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Weltbevölkerung: Wir sind jetzt acht Milliarden Menschen

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Die Zahl der Menschen auf der Welt überschreitet laut UN-Berechnungen eine neue Schwelle

Indien: Bald Spitzenplatz

Kein Land der Welt – und eigentlich reden wir hier von einem „Subkontinent“, wie die britischen Kolonialherren zu sagen pflegten – hat in den vergangenen 60 Jahren derartige Zunahmen an Bevölkerung erfahren wie Indien. Aller Augenmerk lag stets auf China, aber in Indien wuchs die Zahl der Menschen von 1960 bis 2021 von 450 Millionen auf rund 1,4 Milliarden. Ein-Kind-Politik wie in der Volksrepublik? Keine Chance. Die krassen sozialen Gegensätze machten eine hohe Geburtenrate für viele überlebensnotwendig. Und so wuchsen die indischen Völker um mehr als 200 Prozent an.

Aber dabei bleibt es nicht. Bis zum Jahr 2100 gehen die Bevölkerungsstatistiker:innen davon aus, dass sich die Anzahl auf rund eine Milliarde reduzieren wird. Man kann das ohne Weiteres auf Segnungen der Moderne zurückführen: höhere Bildungsstandards, mehr Kommunikation, Verstädterung, mehr Gleichberechtigung ... Aktuell verdankt sich der Rückgang jedoch eher der Beschränkungen der Corona-Pandemie.

Trotzdem: Die UN gehen davon aus, dass 2024 Indien an China vorbeizieht und um 2050 die Höchstmarke von 1,6 oder 1,7 Milliarden Menschen erreicht. Übersetzt heißt das leider: Mit den Segnungen der Moderne ist es noch lange nicht so weit her, dass man in Indien auf viele Nachkommen verzichten kann.

Auf lange Sicht aber muss Indien seine Bevölkerungszahl verringern, denn viele Menschen brauchen viele Ressourcen. Muss man aber Ressourcenschwund durch den Klimawandel einrechnen, wird Bevölkerungsschwund umso dringlicher. Weniger Ressourcen bedeuten auch mehr Hunger und noch mehr Menschen bedeuten noch viel mehr Hunger. Durch Modernisierungsschübe gerade auf dem indischen Arbeitsmarkt kommen dann all die im Ausland angeworbenen Arbeitskräfte hinzu, die auch versorgt sein wollen. Ein Teufelskreis also. Peter Rutkowski

Bulgarien: Exemplarischer Exodus

Der ärmste Staat der EU liegt beim Bevölkerungsschwund ganz vorn. Allein im vergangenen Jahrzehnt ist Bulgariens Einwohnerzahl laut der im Oktober veröffentlichten Volkszählung von 2021 um weitere 11,5 Prozent auf 6,5 Millionen Menschen zurückgegangen. Neben Lettland ist Bulgarien damit der einzige Staat Europas, in dem heute weniger Menschen leben als 1950.

Auch der Blick in die Zukunft kann Bulgariens besorgte Demograf:innen kaum beruhigen. Laut UN wird die Zahl der Bulgar:innen bis 2050 mit 5,4 Millionen gegenüber ihrer Höchstzahl von rund neun Millionen Mitte der 80er Jahre gar um 40 Prozent schwinden: Bulgarien hat damit die am schnellsten schrumpfende Bevölkerung der Welt.

Ähnlich wie in anderen ost- und südosteuropäischen Staaten sind für den Rückgang die anhaltende Emigration, die hohe Sterblichkeit und sinkenden Geburtenraten verantwortlich. Wegen der Folgen der Corona-Pandemie kletterten die Totenzahlen im Land der Impfmuffel 2021 auf ein Rekordniveau. Die Geburtenzahlen gehen derweil nicht zuletzt wegen der anhaltenden Abwanderung jüngerer Fachkräfte zurück: Seit dem EU-Beitritt von 2007 hat sich der nach der Wende 1989 eingesetzte Exodus noch einmal kräftig verstärkt.

