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Alles nur Pappkameraden? Den Christdemokraten bieten sich wenige frische Geister für einen Neuanfang an. 

Kanzlerkandidat

Welche CDU darf’s denn sein?

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Anhänger des liberaleren Merkel-Kurses streiten mit denen um die Führung, für die die Kanzlerin den Niedergang symbolisiert.

In den ersten Stunden nach der Rückzugsankündigung von Annegret Kramp-Karrenbauer hat keiner laut „Hier“ geschrieen. Die Saarländerin hat auf die Kanzlerkandidatur verzichtet und ihren Rücktritt auf den Parteivorsitz in Aussicht gestellt. Die K-Frage schwelte bereits in der Union, seit Angela Merkel klargemacht hat, dass sie nicht ein fünftes Mal antreten werde als Kanzlerkandidatin. Die Entscheidung über den Parteivorsitz, die Kramp-Karrenbauer 2018 knapp gewann, hat die Debatte nicht beendet. Nun ist die K-Frage mit Dringlichkeit ganz nach oben gerückt. Das große Lauern geht in seine akute Phase.

Im Gespräch sind vier Männer, davon drei aus Nordrhein-Westfalen. Keine einzige Frau. Die Vize-CDU-Vorsitzende Julia Klöckner hat als Agrarministerin im Streit mit den Bauern erheblich an Unterstützung in ihrer Partei verloren. Ursula von der Leyen, die lange als mögliche Merkel-Nachfolgerin galt, hat sich an die Spitze der EU-Kommission verabschiedet. Dass sich sonst keine Frau aufdrängt, liegt auch an den Strukturen: Nur ein Viertel der CDU-Mitglieder sind Frauen. Von einer durchgehend paritätischen Besetzung von Führungsgremien ist die Partei weit entfernt. Ein 30-Prozent-Quorum gibt es, es wird aber oft unterlaufen.

Also ein Mann. Auf den neuen Parteichef und Kanzlerkandidaten kommt eine schwierige Aufgabe zu: Er muss zunächst die CDU einen. Der Eklat nach der Wahl des Thüringer Ministerpräsidenten Thomas Kemmerich (FDP) mit Hilfe von CDU, FDP und der AfD hat gezeigt: Die CDU ist tief gespalten. Die Anhänger eines liberaleren Merkel-Kurses stehen gegen die, für die die Kanzlerin zum Symbol des Niedergangs der CDU wurde. Eng verbunden ist dies mit der Frage, ob und wie die Abgrenzung zur von Rechtsextremen mitbestimmten AfD funktioniert. Kramp-Karrenbauers Bemühen, die beiden Lager zusammenzuführen, scheiterte.

Auswirkungen haben könnte die Personalauswahl auch auf den Fortbestand der Regierung. Der Neue könnte Merkel zum Rücktritt drängen. Das geht direkt – schließlich hat Kramp-Karrenbauer ja ausdrücklich erklärt, dass die Trennung von Parteivorsitz und Kanzlerschaft nicht gut funktioniert. Auch Persönliches kann eine Rolle spielen – zumindest mit einem der Kandidaten kann Merkel genauso wenig anfangen wie er mit ihr. Einen Mitgliederentscheid über die Kanzlerkandidatur haben CDU und CSU qua Parteitagsbeschlüssen ausgeschlossen. Einen Wettbewerb mehrerer Kandidaten auf einem Parteitag halten viele in der Union für nicht sinnvoll, weil der Sieger bei einem knappen Ergebnis geschwächt sein könnte – siehe Kramp-Karrenbauer. Das bedeutet nichts anderes als: Die Aspiranten, alle mit gutem Selbstbewusstsein ausgestattet, müssten die Sache unter sich ausmachen. Zwei Daten könnten über den Zeitplan entscheiden: Die Kommunalwahl in Bayern am 15. März und die in NRW am 13. September. Denkbar ist ein Sonderparteitag im Mai oder Juni.

Merkelianisch: Armin Laschet

Formal ist der 58-Jährige der mächtigste der drei nordrhein-westfälischen Kandidaten. Er ist obendrein Ministerpräsident des Bundeslandes und Chef des größten CDU-Landesverbands NRW. Sein Interesse an einer Kanzlerkandidatur hat er aber höchstens mal durchsickern lassen. In der CDU hieß es, man könne nicht sicher sein, ob Laschet den Topjob wirklich wolle. Er gilt als Vertreter eines liberalen CDU-Kurses. 

Armin Laschet.

Er war erster Integrationsminister in NRW und stützte ausdrücklich Merkels Flüchtlingspolitik. Laschet ist weniger ein Experte für prägnante Reden, dafür aber für eine gewisse Unbeschwertheit. „Er hat etwas Fröhliches, das der Union sonst abgeht“, heißt es in der Partei. Laschets Unterstützerkreis sind die Liberalen in der CDU und all jene, die vor zu viel Polarisierung warnen.

Jungkonservativ: Jens Spahn

Bei einer Bundestagswahl wäre er gerade mal 40. Jens Spahn ist der jüngste der potenziellen Kandidaten. Er könne noch warten, heißt es bei den einen. Andere sehen ihn ihm die mögliche Runderneuerung der CDU. Vorbild ist Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. Kurz hat die marode ÖVP umgekrempelt, er ist ultrapragmatisch und seine Grenze nach rechts sehr unscharf. 

Jens Spahn.

