf neun Prozent gefallen. Seit Beginn der 1950er Jahre hat sich dieser Trend deutlich beschleunigt. Erstmals ist es möglich, dass die gesamte Menschheit die extreme Armut überwindet.

Sortiert man Länder nach Reichtum und Lebenserwartung, erkennt man, dass ein Land wie Malaysia heute auf dem Stand ist, den Schweden 1975 erreicht hat – Lebensbedingungen, die viele Menschen in Europa aus eigener Erfahrung kennen, weil sie damals schon gelebt haben.

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