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Wolfgang Thierse, 75, war bis 2005 einer der Vize-Vorsitzenden der SPD. (Archiv)

Rosa Luxemburg

"Welche Wahl hatte die Regierung?"

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Wolfgang Thierse spricht über den Januar 1919.

100 Jahre nach den Morden an Luxemburg und Liebknecht stehen sich Sozialdemokraten und Linke in der historischen Bewertung immer noch unversöhnlich gegenüber. Warum?
Man muss sich die Lage vergegenwärtigen: Die Männer waren aus einem furchtbar brutalen Kriege gekommen, die Ordnung war umgewälzt, der Kaiser hatte abgedankt, aber alles war unsicher. Und in diesen Wochen tat sich ein Zwiespalt auf. Auf der einen Seite standen radikale Kräfte, die so etwas wollten, wie die Bolschewiki in Russland, eine Revolution. Auf der anderen Seite standen die gemäßigten Mehrheits-Sozialdemokraten, die sagten: Wir müssen erst einmal den Frieden gewinnen, wir müssen dafür sorgen, dass die Menschen nicht verhungern, dass einigermaßen geordnete Verhältnisse sind. Die Abscheu vor den Brutalitäten der russischen Revolution spielte eine ganz große Rolle. Dieser Zwiespalt beherrschte die Tage im Januar 1919. Im Rückblick darf man doch wohl sagen können, dass die gemäßigten Kräfte eher recht hatten, nicht auf eine brutale Revolution zu setzen mit der Folge einer Diktatur, sondern sich für die Demokratie, den Rechtsstaat, den Sozialstaat einzusetzen. Das könnten selbst die Nachfolger der Kommunisten einsehen, dass dieser Weg der bessere war.

Aber es waren brutale Morde – mit Billigung der Sozialdemokratie.
Unbestritten kam es zu Gewaltverbrechen. Doch es gab keine Mehrheit in der deutschen Bevölkerung für einen revolutionären Weg à la Bolschewiki. Aber es gab radikalisierte Elemente in der Arbeiterschaft. Die waren nun mit Waffengewalt zu besiegen. Das bleibt ein schmerzlicher Vorgang, auch im Rückblick, aber man kann doch wissen, dass der Weg, der dann eingeschlagen wurde, der bessere war, obwohl die Weimarer Republik belastet blieb durch die Kluft zwischen Sozialdemokraten und Kommunisten. Die Linkspartei muss einsehen, dass die KPD während der ganzen Republik gegen die Sozialdemokratie gekämpft hat und dass dieser Kampf mit zum Untergang der Weimarer Republik geführt hat.

Hat die Sozialdemokratie im Januar 1919 Schuld auf sich geladen?
Ja, weil hier Menschenopfer zu beklagen waren. Aber welche Wahl hatte denn die sozialdemokratisch geführte Regierung? Entweder Aufstand und Chaos oder Ordnung, Sicherheit, Versorgung herzustellen und den Weg in eine normale Demokratie gehen.

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