1. Startseite
  2. Politik

Welche Bedeutung hat Pazifismus, wenn Gewalt eskaliert?

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

„Die Friedensbewegung wurde in ihren oft sehr klaren Positionen erschüttert.“ Das Archivbild entstand in Offenbach.
„Die Friedensbewegung wurde in ihren oft sehr klaren Positionen erschüttert.“ Das Archivbild entstand in Offenbach. Foto. Michael Schick. © michael schick

Es ist wichtig, dass Friedensbotschaften zu allen Zeiten ihre Kraft entfalten – doch seit dem 24. Februar 2022 stellen sich dem Pazifismus neue Frage. Ein Beitrag von Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz.

Pazifistische Positionen haben in den christlichen Kirchen einen festen Ort. Grundlagen dafür lassen sich sowohl im Alten als auch im Neuen Testament finden. Derartige Texte haben besonders in der Advents- und Weihnachtszeit ihren Platz in den Gottesdiensten.

Nicht nur die Engel singen in Bethlehem vom Frieden auf Erden, wie es am Heiligen Abend verkündet wird. Die Propheten setzen in bedrängten Zeiten ihre Friedensvisionen von einem friedlichen Miteinander aller Völker. Jesus betont in seiner „Bergpredigt“ die Gewaltlosigkeit, die Menschen in seiner Nachfolge kennzeichnen sollte.

Es ist wichtig, dass derartige Friedensbotschaften zu allen Zeiten ihre Kraft entfalten. In den Kirchen gibt es Friedensbewegungen, die sich seit Jahren für Gewaltlosigkeit einsetzen. Zu ihnen gehört etwa die Pax- Christi-Bewegung, deren Präsident ich für die deutsche Sektion bin. Ihre Gründung geht zurück auf Versöhnungsbemühungen nach dem Zweiten Weltkrieg, besonders zwischen Frankreich und Deutschland. Aus Feinden sind auch durch Menschen in der Nachfolge Jesu Partner und Freunde geworden.

Die europäische Friedensidee geht nicht zuletzt auf religiös inspirierte Menschen zurück. Es ist umso trauriger, dass sich auch in Europa eher nationale oder nationalistische Töne durchsetzen. International setzen sich bis heute Menschen durchaus ökumenisch orientiert für Gewaltlosigkeit und Frieden ein.

In den vergangenen Jahren habe ich an verschiedenen Orten für diese Friedensbereitschaft geworben. Frieden fällt Menschen nicht in den Schoß, er erfordert Arbeit, Gestaltungswillen, er wird konkret in Tat und Wort. Es gibt auch eine gewaltsame Sprache, der Christinnen und Christen eine respektvolle Kommunikation entgegensetzen wollen.

Bis zum 24. Februar 2022 konnte ich mit großer Überzeugung und unter breiter Zustimmung für die pazifistischen Positionen werben. Seit dem Beginn des Angriffskrieges Russlands gegen die Ukraine wurde das Thema aus der theoretischen Zone herausgeholt. Es stellten sich plötzlich Fragen, die vorher in der ethischen Reflexion praktisch keine Rolle spielten, wie etwa das Thema von Waffenlieferungen in Kriegsgebiete zur Unterstützung der Verteidigung.

Auch die Friedensbewegung wurde, so meine Erfahrung, in ihren oft sehr klaren Positionen erschüttert. Kann man aus einer sicheren Position heraus Menschen verpflichten, sich jeder Form einer Verteidigung mithilfe von Waffen zu enthalten? Was ist die Bedeutung von pazifistischen Positionen, wenn Gewalt derart eskaliert wie derzeit? Es kam sogar so weit, die pazifistischen Positionen an die Seite der Kriegstreiber zu stellen oder sie lächerlich zu machen. Es trat der Fall ein, dass Politikerinnen und Politiker innerhalb weniger Tage ihre pazifistische Haltung aufgaben und sich zu Waffenexperten veränderten.

Die pazifistischen Positionen sind in ihrer Sicherheit bei vielen Menschen erschüttert, denn natürlich gibt die biblische Botschaft nicht auf alle Fragen klare Antworten, die sich vor tausenden Jahren eben nicht stellten. Dennoch glaube ich fest an die Notwendigkeit von Ermunterungen zur aktiven Friedensgestaltung. Das gilt angesichts der Verrohung der Sprache, das gilt angesichts der Frage, wie eine Weltordnung nach dem Ukraine-Krieg gestaltet werden kann, das gilt hinsichtlich der immer normaler werdenden Kriegsrhetorik, der realen atomaren Bedrohung und im Hinblick auf viele andere Themen.

Die biblischen Friedensvisionen stehen für die Hoffnung von Menschen, dass Gott die Herzen der Menschen und damit die Welt verändern kann. Gerade in diesen Zeiten dürfen wir uns die Hoffnung nicht nehmen lassen. Eine Welt ohne Friedensvisionen will ich mir nicht vorstellen.

Eindrucksvoll sind in meiner Erinnerung die Friedensgebete der Päpste in Assisi seit 1986 gewesen. In den letzten Monaten haben viele Menschen für den Frieden gebetet. Neben praktischer Hilfe haben sie ihrer Not Ausdruck gegeben, sie haben den Opfern der Kriege eine Stimme gegeben. Damit stehen sie in guter biblischer Tradition.

Am Ende trägt glaubende Menschen die Hoffnung, dass Gott auf Seiten der Opfer und Verwundeten steht, nicht auf der Seite der Despoten. Wir dürfen nicht müde werden, daran zu erinnern, dass Gott sich nicht für Gewalt instrumentalisieren lässt. Ich meine, dass es weiter Menschen braucht, die hoffen, beten und für den Frieden arbeiten.

Peter Kohlgraf ist Bischof von Mainz und Präsident von Pax Christi.

Auch interessant

Kommentare