So geht’s auch: Schuhkauf im englischen Southampton.
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So geht’s auch: Schuhkauf im englischen Southampton.

Kunststoff

Die Welt schaut durch Plexiglas

  • vonKristian Teetz
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Eine Erfolgsstory in der Krise: Was macht den Kunststoff besonders? Und wer hat’s erfunden?

Endlich kehrte das Dolce Vita ins Land des Genießens zurück. Der Espresso in der Bar hatte den Italienern ebenso gefehlt wie Antipasti und das Primo und Secondo im Restaurant. Wochenlang war es nicht oder nur sehr eingeschränkt möglich gewesen, auswärts zu essen. Nun sind Lokale und Bars in Italien seit einiger Zeit wieder geöffnet. Allerdings funktionierte dieser Neustart nicht ohne ein bekanntes Produkt aus Kunststoff: Um das Infektionsrisiko zu minimieren, setzen viele Restaurantinhaber auf Plexiglasscheiben. Diese trennen die Sitznachbarn am Tisch, schützen aber auch Kellner und Kunden beim Kassieren.

Auch hierzulande ermöglicht zurzeit das Trennende, dass wieder mehr Menschen zusammenkommen. Beim Fleischer, beim Bäcker, im Supermarkt, in der Kantine, an vielen Orten dient Plexiglas als Schutz. Es gibt sogar Überlegungen, die durchsichtigen Platten am Strand aufzustellen. Und in der Schweiz sind Lehrer und Schüler durch eine Kunststoffscheibe getrennt. Da die Lehrkräfte nicht mehr durch die Reihen gehen dürfen, um Schülerfragen zu beantworten, kommen die Schüler jetzt nach vorn zum Lehrertisch – an die Plexiglaswand.

Doch was hat es mit diesem Kunststoff der Stunde eigentlich genau auf sich? Zunächst einmal: Plexiglas ist kein Name für ein Produkt, sondern ein Markenname. Nur die Firma Röhm, deren Gründer Otto Röhm vor rund 90 Jahren das glasklare und bruchfeste Material in Darmstadt erfunden hat, stellt Plexiglas im eigentlichen Sinne her. Andere Firmen verkaufen andere Formen von Acrylglas. Doch in der Alltagssprache hat sich der Begriff für alle Formen von Produkten aus Acrylglas durchgesetzt. So wie „Tempo“ für Papiertaschentücher.

Dass das hochtransparente, harte und gleichzeitig gut zu verarbeitende Material in der Corona-Krise helfen kann, ist einem Zufall zu verdanken. Eigentlich wollte der Chemiker Otto Röhm kurz nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert durchsichtige Autoreifen erfinden. Das gelang ihm zwar nicht, aber beim Experimentieren mit Methylmethacrylat ließ er eines Tages eine Flasche mit dem Material in der Sonne stehen. Es folgte eine chemische Reaktion, und Polymethylacrylat (PMMA) entstand, ein transparenter Kunststoff.

Als Röhm das Zufallsprodukt entdeckte, soll er gesagt haben: „Jetzt bin ich aber perplex.“ Angeblich ist dies der Grund, warum es Plexiglas heißt. Verbürgt aber ist diese Geschichte nicht.

Seine Erfindung trug Röhm am 4. Dezember 1933 als Warenzeichen ein. Vier Jahre später zeigten sich Besucher der Weltausstellung in Paris begeistert, als ihnen unter anderem eine durchsichtige Geige präsentiert wurde. Aber auch die Luftwaffe entdeckte das Material für sich. Deutsche wie US-Amerikaner bauten Cockpits aus dem leichten Baustoff, in der Materialschlacht des Zweiten Weltkriegs spielte auch Plexiglas eine Rolle.

Nach dem Krieg wurde die Nutzung ziviler, Aquarien wurden ebenso aus Plexiglas hergestellt wie Verkleidungen von Balkonen oder Gewächshausverglasungen. Weltberühmt ist das Dach des Münchner Olympiastadions, für das rund 75 000 Quadratmeter mit Plexiglasplatten eingedeckt wurden. Und Udo Jürgens war zwar noch niemals in New York, aber um seinen Fans davon ein Lied zu singen, nahm er gern seinen durchsichtigen Plexiglasflügel mit auf Tour. 1983 spielte er auf dem ungewöhnlichen Instrument sogar in 4000 Metern Höhe auf dem Jungfrau-Gletscher, um ein Musikvideo aufzunehmen.

Doch was sind die Vorteile von Plexiglas gegenüber normalem Glas? Es „ist nicht nur deutlich leichter und bruchsicherer, sondern durch seine Formbarkeit flexibel einsetzbar“, sagt Michael Pack, Geschäftsführer der Röhm GmbH. „Durch das geringe Gewicht lassen sich zudem auch hängende Konstruktionen verwirklichen.“

Überdies lässt es sich viel leichter verarbeiten als Glas. So ist es kein Problem, Löcher in Plexiglasplatten zu bohren. Die Röhm GmbH beschäftigt weltweit 3500 Mitarbeiter an insgesamt 15 Standorten in Deutschland, China, den USA, Russland und Südafrika. Die Nachfrage nach Plexiglas in dem Chemieunternehmen hat sich nach Angaben ihres Geschäftsführers seit dem Ausbruch der Corona-Krise je nach Produkt verfünft- bis verzehnfacht. „Wir rechnen inzwischen mit einer länger anhaltenden hohen Nachfrage. Jetzt, wo immer mehr Geschäfte und auch die gastronomischen Betriebe aufmachen dürfen, erwarten wir eine zweite große Auftragswelle“, sagt Pack. Er vermutet, dass es Schutzwände in allen Lebensbereichen und Branchen geben wird: „Angefangen von Schulen und Banken über Friseursalons und Restaurants bis hin zu Bussen und Taxis.“ Sein Unternehmen stellt mittlerweile auch Folien her, die ebenfalls im Kampf gegen das Virus eingesetzt werden. „Damit beliefern wir Kunden, die Faceshields – transparente Gesichtsvisiere – aus unserem Material herstellen.“

Das Kunststoffprodukt hat noch einen weiteren Vorteil: Es ist recycelbar. Da die Wiederaufbereitung von Plexiglas ihm praktisch nichts von seinen ursprünglichen Eigenschaften nimmt, „sind die im zweiten Schritt hergestellten Produkte genauso hochwertig wie Produkte aus Neuware“, betont Michael Pack.

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