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Vorsorge hilft: Eine Gesundheitsberaterin zeigt Mädchen in Sheno, Äthiopien die richtige Benutzung einer Damenbinde.

Nairobi

Weltbevölkerung: Äthiopien wird zum Vorbild bei der Familienplanung

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Auf dem Bevölkerungsgipfel überzeugt das Land am Horn von Afrika mit einem erfolgreichen Beratungsmodell.

Kronprinzessin Mary geriet richtig ins Schwärmen. „Ein Wendepunkt in der Geschichte der Menschheit“ sei er gewesen, pries die dänische Monarchin den Bevölkerungsgipfel in Kairo: Damals, vor 25 Jahren, habe die Welt „eine mutige Vision“ über das Verhältnis zwischen Bevölkerung, Entwicklung und individuellem Wohlbefinden gefunden – und mehr als 6000 Delegierte klatschten zustimmend Beifall.

Zumindest in der geschichtlichen Nachschau waren sich bei der gestern in der kenianischen Hauptstadt Nairobi zu Ende gegangenen Nachfolgekonferenz des Kairoer Gipfels alle einig: Will man das Bevölkerungswachstum in den Griff bekommen, müssen wirtschaftliche Entwicklung und Geburtenkontrolle zusammenspielen – und Frauen als die Hauptakteure einer Lösung in den Mittelpunkt gerückt werden. Seit dem Gipfel hat die Menschheit tatsächlich einige Fortschritte erzielt: Der Prozentsatz der im Kindbett sterbenden Frauen wurde im vergangenen Vierteljahrhundert fast um die Hälfte verringert; zudem stieg die Zahl der Frauen, die über Zugang zu Verhütungsmitteln verfügen, um beinahe ein Viertel an. Bekam eine Frau 1994 im weltweiten Durchschnitt noch 2,8 Kinder, so sind es heute nur noch 2,5.

Würde sich dieser Trend fortsetzen, hätte sich die Zahl der Erdenbürger spätestens in fünfzig Jahren stabilisiert. Aus der Nähe betrachtet, stellt sich der Erfolg allerdings als zweifelhaft heraus. Während sich die Geburtenquote in manchen Teilen der Welt wie in Europa oder China tatsächlich nivelliert hat oder gar rückläufig ist, steht in anderen Teilen des Erdballs eine Bevölkerungsexplosion erst noch bevor. So vor allem im südlich der Sahara gelegenen Teil Afrikas, wo sich die Bevölkerung bereits in den nächsten 32 Jahren erneut verdoppeln wird. Neben den Indern sorgen vor allem Afrikaner dafür, dass es statt der heutigen 7,7 Milliarden Menschen schon in zehn Jahren 8,5 Milliarden geben wird – am Ende dieses Jahrhunderts sollen es gar elf Milliarden sein. Derzeit wächst die Erdbevölkerung Tag für Tag um 230 000 Menschen – das entspricht ein etwa einer Stadt in der Größe von Kiel. Das sind 82 Millionen Erdenbürger, die Jahr für Jahr zusätzlich ernährt und ausgebildet werden wollen und ein annehmliches Leben mit Verdienstmöglichkeit erwarten.

Im westafrikanischen Niger bekommt eine Frau auch ein Vierteljahrhundert nach Kairo noch fast acht Kinder im Durchschnitt, bereits in dreißig Jahren wird sich die Zahl der Nigrer auf 60 Millionen verdreifacht haben. Zur selben Zeit werden 40 Prozent aller extrem armen Erdenbürger in zwei afrikanischen Staaten leben: in Nigeria und der Demokratischen Republik Kongo.

Längst ist bekannt, dass wachsender Wohlstand fallende Kinderzahlen mit sich zu bringen pflegt. Doch wenn sich der Wohlstand – auch wegen der explodierenden Bevölkerung – partout nicht einstellt, hilft auch diese Korrelation nicht weiter. Ein weiterer unumstrittener Zusammenhang ist, dass die bessere Ausbildung von Mädchen die Geburtenziffern reduziert. „Je länger ein Mädchen zur Schule geht, desto älter ist es, wenn es heiratet“, erklärt eine Studie des Berliner Instituts für Bevölkerung und Entwicklung. „Diese Mädchen haben höhere Erwartungen an ihre Zukunft und tragen mehr zum Familieneinkommen bei.“ Für sie ist es von entscheidender Bedeutung, dass sie während ihrer Ausbildung und den ersten Berufsjahren ungewollte Schwangerschaften verhindern können – und dafür brauchen sie Zugang zu Verhütungsmitteln.

Doch die Forderung von Kairo, dass „alle Frauen“ Zugang zu Familienplanung haben und „von allen Formen sexueller Gewalt und schädlichen Praktiken fern gehalten“ werden sollen, ist weiterhin Zukunftsmusik. In traditionellen afrikanischen Gemeinschaften gelten Verhütungsmittel für Heranwachsende als „ungehörig“, erläutert Candace Lew von der unabhängigen US-Gesundheitsorganisation „Pathfinder International“. „Doch wie anderswo in der Welt haben auch afrikanische Jugendliche Sex, ob sie nun Verhütungsmittel haben oder nicht.“ Jahr für Jahr kommt es in Entwicklungsländern zu 89 Millionen ungewollten Schwangerschaften – vor allem in Afrika sind Kinderehen und der soziale Druck, möglichst viele Babys zu bekommen, noch immer gang und gäbe.

Umso erstaunlicher, dass es ausgerechnet im zweitbevölkerungsreichsten Staat des Kontinents, in Äthiopien, zu einer beachtlichen Trendwende kam. Die Zahl der Kinder, die zur Schule gehen, hat sich in dem ostafrikanischen Staat in den vergangenen zwei Jahrzehnten verdoppelt – die Geburtenquote fiel von fast sieben auf 4,6 Babys. Gleichzeitig nahm der Einsatz von Verhütungsmitteln um das Dreifache zu. Ein Viertel aller Äthiopierinnen nutzen heute langfristige Verhütungsmittel wie Intrauterinpessare oder Hormonimplantate.

Experten führen die Trendwende vor allem auf die 34 000 Gesundheitsberaterinnen zurück, die Äthiopiens Regierung seit Beginn des Millenniums ausgebildet und eingestellt hat: Junge Frauen, die mindestens zehn Jahre lang zur Schule gegangen sein müssen und danach ein Jahr lang in Hygiene, Krankheitsvorsorge und Familienplanung ausgebildet wurden. Die Beraterinnen können – auf Kosten des Staates – Pessare setzen und Implantate injizieren, weswegen keine Äthiopierin heute noch Tagesreisen absolvieren muss, um sich in einem Krankenhaus ein Verhütungs-Stäbchen einsetzen zu lassen. „Äthiopien hat uns wirklich überrascht“, sagt Alisa Kaps vom Berliner Institut für Bevölkerung und Entwicklung: Der Beweis, dass die Kairoer Vision auch in Afrika verwirklicht werden kann.

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