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Weiter Proteste in Lützerath: Vertraute Gesichter im Schlamm

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Von: Barbara Schnell

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Am Tagebau Garzweiler II kreisen Polizeikräfte eine Gruppe von Demonstrierenden ein – darunter Greta Thunberg.
Am Tagebau Garzweiler II kreisen Polizeikräfte eine Gruppe von Demonstrierenden ein – darunter Greta Thunberg. © dpa

Auch nach der Räumung gibt sich der Widerstand rund um Lützerath nicht geschlagen. Klimaaktivistin Greta Thunberg wird von der Polizei eingekreist.

Nach einem deutlichen Einbruch am „Tag X“, an dem die Klimabewegung um Unterstützung in Lützerath bat, hat die RWE-Aktie inzwischen wieder das Niveau erreicht, das sie vor der Zerstörung des Ortes hatte. In rechten Chats wird das Ende von Lützerath frenetisch gefeiert. Doch fühlen sich die Menschen geschlagen, die um den Ort gekämpft haben?

Am Dienstag hat ein ungewöhnlich breites Bündnis von Initiativen zu einem Aktionstag aufgerufen. Zentraler Punkt sollte eine Kundgebung sein, die um zehn Uhr morgens in Keyenberg beginnt. Doch schon vorher flattern immer mehr Nachrichten herein, die von einer Baggerbesetzung im Tagebau Inden berichten, von einer Schienenblockade bei Rommerskirchen. Die kleine Demonstration ist ein Ort, an dem sich Menschen zum ersten Mal seit der Räumung wiedersehen, sich umarmen, manche weinend, manche dankbar, einander wiederzuhaben. Die Kundgebung beginnt mit der Choreographie einer Gruppe namens „MiliTanz“, die an diesem Ort schon öfter aufgeführt worden ist, aber noch nie mit so vielen Teilnehmenden.

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Der erste Redner der Demo ist Paul Boutmans von der Initiative „Die Kirche(n) im Dorf lassen“, deren großes, gelbes Holzkreuz die Bildsprache der letzten Tage rund um Lützerath mit geprägt hat. Er fasst in Worte, wovon viele hier überzeugt sind: „Das, was hier über zwei Jahre entstanden ist – auf der Schlafwiese, in der Paula, der Villa, dem Haus der Unbekannten, im Auen- und im Phantasialand, an der MaWaLü, auf Eckardts Hof, in der Skatehalle, der KoLaWi und natürlich auch an der Eibenkapelle – liebe Leute, DAS kann nicht geräumt werden, DAS kann nicht zerstört werden, DAS bleibt. Das sind wir selbst, das tragen wir in uns, DAS sind wir selbst. Lützi lebt! Und Lützi bleibt.“

Die Strukturen, die er aufzählt, haben überall in den Dörfern kleine Spiegelbilder gefunden. Wo immer eine Freifläche ist, scheint sofort ein kleines Camp zu sprießen. Die Mahnwache Holzweiler leistet Support und informiert. Der Sportplatz in Kuckum beherbergt die Wohnwagen des „Auenlandes“; hier hat sich die Crew der Mahnwache Lützerath in einem neuen Zelt zusammengefunden und kocht Kaffee. Auf dem Sportplatz in Keyenberg ist ein Klimacamp mit viel Infrastruktur entstanden, das ein Rückzugsort während der Räumung sein sollte, wo aber auch jetzt noch niemand ans Zusammenpacken denkt. Und auf dem Acker an der Kante steht nach wie vor der Greenpeace-Lkw als angemeldete Mahnwache, daneben das vier Meter hohe gelbe X, das bis zum 9. Januar in Lützerath beheimatet war.

Am Innenministerium festgeklebt

Klima-Aktivist:innen der Gruppe Extinction Rebellion haben sich in Düsseldorf am NRW-Innenministerium festgeklebt. Etwa ein Dutzend Menschen, darunter eine Mutter mit Kind, waren an der Aktion in Düsseldorf beteiligt, wie Sprecher von Polizei und Innenministerium sagten. Nach einiger Zeit beendeten die Einsatzkräfte die Aktion: Einige Demonstrant:innen seien freiwillig gegangen, andere weggetragen worden. Die Aktivisten, die sich an Scheiben geklebt hatten, wurden von der Polizei gelöst.

Die Räumung von Lützerath war Anlass für ihren Protest. Sie forderten den Rücktritt von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) wegen des Polizeieinsatzes dort. Sie beklagten Polizeigewalt und Kriminalisierung.

Am Landtag in Düsseldorf versammelten sich rund 150 Demonstrant:innen, die dann vor das NRW-Wirtschaftsministerium zogen. Auch sie protestierten gegen den Abriss für den Braunkohle-Abbau. Braunkohle gilt als klimaschädlichste Form der Energiegewinnung. dpa

„Lützerath war ein Ort für die Bewegung, an dem ganz viel neue Bewegung entstanden ist. Es war aber auch ein Ort, auf den die ganze Welt geblickt hat. Die Solidarität aus anderen Ländern, die wir hier erleben, macht großen Mut“, sagt die Fridays-for-Future-Aktivistin Wusel.

Dass die Welt auch kritisch auf Deutschland blickt in diesen Tagen, auf das Land, das sich jahrzehntelang als Energiewende-Vorreiter dargestellt hat, ist auch den Gesprächen einer kleinen Gruppe junger Menschen zu entnehmen, die an diesem Morgen durch das Wäldchen zur Kundgebung geht. Greta Thunberg ist nach dem Trubel des schlammigen Wochenendes nicht abgereist, sondern Teil der Gemeinschaft vor Ort geblieben. Die beiden Aktivisten an ihrer Seite möchten zwar nicht, dass man ihre Namen nennt, doch sie stammen aus Regionen, die jetzt schon unter den Auswirkungen der Klimakrise leiden. Es sei „eine Ehre und ein Privileg“, sich dem Widerstand hier anzuschließen, gleichzeitig sind sie alle verblüfft über die Zerstörung mitten in Deutschland und die Qualität der Gewalt, mit der sie durchgesetzt wird.

Vor der Kirche in Keyenberg schreibt sich Greta Thunberg wie die anderen Teilnehmer:innen die Telefonnummer des Ermittlungsausschusses auf die Hand, den sie anrufen können, falls sie festgenommen werden. Eine Befürchtung, die sich später als nicht ganz unbegründet herausstellen sollte, als Thunberg mit Dutzenden anderen Demonstrierenden in der Nähe der Abbruchkante von der Polizei eingekreist wurde. Dann zieht die kleine Demo los. Vielleicht dreihundert Menschen sind es, die aus dem Ort Richtung Holzweiler ziehen. Da, wo früher die Bäume der L277 standen, zeichnet sich jetzt die Reiterstaffel der Polizei vor dem leeren Horizont ab. Für die Polizei, so ein Sprecher, bleibe die Lage an der Kante weiter „angespannt“. Für die Aktivist:innen ist sie voller Energie. Denn die vertrauten Gesichter sind jetzt zwar alle ein bisschen schlammiger. Aber sie sind noch da. (Barbara Schnell/mit dpa)

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