Gila Lustiger, Tochter des KZ-Überlebenden Arno Lustiger, zugeschaltet aus Paris.
+
Gila Lustiger, Tochter des KZ-Überlebenden Arno Lustiger, zugeschaltet aus Paris.

Eröffnung

Weiße Schleifen im Haar als Zeichen der Hoffnung

  • Claus-Jürgen Göpfert
    vonClaus-Jürgen Göpfert
    schließen

Frankfurt eröffnet sein erneuertes Jüdisches Museum mit einer selbstbewussten Kampfansage gegen Antisemitismus.

  • Erneuertes Jüdisches Museum in Frankfurt eröffnet.
  • Feier in der Alten Oper zur Eröffnung.
  • Das Museum soll in die Zukunft weisen.

Im Lager für Displaced Persons (DP) in Frankfurt-Zeilsheim sammelten sich nach dem Ende der nationalsozialistischen Terrorherrschaft einige Tausend KZ-Überlebende. Viele von ihnen Jüdinnen und Juden. Einer war Arno Lustiger, später einer der Wiedergründer der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, und ein wichtiger Historiker. Seine Tochter, die Schriftstellerin Gila Lustiger, spricht am Dienstagabend beim Festakt zur Eröffnung des neuen, des erweiterten alten Jüdischen Museums in Frankfurt. Sie zeigt dem Publikum zwei Ausweise ihres Vaters aus dem Jahr 1946 als „Zeichen des Neubeginns“. Sie sind auch in der neuen Dauerausstellung zu sehen. Und dann gibt es Fotografien der überlebenden jungen Mädchen aus dieser Zeit, die weiße Schleifen im Haar tragen als Zeichen der Hoffnung. Den gleichen Haarschmuck entdeckte die Autorin kürzlich auf dem Kopf eines überlebenden syrischen Flüchtlings-Mädchens in Deutschland.

Das aktuelle Heft der Magazinreihe “ Frankfurter Rundschau Geschichte“ widmet sich dem jüdischen Leben in der Stadt und in Rhein-Main.

Zum jüdischen Museum finden sich darin Texte und Service. Zudem beschäftigen sich die Beiträge der Autorinnen und Autoren etwa mit den jüdischen Wurzeln der als “ Juddebube“ bekannt gewordenen Eintracht, mit dem Leben von Anne Frank in der Stadt, aber auch mit moderner jüdischer Kultur und mit Antisemitismus in unserer Zeit. Das Heft ist für 6,90 Euro im Buch- und Zeitschriftenhandel erhältlich und kann online bestellt werden unter: geschichte.fr-abo.de

So schließt sich bei der Feier in der Alten Oper auf bewegende Weise ein Kreis. Eindringlich beschwört Lustiger das „Wissen um die Zerbrechlichkeit der Demokratie“. Frankfurt sei auf dreizehn Millionen Kubikmeter Trümmerschutt der Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs wieder errichtet worden. Die menschliche Gemeinschaft müsse sich immer wieder „neu erfinden“, sagt sie in ihrer Rede, die aus Paris übertragen wird. An diesem Abend setzt die demokratische bürgerliche Gesellschaft ein Zeichen, dass sie um ihre Werte kämpft. „Das Allerwichtigste ist die Überwindung der Gleichgültigkeit“, sagt der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier gleich zweimal. Menschen jüdischen Glaubens in Deutschland seien gegenwärtig „nicht sicher, ob sie ohne Angst leben können“.

„Geschützte Offenheit“ im erneuerten Jüdischen Museum in Frankfurt

Nach der Nazi-Zeit hätten sich viele Überlebende für Deutschland entschieden, obwohl es „das Land der Täter“ gewesen sei. Dieser Vertrauensvorschuss sei „in Gefahr“, urteilt der CDU-Politiker. Inmitten eines grassierenden gewalttätigen Antisemitismus eröffnet Frankfurt also ein erweitertes Jüdisches Museum. 1988 war es gegründet worden, als erstes Haus seiner Art überhaupt in Deutschland. Damals reiste Bundeskanzler Helmut Kohl zur Eröffnung an, damals ging es um „Wiedergutmachung“, obwohl sich der Holocaust nicht wieder gutmachen lässt. 32 Jahre später stand der Kampf gegen einen neuen Antisemitismus auf der Tagesordnung, gewiss. Aber es ging auch darum, „ein Zeichen des Selbstbewusstseins“ (Bouffier) auszusenden. Die jüdischen Menschen in Deutschland sitzen nicht mehr auf gepackten Koffern, sie sind entschlossen, das gesellschaftliche Leben mitzubestimmen.

Fotostecke: So sieht das neue Jüdische Museum in Frankfurt aus

50 Millionen Euro hat die Stadt in die Erweiterung und die Sanierung des alten Rothschildpalais gesteckt, das Land Hessen gab weitere zwei Millionen, ein Freundeskreis sammelte noch einmal sechs Millionen Euro. Vor dem Publikum in der Alten Oper kündigt der Ministerpräsident darüber hinaus eine feste Förderung des Landes an. Museums-Direktorin Mirjam Wenzel will ihr Haus trotz aller notwendigen Sicherheitsvorkehrungen in „geschützter Offenheit“ führen. Das alles wird nichts helfen, wenn nicht die große Mehrheit der Gesellschaft „den Mut hat, zu widersprechen“, so Bouffier, den rechten und antisemitischen Parolen entgegenzutreten.

Jüdisches Museum in Frankfurt: „Die Vergangenheit wiegt schwer“

Salomon Korn, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt, verkörpert an diesem Abend die Entwicklung des jüdischen Selbstbewusstseins. Er hatte einst 1986 die Pläne entwickelt für den Bau des Jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt. „Wer ein Haus baut, der will bleiben“, hatte er damals gesagt. Heute ergänzt er: „Die Vergangenheit wiegt schwer“. Dennoch weise das erneuerte Jüdische Museum in die Zukunft.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare