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So sieht es aus, wenn die Natur keinen Schnee mehr liefert.

Wintersport

Der weiße Wahnsinn

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Zum 80. Mal stürzen sich die Skiathleten an diesem Wochenende beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel die Streif hinab. Aber hat der Skitourismus überhaupt noch eine Zukunft?

Die Szenerie dieser Tage in Kitzbühel hätte wohl auch der österreichische Künstler Alfons Walde nicht besser malen können. Er hat den Schriftzug der kleinen Gemeinde in Österreich und das Markenzeichen erfunden, die Gams.

Es ist gerade 100 Jahre her, dass der Kitzbüheler damit anfing, Plakate mit Winterlandschaften und Wintersportmotiven zu entwerfen. Die anmutige Kraft seiner Bilder hat Alfons Walde über die Grenzen seines Heimatdorfes hinaus bekannt gemacht. Sie strahlen genau den Zauber aus, dem sich die Besucher des berühmten Hahnenkammrennens, des spektakulärsten und populärsten alpinen Skirennens der Welt, bis heute nicht entziehen können.

Strahlend blauer Himmel, weiß gepuderte Hänge, beste Skibedingungen: Skifreunde geraten unweigerlich ins Schwärmen an diesem Ort, in Kitzbühel. Hier, wo vor mehr als 120 Jahren der Skitourismus durch den Pionier Franz Reisch seinen Ursprung fand. Hier, wo auf der Seidl-Alm oberhalb des Ortes der alpine Weltcup, wie man ihn heute kennt, erdacht wurde. Hier, wo sich per Eigendefinition die „legendärste Sportstadt der Alpen“ befindet.

Doch wie so häufig fangen Bilder oft nur einen Ausschnitt ein, jenen kleinen Moment, in dem alles perfekt ist. Bereits wenn man seinen Blick vom Hahnenkamm, wo die Athleten sich die legendäre Streif hinabstürzen, schweifen lässt auf die andere Seite Kitzbühels, erhält das winterliche Panorama erste Kratzer. Braune Stellen sind deutlich erkennbar, wo die Sonne den Schnee von den Wiesen gefressen hat. Bei all dem Bohei, das rings um das Rennen an diesem Wochenende in Kitzbühel gemacht wird, wo mit Superlativen nur so um sich geschmissen wird und das Rekordpreisgeld von je 100 000 Euro an die Sieger der Abfahrt und des Slaloms verteilt wird, stellt sich die Frage: Wie lange ist diese Art von Wintertourismus und Wintersport eigentlich noch zukunftsverträglich? Schließlich muss nicht nur beim Hahnenkammrennen in Kitzbühel längst künstlich nachgeholfen werden, damit sich die perfekte weiße Unterlage über den Hang zieht.

Und gerade in Kitzbühel schwebt eine weitere, elementare Frage über allem: Hat der Segen, den die Urlauber in die abgelegenen Bergdörfer brachten, sich in einen Fluch verwandelt? Was macht der Massenandrang mit einer kleinen 8000-Einwohner-Gemeinde?

Viele Monate des Jahres ist Kitzbühel eine unbelebte Stadt. Die Ferienwohnsitze, die von den Reichen und Schicken aus München, Salzburg, Wien oder anderen Städten bewohnt werden, sind dann verlassen. Laut Statistik gilt nur etwas mehr als die Hälfte aller Häuser und Wohnungen in der Stadtgemeinde Kitzbühel tatsächlich als Hauptwohnsitz.

Bei bis zu 10 000 Euro pro Quadratmeter liegen die Grundstückspreise. Für eine 55-Quadratmeter-Mietwohnung sind mindestens 1000 Euro gefragt. Grundstücke und Häuser sind ein Spekulationsgeschäft. Offensichtlichster Beleg: Rund 100 Immobilienhändler gibt es im kleinen Kitzbühel. Viele Einheimische haben ihre Grundstücke und Häuser bereits verkauft. Bekleidungsgeschäfte in der Innenstadt sind auf die Touristen und die Reichen ausgerichtet. Preisgünstige Läden wie H&M gibt es nicht. Die Folge: Die jungen Kitzbühler ziehen weg, der Ort überaltert.

Tiroler Projekte

Der Plan, die GletscherskigebietePitztal und Ötztal zusammenzuschließen, sorgt in Österreich für Aufregung. Eine Online-Petition gegen das Projekt haben mehr als 150 000 Menschen unterschrieben. Gegen das geplante gigantische Skigebiet kämpft auch eine Allianz aus Alpenverein und Umweltschutzorganisationen.

Ein Bericht der Uni Innsbruckim Auftrag des WWF Österreich wirft den Unterstützern des Projekts Kurzsichtigkeit vor. Demnach würden selbst bei der optimistischsten Klimaprognose bis 2050 etwa zwei Drittel des Gletschereises verschwinden. Der Rückzug der Gletscher hätte zur Folge, dass das Gelände für den Skibetrieb immer weiter umgebaut und aufgerüstet werden müsste, warnt der WWF.

Die Befürwortererhoffen sich wirtschaftlichen Aufschwung und eine Verbesserung der schwachen Infrastruktur des Tals. Eine für diese Woche anberaumte mündliche Umweltverträglichkeitsprüfung wurde vertagt.

Auch die geplante Fusiondes Langtauferstal in Südtirol mit dem Kaunertaler Gletscher in Österreich erhitzt die Gemüter. Hier sollen die Skigebiete über zwei Kabinenbahnen verbunden werden. Der Zusammenschluss soll auch hier die Wirtschaft ankurbeln, mehr Touristen anlocken sowie neue Arbeitsplätze schaffen und damit die schleichenden Abwanderung stoppen. In den kommenden Wochen will die Südtiroler Landesregierung über das Vorhaben entscheiden. 

