Leserbericht

Mit weißem Blüschen beim Studentenprotest

Fackelzug zur Rektorenwahl und geduzte Professoren: 1968 an der TH Braunschweig

Ich habe 1968 als 22-Jährige während meiner Tätigkeit im AStA der Technischen Hochschule (später TU) Braunschweig erlebt. Selbstverständlich lebte ich zu der Zeit bei meinen Eltern. Allein in eine Wohnung zu ziehen, wäre für meine Familie undenkbar gewesen.

Mit autoritärer Erziehung aufgewachsen, empfand ich das studentische Verhalten damals absolut revolutionär und spannend. Eine Sache ist mir noch gut in Erinnerung. Bei der damals üblichen Abholung und Begleitung des neu gewählten Rektors zum Rektorat durch die Studenten wurde ein Fackelzug organisiert und - das war neu - der Slogan "unter den Talaren Muff von tausend Jahren" skandiert. Bei diesem Fackelzug stand ich zufällig in der ersten Reihe des Zuges und so war ich dann - mit Hochfrisur, weißem Blüschen, Steghose und fackelschwingend - in der Braunschweiger Zeitung eindeutig zu erkennen, sehr zum Ärger meiner Eltern. Es sollte übrigens der letzte Fackelzug an der TH nach einer Rektorwahl gewesen sein.

Während meiner AStA-Zeit schrieben wir unentwegt "Pamphlete". Das war die offizielle Bezeichnung für Statements politischen Inhalts, die per Wachsmatrize vervielfältigt, dann hochschulintern und medienextern verteilt wurden. Die bis dato unerwähnte politische Vergangenheit von Professoren und Politikern in der Nazizeit wurde von den Studenten recherchiert und ebenfalls per Flugblatt verbreitet.

Eine weitere Ungeheuerlichkeit war die Forderung der Studenten, die Professoren zu duzen. Das Professorenkollegium zeigte sich ratlos.

Banner mit Forderungen wurden während der Vorlesungen entrollt, Vorlesungen gesprengt, Mao-Bibeln geschwungen, "alle Macht den Räten" war ein beliebter Slogan. Das Wort "Anarchie" machte die Runde. Dass es die Studenten waren, die den Aufstand probten, fand in den Medien besondere Beachtung und man suchte dazu einen Standpunkt zu finden.

Die Kommune 1 mit ihrer Symbolfigur Uschi Obermaier, die überwiegend oben ohne abgelichtet wurde, und weiterer Kommunarden, fand große Beachtung in den Medien. In Braunschweig fernab von der Münchner Szene war das aber weniger ein Thema.

Von meiner Erziehung und meinem familiären Umfeld geprägt, empfand ich in bei den 68ern vieles überzogen. Dennoch: Die damaligen Forderungen nahmen nicht nur Einfluss auf unsere heutige Gesellschaft, sondern machten vieles bewusst und ließen damit Hinterfragungen zu.

Susanne Garten, Griesheim

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