Nur Großstädte wie Sofia, Varna oder Burgas weisen stabile oder gar leicht steigende Einwohnerzahlen auf. In der Provinz schließen hingegen immer mehr Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser und Läden. Bus- und Zugverbindungen werden eingestellt – und die Landflucht und Vergreisung beschleunigt. Zuwandernde wie im Westen, die Bulgariens Bevölkerungsverlust von 50 bis 60 000 Menschen pro Jahr kompensieren könnten, finden sich im Osten kaum: Laut der Volkszählung von 2021 leben in Bulgarien gerade einmal 10 459 Ausländer:innen. Thomas Roser

Kuba: Schrumpfende Bevölkerung

Auch in Lateinamerika wächst die Bevölkerung stetig. Mittlerweile leben 600 Millionen Menschen zwischen dem Rio Bravo und Feuerland. Nur Kuba fällt da aus historischen und aktuellen Gründen aus der Reihe – im Inselstaat stagniert seit vielen Jahren das Bevölkerungswachstum.

Im Jahr 1984 überschritt die Insel die Zehn-Millionen-Grenze, 1997 wuchs die Bevölkerung auf elf Millionen – 2021 sind es 11,1 Millionen. Tendenz aber fallend.

Ein Grund: Derzeit erlebt die kommunistisch regierte Insel einen ungekannten Exodus. Wer kann, der flieht. Das gilt vor allem für junge Kubanerinnen und Kubaner. Bevorzugtes Ziel sind die Vereinigten Staaten. Allein in den ersten neun Monaten 2022 kamen 200 000 Kubaner:innen in die USA, ein Rekordwert.

Bis zur Corona-Pandemie schwankte der Zustrom pro Jahr noch zwischen 30 000 und 70 000. Die hohe Inflation, die unsichere Ernährungslage, der Mangel an Medikamenten und die Verschlechterung der Wohnverhältnisse sowie die ständigen Stromausfälle haben die Lebensbedingungen dramatisch verschärft. Heute ist es schlimmer als Anfang der 90er Jahre, als die Sowjetunion als Hauptsponsor von einem auf den anderen Tag wegbrach. Allerdings ist heute das soziale Netz viel dünner geknüpft, aber auch der Geduldsfaden der Menschen mit der Regierung ist viel dünner.

Aber schon vor den Krisen waren kubanische Familien eher verhalten bei der Fortpflanzung. Vor und vor allem nach der Revolution von 1959 galt das Ideal einer Kleinfamilie mit zwei Kindern. In der Folge von niedriger Geburtenrate und Migration schrumpft und überaltert die Bevölkerung. Bis 2050 wird laut UN-Prognosen mehr als ein Drittel der Kubaner:innen über 60 Jahre alt sein. Die Folgen spürt in erster Linie die Wirtschaft: Dem Auszug folgt der ökonomische Kollaps auf Raten. Klaus Ehringfeld

Niger: Hohe Geburtenrate

Mit durchschnittlich 6,6 Kindern pro Frau ist der westafrikanische Sahelstaat Niger Weltmeister in Sachen Fruchtbarkeit. Die derzeit gut 25 Millionen Nigrerinnen und Nigrer sind darauf eher stolz: Auch wenn es bedeutet, dass ihre Zahl allein in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts um das 25-fache auf fast 70 Millionen wachsen wird. Das Land von der doppelten Größe Frankreichs ist fast 100 Prozent muslimisch: Von mehreren Frauen möglichst viele Kinder zu haben, ist für Männer sowohl eine Sache des Prestiges wie der sozialen Absicherung. Mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von 540 Euro ist der Niger das neuntärmste Land der Welt. Armut und Kinderreichtum pflegen in aller Welt Hand in Hand zu gehen: Kinder können beim Arbeiten helfen und Mädchen bringen bei der Verheiratung noch etwas Geld ein. Das Heiratsalter ist im Niger so niedrig wie nirgendwo anders in der Welt: Mehr als drei Viertel aller Mädchen sind schon vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet, ein Viertel sogar schon mit 15 Jahren. Das wiederum trägt zum hohen Kinderreichtum bei. Staatspräsident Mohamed Bazoum machte die Erhöhung des Heiratsalters zu einem Schwerpunkt seiner Regierung. Bei seiner Amtsantrittsrede im April des vergangenen Jahres geißelte er die hohe Geburtenrate und regte an, dass Mädchen in eigens gegründeten Internaten länger zur Schule gehen. Schließlich verbot er seinen Ministern, mit mehreren Frauen verheiratet zu sein, was nicht unbedingt zur Beliebtheit des Politikers beitrug. Allerdings hat Mohamed Bazoum erreicht, dass die Geburtenrate inzwischen rückläufig ist: Vor Beginn seiner Amtszeit hatte eine nigrische Frau im Durchschnitt noch mehr als sieben Kinder bekommen.

