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Genießt keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft: ein Mädchen in Afghanistan.
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Genießt keinen hohen Stellenwert in der Gesellschaft: ein Mädchen in Afghanistan.

Weil sie Mädchen sind

In Indien, Pakistan oder China gibt es immer weniger Mädchen, weil weibliche Föten gezielt abgetrieben werden. Wer die Armut bekämpfen will, muss den Frauen helfen. Auszüge aus dem Unicef-Bericht: Zur Situation der Kinder in der Welt 2007

Von Natur aus sind Mädchen in den ersten risikoreichen Lebensjahren eigentlich widerstandsfähiger als Jungen. Trotzdem übersteigt ihre Sterblichkeitsrate in vielen Entwicklungsländern die der Jungen - weil sie schlechter versorgt und ernährt werden. In Ländern wie China oder Indien tragen moderne Diagnosetechniken inzwischen sogar dazu bei, das Verhältnis zwischen Jungen und Mädchen in der Bevölkerungsstatistik zu verzerren.

Weil es heute möglich ist, das Geschlecht eines Kindes schon im frühen Stadium der Schwangerschaft zu bestimmen, werden weibliche Föten gezielt abgetrieben. Auf Grund der niedrigen Stellung der Mädchen, die schon wegen des später zu zahlenden Brautgeldes als Belastung gesehen werden, entscheiden sich viele Eltern gegen ein Mädchen. Weltweit fehlen nach neuesten Untersuchungen zwischen 113 und 200 Millionen Frauen, weil weibliche Föten abgetrieben, Mädchen als Babys getötet oder so schlecht versorgt werden, dass sie nicht überleben. Vor allem in Indien, Bangladesch, Pakistan und China gibt es immer weniger Mädchen und Frauen, weil gezielte Abtreibungen zunehmen. (?)

In Südasien, wo zwischen 40 und 60 Prozent der Frauen untergewichtig sind, waren 2005 fast 45 Prozent der Kinder bei ihrer Geburt zu leicht. Dort werden weltweit die meisten untergewichtigen Kinder geboren. Insgesamt ist jedes vierte Kind unter fünf Jahren in den Entwicklungsländern untergewichtig - etwa 146 Millionen Mädchen und Jungen. Am größten ist das Problem in Südasien, gefolgt von Afrika südlich der Sahara.

Nach einer Studie des International Food Policy Research Instituts gibt es einen starken Zusammenhang zwischen dem Ernährungszustand der Kinder und der Entscheidungsgewalt von Frauen im Haushalt: Wo Frauen einen niedrigen Status und kein Mitspracherecht haben, sind sie häufiger selbst unterernährt. Und sie haben kaum Möglichkeiten und Mittel, für eine ausreichende Ernährung ihrer Kinder zu sorgen.

Die Studie zeigt auch: Wenn Frauen im Haushalt überall gleichberechtigt mitentscheiden könnten, würde allein in Südasien der Anteil unterernährter Kleinkinder um bis zu 13 Prozentpunkte sinken. 13,4 Millionen Kinder erhielten dann ausreichende Nahrung. Der Grund: Frauen stellen in der Regel ihre eigenen Bedürfnisse und andere Investitionen eher zurück und räumen der Ernährung der Familie Vorrang ein - auch wenn Nahrungsmittel knapp werden. (?)

Umfragen zeigen, dass viele Frauen ein Mitspracherecht selbst bei grundlegendsten Entscheidungen über die Gesundheit ihrer Familie verweigert wird - etwa darüber, ob ein Kind zum Arzt gebracht wird, wie viel Geld für Medikamente ausgegeben wird, ob sie selbst zur Geburtsvorsorge geht. Anstelle der Ehefrau entscheidet der Mann oder manchmal auch die Schwiegermutter, wann und in welcher Form medizinische Behandlung in Anspruch genommen wird. Vor allem in den afrikanischen Ländern südlich der Sahara und in Südasien haben Frauen demnach kaum Einfluss auf Entscheidungen, die ihre eigene Gesundheit betreffen.