Für Viktoria Veider-Walser, Geschäftsführerin von Kitzbühel Tourismus ist das ein Unding. Ihr Unternehmen und die Stadt versuchen, gemeinsam gegenzusteuern. „Der Wohnraum muss und soll leistbar sein“, sagt sie. „Das ist Aufgabe der Stadtgemeinde Kitzbühel, die bereits zahlreiche Projekte erfolgreich umgesetzt hat. Zusätzlich versuchen wir, attraktive Angebote zu schaffen – und wir müssen die Freizeitwohnungsbesitzer noch mehr integrieren.“

Leicht ist das nicht, schließlich ist Kitzbühel ein äußerst attraktiver Lebensraum. Zu den großen Städten München, Salzburg, Wien oder Innsbruck ist die kleine Gemeinde verkehrs – und wettergünstig gelegen. Anders als andere Wintersportorte in Österreich, wie Sölden oder Ischgl, liegt Kitzbühel nur auf rund 700 Metern. Die Pisten sind auf Wiesen angelegt, was den Bergbahnen ermöglicht, mit weniger Schnee zu arbeiten als in anderen Skigebieten, wo Gestein den Untergrund bildet. Zudem bekommt der Ort viel Sonne ab. Einzig der Wilde Kaiser wirft in einigen Kilometern Entfernung seinen Schatten.

Diese Faktoren plus das legendäre Hahnenkammrennen verstärken den Tourismuseffekt allerdings. Dessen ist sich auch Klaus Winkler, der Bürgermeister Kitzbühels, bewusst. „Die Schneebilder vom Hahnenkammrennen bringen einen Boom für den Tourismus in unserer Gemeinde“, sagt er. „Die Winterbilder machen Lust auf den Skisport – und alle Orte Tirols profitieren davon.“ Besonders aber Kitzbühel. Trotz der enormen Verkehrsprobleme, die damit einhergehen, wenn sich am Wochenende elend lange Staus auf den Zufahrtsstraßen bilden. Parkplätze sind rar.

Doch wie lange werden Winterbilder noch rund um die Welt ihren Zauber verbreiten? Schon jetzt ist die „technische Beschneiung unverzichtbar“, sagt Winkler. Das habe allerdings weniger mit Schneemangel als mit der besseren Qualität der Pisten zu tun. „Alle unsere Pistenraupen haben einen GPS-Sensor integriert, der die Schneeunterlage misst. So achten wir auf den Ressourcenverbrauch und produzieren nur da Schnee, wo es auch nötig ist“, sagt der Bürgermeister. Dennoch stand seine Gemeinde in der Kritik, als Mitte Oktober ein weißes Schneeband aus recyceltem Schnee des Vorjahres einen Hang heruntergezogen wurde, um früh in die Saison zu starten. Winkler sieht kein Problem: „Die Botschaft ist natürlich diskutabel. Aber wir haben dafür keinen Schnee produziert, und wir haben viele Skiteams hier gehabt, die trainieren konnten.“ Dadurch sei die Öko-Bilanz sogar besser, als wenn sich alle Teams auf den österreichischen Gletschern gedrängelt hätten.

Allerdings passt es ins Bild. In den Alpen gilt oftmals: höher, schneller, weiter. Wer mehr Pistenkilometer bietet, der wird von mehr Touristen angesteuert. Jedes Jahr entstehen neue Mega-Skigebiete, etwa durch Zusammenschlüsse wie St. Anton am Arlberg und Kappl mit 350 Pistenkilometern oder der Skicircus Saalbach-Hinterglemm-Leogang-Fieberbrunn mit 270 Kilometern. Diesen Irrsinn will man in Kitzbühel nicht mehr mitmachen.

„Es geht darum, besser zu werden, nicht größer“, sagt Veider-Walser. Deshalb werden hier keine neuen Lifte mehr gebaut, nur noch alte modernisiert. Zudem wird der Gast „multioptional“, wie sie sagt. „Deshalb bieten wir neben Skifahren auch Winterwanderungen, Eisstockschießen und andere Aktivitäten an.“

2017 wurde in dem Bergstädtchen deshalb umgestellt auf die Agenda Kitzbühel 365. Das ganze Jahr wird als Saison gesehen. „Etwa 50 Prozent aller Gästeübernachtungen gibt es im Sommer“, sagt die Geschäftsführerin von Kitzbühel Tourismus. Ohnehin habe Kitzbühel als Urlaubsort seinen Ursprung ja im Sommer. „Auf den Wintertourismus kann man nicht mehr allein bauen“, sagt Veider-Walser.

Dabei stieg die Zahl der Skitouristen in den vergangenen Jahren laut Studien sogar wieder leicht an, wie beim Mountain Peak Summit am Mittwoch in Kitzbühel verkündet wurde. Experten aus der Skiindustrie, Prominente und Wissenschaftler trafen sich hier, um über die Zukunft des Skitourismus zu sprechen. Wichtigste Erkenntnis: „Wir sind am Anschlag“, sagt Klaus Winkler. „Die Grenzen sind erreicht.“ Dennoch glaubt er, dass auch in Zukunft noch Ski gefahren wird: „Die klimatische Veränderung ist nicht so groß, dass wir mit der herausragenden Technik nicht gegensteuern können.“

Das Hahnenkammrennen jedenfalls gilt als Motor für ganz Tirol. Das wird sich wohl auch an diesem Wochenende wieder zeigen: Bis zu 90 000 Zuschauer werden erwartet.

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