Auch Spahn wandelt zwischen den Welten. Er hat früh das Gespräch mit den Grünen gesucht, galt bald als möglicher Generalsekretär. Doch Merkel und die aus Nordrhein-Westfalen in ihrer Truppe bremsten ihn ab. So versuchte er sich als Identifikationsfigur der Konservativen. Seine Unterstützer sitzen in der CSU, in den Teilen der Jungen Union und des Wirtschaftsflügels, die Merz die Erneuerung nicht zutrauen.

Neokonservativ: Friedrich Merz

Vor 20 Jahren ist Friedrich Merz einer der Hoffnungsträger der CDU gewesen. Für einen Teil der Partei ist er es immer noch – oder vielmehr wieder. Der 64-Jährige – ein Jahr jünger als Merkel – gilt als Projektionsfigur für alle, die Angela Merkel schon immer weg haben wollten. Sie sehen in ihm den starken Mann, den Auf-den-Tisch-Hauer und Wirtschaftsguru. Schließlich hat er mal eine Bierdeckel-Steuerreform ersonnen (die er inzwischen allerdings selbst für obsolet erklärt hat). Etwas Sehnsucht nach der alten Zeit, in der die CDU noch satte Mehrheiten sicher hatte, wird wohl mitschwingen.

Sicher ist: Merz polarisiert. Und zwar sowohl nach außen wie nach innen. Seine parteiinternen Gegner in der CDU sind mindestens so leidenschaftlich wie seine Fans. Und das Verhältnis zu

Friedrich Merz.

Merkel, die ihn 2002 vom Unions-Fraktionsvorsitz verdrängte, gilt als zerrüttet. Für Merz dürfte es eine besondere Herausforderung sein, die CDU zu einen. Und für Merkel, mit einem Parteichef Merz weiterzuregieren.

Der hat eine lange Politikpause hinter sich. Nach Merkels Aufstieg wechselte er in die Finanzbranche. Am Tag, an dem Merkel ihren Rückzug vom Parteivorsitz bekanntgab, erschien er wieder auf der Bildfläche, unterstützt von Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble und dem hessischen

Ex-Ministerpräsidenten Roland Koch. Auch der Wirtschaftsflügel der Union wandte sich ihm zu, die Junge Union feierte ihn mehr als den jüngeren Jens Spahn.

Den Wettbewerb um den CDU-Vorsitz verlor der Jurist 2018 dennoch und auch ein Aufstandsversuch Ende 2019 verpuffte. Aber Merz, der Teamarbeit beschwor, einen Platz in der Parteiführung aber ablehnte, blieb dadurch im Gespräch und schwächte Kramp-Karrenbauer. Gespür für Effekte, Lust an der Provokation und ein Händchen für prägnante Formulierungen hat Merz auf jeden Fall. Auch damit gilt er als Gegenmodell zu Merkel und Kramp-Karrenbauer, die beide vor allem auf Bedächtigkeit setzten.

Überraschung aus dem Süden: Markus Söder

Der bayerische Ministerpräsident hat als Erster reagiert und sein Desinteresse an einer Kanzlerkandidatur wiederholt. „In Bayern ist mein Standort und mein Anker, ich bin bei den bayerischen Wählerinnen und Wählern im Wort.“

Dabei ist er auf dem Parteitag der CDU im Dezember so gefeiert worden wie kein anderer – weil er beschwingter auftrat als Kramp-Karrenbauer und nicht so verbissen wie Friedrich Merz. Hätte der Parteitag abstimmen müssen, Söder hätte gute Chancen gehabt.

Markus Söder.

Das liegt auch daran, dass der 53-jährige Jurist und Journalist sich deutlich gewandelt hat. Er gibt sich nun als versöhnend-präsidialer Landesvater und versucht damit, sein Image als aggressiver, machtversessener Fiesling loszuwerden, das seine Karriere zuvor begleitet hat. Das Schockerlebnis scheint die bayerische Landtagswahl 2018 gewesen zu sein, bei der die CSU nach ihrem erbitterten Flüchtlingsstreit mit der CDU und nach dem jahrelangen Machtkampf zwischen Söder und seinem Vorgänger Horst Seehofer abstürzte. Mit Kramp-Karrenbauer machte er sich daran, das angeschlagene Verhältnis beider Parteien zu kitten.

Dass Söder darauf trotz Dementis wartet, dass ihm in Berlin der rote Teppich ausgerollt wird, ist eher unwahrscheinlich. Ministerpräsident in Bayern ist ein weitaus bequemeres Amt. Söder hat lange darum gekämpft und genießt den Triumph nun erst seit zwei Jahren. Deutlichere Mehrheitsverhältnisse als in Berlin gibt es in München außerdem. Und in Berlin mitreden kann er als CSU-Chef trotzdem.

Außerdem haben CSU-Kanzlerkandidaten bislang kein Glück gehabt. Franz Josef Strauß scheiterte 1980, Edmund Stoiber gut 20 Jahre später. Zwar gibt es auch außerhalb Bayerns Fans der CSU, manche CDU-Anhänger fahren mit Begeisterung zum Aschermittwochsauftrieb nach Passau.

Aber in der Union heißt es, die Vorbehalte gegen die oft nassforsch und wenig kompromissbereit auftretende bayerische Schwesterpartei seien republikweit eben ziemlich groß. Aber bei der Auswahl des Kanzlerkandidaten mitreden, will Söder allerdings auf jeden Fall.

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