In Burkina Faso, Nigeria und Mali beispielsweise berichteten nahezu 75 Prozent der Frauen, dass allein die Ehemänner über ihre medizinische Versorgung entschieden. Eine Studie aus dem indischen Bundesstaat Gujarat zeigt, dass sich dort ungefähr 50 Prozent der befragten Frauen nicht in der Lage sahen, ein krankes Kind ohne das Einverständnis ihrer Ehemänner oder Schwiegereltern zum Arzt zu bringen.

Untersuchungen aus Nepal und Indien belegen demgegenüber:Wenn Frauen im Haushalt mitentscheiden können, sterben deutlich weniger Kinder in den ersten Lebensjahren. Und die Kinder wachsen gesünder auf. Sie leiden seltener an Wachstumsstörungen auf Grund chronischer Unterernährung.

Ein zusätzliches Hindernis ist die eingeschränkte Bewegungsfreiheit der Frauen. In Ländern wie Ägypten, Bangladesch oder Indien können Frauen ihre Kinder oft allein deshalb nicht selbst zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen, weil es ihnen nicht erlaubt ist, allein das Haus zu verlassen. Zudem sind ihnen direkte Kontakte zu nicht-verwandten Männern, selbst Ärzten, untersagt - auch wenn sie damit das Leben ihrer Kinder retten könnten.

Viele althergebrachte Bräuche verletzen die grundlegenden Rechte von Mädchen - auf Bildung, auf Entfaltung ihrer Persönlichkeit und auf körperliche Unversehrtheit. Eine besonders grausame Tradition ist die Beschneidung der weiblichen Genitalien. Sie wird vorwiegend in Ländern Afrikas südlich der Sahara, im Nahen Osten, Nordafrika und in Teilen Südostasiens praktiziert. Dabei werden die weiblichen Genitalien teilweise oder vollständig entfernt. Schätzungen zufolge sind weltweit mehr als 130 Millionen Frauen und Mädchen betroffen. (?) Weltweit werden täglich mehr als 8000 Mädchen an ihren Genitalien verstümmelt. Eine Unicef-Analyse aus dem Jahr 2005 deutet in Eritrea, Kenia und Nigeria auf einen Rückgang der Tradition hin. Andererseits ist Mädchenbeschneidung mittlerweile ein weltweites Problem. Durch zunehmende Einwanderung gibt es auch in Industrienationen immer mehr Frauen und Mädchen, die von Beschneidung betroffen oder bedroht sind - viele Frauenärzte sind darauf bislang kaum eingestellt.

Zwar haben heute mehr Kinder Zugang zu Bildung als je zuvor. Trotzdem gehen noch immer über 115 Millionen Kinder im Grundschulalter nicht zur Schule. Auch hinsichtlich der Gleichberechtigung von Mädchen und Jungen bei der Bildung gibt es zwar Anlass zu Optimismus.

In den vergangenen 30 Jahren sind die Einschulungsraten von Mädchen in den ärmeren Ländern von 52 Prozent auf über 90 Prozent gestiegen. Doch bis auf wenige Ausnahmen sind in den Entwicklungsländern die Chancen der Mädchen auf Bildung nach wie vor schlechter als die der Jungen. In den Entwicklungsländern bricht immer noch etwa jedes fünfte Mädchen die Grundschule vorzeitig ab. Auf 100 Jungen, die nicht zur Schule gehen, kommen im weltweiten Durchschnitt 115 Mädchen.

Die Gründe dafür sind vielfältig: fehlende sanitäre Anlagen in den Schulen, die Pflicht zur Mitarbeit im elterlichen Haushalt, Mangel an Lehrerinnen und anderen weiblichen Vorbildern, frühe Heirat, die Angst der Eltern vor sexuellen Belästigungen und Gewalt oder ein zu weiter und gefährlicher Schulweg.

Die Folge: Fast zwei Drittel aller rund 771 Millionen Erwachsenen weltweit, die nicht lesen und schreiben können, sind Frauen.

Untersuchungen der Weltbank zeigen, dass Bildung für Mädchen den größten Ertrag bringt:

- Das Risiko, während einer Schwangerschaft oder Geburt zu sterben, ist für Frauen mit Schulbildung und Informationen über ihren Körper und die Gesundheit deutlich geringer.