Johannes Dieterich

Japan: Gesunde Greise

Anfang Oktober sorgte eine statistische Notiz aus Japan für weltweites Staunen: Mehr als 90 000 Personen im Land sind mindestens 100 Jahre alt. Angesichts einer schon lange niedrigen Geburtenrate und einer hohen Lebenserwartung altert Japans Bevölkerung seit Jahrzehnten. Die Super-alten sind dagegen die demografische Boomgruppe überhaupt. Allein gegenüber dem Vorjahr wuchs sie zahlenmäßig trotz der Pandemie um 4 016 Personen an. In zwei Jahren könnten Personen dreistelligen Alters schon eine Großstadt füllen. Japan führt damit einen globalen Trend an. Im Jahr 2015 schätzten die Vereinten Nationen die Zahl der Zentenare, wie man Menschen dreistelligen Alters nennt, auf rund eine halbe Million Menschen. Das entsprach einer Vervierfachung gegenüber 1990, bis 2050 wird zudem von einem exponentiellen Wachstum auf rund 3,7 Millionen ausgegangen. Pro Kopf leben bereits jetzt am meisten Hochbetagte in Japan. Und ihr Wachstum ist beachtlich: Galt es im Jahr 1981 noch als Sensation, dass erstmals mehr als 1 000 Personen ein dreistelliges Alter erreicht hatten, hatte sich dieser Wert 1998 schon verzehnfacht. Dabei zeigen sich klare Tendenzen: Fast neun von zehn Zentenaren sind weiblich, meistens leben sie nicht in Metropolen wie Tokio, sondern in eher ländlichen Gebieten, wo die Luftqualität und das tägliche Bewegungspensum höher sein dürften. Gerontolog:innen in Japan schwärmen davon, dass Personen, die ein sehr langes Leben haben, nicht nur körperlich und geistig aktiv sind, sondern sich auch gesund ernähren. Es gibt aber auch Herausforderungen: Bis auf Weiteres nimmt so die Zahl der Arbeitsbevölkerung ab, womit weiteres Wirtschaftswachstum umso schwieriger wird und sich außerdem die Frage der Nachhaltigkeit des Rentensystems stellt. Felix Lill

Philippinen: Fehlende Bildung

Am 31. Oktober 2011 standen die Philippinen im Mittelpunkt der Weltöffentlichkeit. Kurz vor Mitternacht war Danica May Camacho zur Welt gekommen, laut UN-Statistiken der siebenmilliardste Mensch, der zu jenem Zeitpunkt auf diesem Planeten lebte. Der Säugling wurde mit einem Kuchen begrüßt, im südostasiatischen Land war durchaus Stolz zu vernehmen. Dabei steht Danica May Camacho auch für ein Phänomen, das den Philippinen große Sorgen bereitet. Als sie zur Welt kam, lebten im Inselland 96 Millionen Menschen, heute sind es rund 115 Millionen. Und laut aktuellen UN-Projektionen wird die Bevölkerung bis ungefähr 2091 auf gut 180 Millionen anwachsen, ehe ein Schrumpfen einsetzt. Die Fertilitätsrate liegt in den Philippinen derzeit bei ungefähr 2,5, für eine konstant bleibende Bevölkerungszahl wären 2,1 nötig. Die Philippinen wachsen also, wenngleich das Wachstum bereits abnimmt. Ein Bevölkerungsboom ist für ein Land Fluch und Segen. Klassische ökonomische Wachstumstheorien gehen davon aus, dass die Jahre demografischer Expansion eines Landes auch die des Wirtschaftswachstums sein müssten. Damit aber Wohlstand entsteht, ist es wichtig, in diesen entscheidenden Jahren zugleich für eine Bildungsexpansion zu sorgen, so dass ein Land auch höheren Mehrwert produziert. Nur gelingt dies dem Schwellenstaat Philippinen nur mäßig. Seit mehr als drei Jahrzehnten verzeichnen die Philippinen zwar Wirtschaftswachstumsraten von oft über fünf Prozent. Nur ist dies kaum inklusiv, so dass einem großen Anteil der Bevölkerung der Aufstieg in die Mittelschicht verwehrt bleibt. So besteht hohes Risiko, dass sich Armut bei weiterhin hoher Fertilität schlicht reproduziert. Und dass die Philippinen als Nation entgegen klassischer Theorien alt werden, bevor sie reich werden. Felix Lill

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