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Laut einem EU-Report werden Rom:nja auf dem Balkan in „fast allen Lebensbereichen“ diskriminiert.
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Laut einem EU-Report werden Rom:nja auf dem Balkan in „fast allen Lebensbereichen“ diskriminiert.

Welt-Roma-Tag

Roma in Europa: „Es sind immer andere, die uns so nennen“

  • Fabian Scheuermann
    vonFabian Scheuermann
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Zeljko Jovanovic ist selbst Rom und leitet das Roma Initiatives Office der Open Society Foundations. Er kritisiert den oftmals lässigen Umgang mit Sprache und die Politik in der Europäischen Union.

Herr Jovanovic, am 8. April 1971 fand in London der erste Welt-Roma-Kongress statt. Seitdem gilt dieser Tag dem Kampf um Gleichberechtigung. Wie ist die Situation der Roma-Minderheiten heute, 50 Jahre später?

Die Situation der Romnja und Roma ist im Jahr 2021 natürlich von der Corona-Krise definiert. Denn unsere Communitys sind dem Virus oft besonders schutzlos ausgesetzt. Das liegt an der extremen Armut, in der viele Rom:nja immer noch leben. Laut EU haben rund ein Drittel von ihnen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Außerdem leben die Menschen in Ländern wie Rumänien oder Ungarn oft weit entfernt von Gesundheitsangeboten, und auch die Impfkampagnen erreicht sie oft nicht.
Etwas besser schaut es derzeit in Serbien aus, wo den Behörden größere Mengen an Impfstoff zur Verfügung stehen. Aber auch bei der Bildung birgt die Pandemie große Risiken. Denn viele Rom:nja haben keine Tablets, kein Internet. Und wenn jemand ein Smart-phone hat, dann oft nur ein Elternteil. Ich befürchte, dass sich die ohnehin schon hohen Schulabbruchsraten dadurch weiter erhöhen. Und die meisten unserer Leute arbeiten im informellen Wirtschaftssektor, etwa in der Landwirtschaft – als solche bekommen sie keine Unterstützung vom Staat, um mit der Krise klarzukommen.

Jovanovic kritisiert Politik in Europa: „Anti-Roma-Kurs zahlt sich an der Wahlurne leider aus“

Rumänien und Bulgarien, wo viele Romnja und Roma leben, sind seit 2007 Teil der EU. Hat sich die Situation der Menschen dort denn gar nicht verbessert?

Viele Rom:nja leben dort heute sogar in schlechteren Verhältnissen als vor der Finanzkrise 2008. Das liegt daran, dass die damalige Krise rechtem Populismus Zulauf beschert hat. Leider zahlt sich ein Anti-Roma-Kurs für die Politik in diesen Ländern an der Wahlurne einfach aus. Das ist der Hauptgrund dafür, dass sich die Situation der Rom:nja dort Tag für Tag verschlechtert. Sicher: Die EU versucht manches, aber letzten Endes liegt es eben doch an den nationalen Regierungen, etwas zu bewegen – oder eben nicht.

Das klingt deprimierend. Und auch in Deutschland gibt es Probleme, etwa wenn arme Bulgar:innen, darunter Rom:nja, hier ohne Krankenversicherung leben … Finden Sie überhaupt Gehör, wenn Sie solche Probleme thematisieren?

Nicht ausreichend, aber es wird besser. Insbesondere seit dem Kongress 1971 finden unsere Stimmen zunehmend Gehör. Es gelingt uns, Forderungen an Staaten wie Deutschland oder Rumänien zu adressieren und das ermutigt mich. Ebenso, dass unsere jungen Leute ihre Identität heute mit einem gewissen Stolz leben – trotz der widrigen Situation, in der viele leben.

Zur Person und Sache

Zeljko Jovanovic, 42, leitet das Roma Initiatives Office der Open Society Foundations. Dort verschafft er Angehörigen von Roma-Minderheiten Gehör. Jovanovic ist selbst Rom. Er hat in Belgrad und Oxford Jura und Governance studiert und ist Vorstandsvorsitzender des European Roma Institute for Arts and Culture (Eriac) in Berlin.

Roma ist ein Sammelbegriff für Menschen, die im 13. und 14. Jh. von Indien nach Europa gekommen sind. Als Sinti werden Roma-Gruppen bezeichnet, die etwas später in den deutschsprachigen Raum eingewandert sind. Im weiblichen Singular spricht man von Romni (Plural: Romnja), im männlichen von Rom (Plural: Roma). Zudem heißt es im weiblichen Singular Sintiza (Plural: Sintize), im männlichen Sinto (Plural: Sinti).

Eine Zusammenfassung zu sprachlichen Empfehlungen rund um das Thema Sinti und Roma gibt es hier bei den „Neuen Deutschen Medienmacher:innen“. (fab)

Apropos Hoffnung: Sie sehen im Green New Deal der EU Chancen, die Benachteiligung der Rom:nja anzugehen. Wie?

Der Green New Deal ist zur Bekämpfung des Klimawandels enorm wichtig. Aber wir müssen aufpassen, dass auch die Ärmsten davon profitieren können und nicht noch weiter abgehängt werden. Da ist zum Beispiel das sogenannte Renovation-Wave-Programm. Es zielt darauf ab, die Energieeffizienz von Gebäuden zu erhöhen. Diese „Renovierungswelle“ wird viele Rom:nja, die in informellen Siedlungen außerhalb der Städte leben, nicht erreichen. Ein anderer wichtiger Punkt wird sein, wie die EU Menschen auch in informellen Arbeitsverhältnissen helfen wird, sich an den neuen Arbeitsmarkt einer grüneren Wirtschaft anzupassen. Diese Fragen müssen beantwortet werden.

Zeljko Jovanovic ist Leiter des „Roma Initiatives Office“ und spricht im Namen der oft diskriminierten Minderheit.

Roma in Deutschland - Letzte Instanz: „Medien wie der WDR haben Macht“

Im WDR sprach man neulich recht freimütig über das Z-Wort. Darüber wurde dann diskutiert. Wie wichtig ist es, dass die Mehrheitsgesellschaft gegenüber den Roma-Minderheiten mehr auf ihre Wortwahl achtet?

Sprache formt unsere Wahrnehmung der Realität. Und am 8. April vor 50 Jahren, dem Tag, den wir nun zelebrieren, kamen in der Nähe von London Romnja und Roma aus aller Welt zusammen und beschlossen: Wir sind Romnja und Roma. In unserer eigenen Sprache nutzen wir das Z-Wort nicht. Es sind immer andere Leute, die uns so nennen. Und das Wort zeichnet in den meisten Sprachen ein negatives Bild. Und wenn Menschen in Machtpositionen oder mit einer gewissen Reichweite dieses Wort verwenden, dann trägt das zu unserer Erniedrigung und Diskriminierung bei. Ich denke an die Polizei, Lehrkräfte, Angestellte in Behörden und auch Medienschaffende. Medien wie der WDR haben Macht, denn sie formen die Wahrnehmung von Millionen. Wenn auf so einem Sender unsere Erniedrigung durch Sprache wiederholt und verfestigt wird, bringt uns das nur noch mehr Diskriminierung – und das ist ein Problem nicht nur für uns, sondern für die Gesellschaft insgesamt. (Interview: Fabian Scheuermann)

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