- Die Säuglingssterblichkeit ist umso geringer, je höher der Bildungsgrad der Mutter ist.

- Gebildete Frauen setzen in der Regel alles daran, ihre Kinder ebenfalls in die Schule zu schicken.

- Bildung bremst das Bevölkerungswachstum: Frauen mit Schulbildung heiraten später und bekommen weniger Kinder.

- Je höher die Schulbildung einer Frau ist, desto mehr Einfluss hat sie auf ihre Lebensplanung. Und desto weniger lässt sie sich in ihrer Familie und in der Arbeitswelt unterdrücken und ausbeuten. Mehr Mitsprache von Frauen führt dazu, dass Kinder und insbesondere Mädchen häufiger die Schule besuchen.

Eine Untersuchung in armen brasilianischen Haushalten ergab, dass Mädchen häufiger eingeschult werden, wenn ihre Mütter selbst eine Schule besucht haben und diese auch Verantwortung für Entscheidungen im Haushalt haben. Bei Müttern, die wenigstens eine Grundschule besucht haben, ist zudem die Sterblichkeitsrate der Kinder im Durchschnitt nur halb so hoch wie bei Müttern ohne Schulbildung. Ähnliche Ergebnisse liegen aus zahlreichen afrikanischen und asiatischen Ländern vor.

36 Prozent der Frauen zwischen 20 und 24 Jahren weltweit wurden vor ihrem 18. Lebensjahr verheiratet oder waren mit einem festen Partner verbunden. Vor allem in Afrika südlich der Sahara und in Südasien sind Kinderehen ein weit verbreiteter Brauch. Viele Eltern geben ihre Einwilligung zur Verheiratung ihrer Kinder aus wirtschaftlicher Notwendigkeit. Oft wird die frühe Ehe auch als wichtig angesehen, um unehelichen Schwangerschaften vorzubeugen - oder um sicherzustellen, dass sich ein Mädchen im Haushalt des Ehemannes unterordnet. Eine Folge der Kinderehen sind frühe Schwangerschaften. Jedes Jahr bringen etwa 14 Millionen Mädchen zwischen 15 und 19 Jahren ein Kind zur Welt. Mädchen unter 15 Jahren tragen ein fünfmal größeres Risiko, während der Schwangerschaft und bei der Geburt zu sterben, als Frauen im Alter zwischen 20 und 30. Für eine junge Mutter unter 18 Jahren ist außerdem das Risiko, dass ihr Kind in den ersten Lebensjahren stirbt, um 60 Prozent höher als für eine Mutter, die bei der Geburt älter als 19 Jahre ist. Auch wenn das Kind überlebt, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es untergewichtig ist und in seiner körperlichen und kognitiven Entwicklung beeinträchtigt ist.

Schätzungen zufolge sterben jedes Jahr mehr als 500 000 Frauen an Komplikationen während der Schwangerschaft oder Geburt - das heißt etwa jede Minute eine Frau. Etwa 99 Prozent dieser Todesfälle von Müttern entfallen auf Entwicklungsländer, mehr als 90 Prozent davon auf afrikanische Länder und auf Asien. Eine von 16 Frauen, die in Afrika südlich der Sahara lebt, wird an den Folgen von Schwangerschaft oder Geburt sterben - in den Industrieländern ist es eine von 4000 Frauen.

Medizinische Hilfe bei der Geburt und Zugang zu Gesundheitssystemen und Vorsorge würde das Überleben von Tausenden dieser Frauen sichern. Darüber hinaus ist die Gefahr für Neugeborene, deren Mütter starben, auch nicht zu überleben, drei- bis zehnmal so hoch wie für Säuglinge, deren Mütter überleben.

Frauen haben ein größeres Risiko, sich mit HIV anzustecken als Männer. Einer der Gründe liegt in den physiologischen Gegebenheiten - das Risiko von Frauen, sich beim Geschlechtsverkehr zu infizieren, ist mindestens doppelt so hoch wie bei Männern. Doch auch die Diskriminierung der Mädchen und Frauen trägt zu einem erhöhten HIV-Risiko bei. Ihre niedrige soziale Stellung macht es Mädchen und Frauen schwer, in Fragen der Sexualität über sich selbst zu bestimmen. (?)

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