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Dem Krimtataren wird bald nicht viel mehr als ihre Fahne und ihre Erinnerungen bleiben.

Ukraine

Weichgespülte Medien

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Die ukrainische Regierung sabotiert den krimtatarischen Fernsehsender ATR. Der Verdacht erhärtet sich, dass Kiew damit den russischen Herrschern gefallen will.

  • Die Ukraine entzieht dem Krim-Sender die staatliche Unterstützung.
  • Ukraine verhandelt mit Russland.
  • Krim-Sender zeigt sich pro-ukrainisch. 

Wolodymyr Selenskyj klang entschlossen: „Ich versichere, der Sender ATR wird seine Arbeit fortsetzen“, sagte der ukrainische Präsident Ende Februar im Brustton der Überzeugung. Und betonte noch, „niemand entzieht ihm die staatliche Unterstützung“. Zu dem Zeitpunkt hatte der krimtatarische TV-Kanal schon aufgehört zu senden und mangels Geld die Hälfte seiner Leute nach Hause geschickt. Vom Staat gibt es bis heute keinen Groschen. Selenskyjs Team wird immer mehr verdächtigt, ATR am langen Arm verhungern lassen zu wollen.

ATR auf der Seite der Ukraine

Im aktuellen Haushaltsplan der Regierung sind 1,7 Millionen Euro für den Kanal veranschlagt. Aber die Behörden geben nichts davon heraus – mit der verblüffenden Begründung, ATR habe das Produktionsteam für jeden Beitrag per öffentlicher Ausschreibung zu ermitteln. Nach nun vier Monaten der Finanzblockade schimpft Aider Muschdabajew, Vizedirektor des Kanals: „Mir scheint immer wahrscheinlicher, dass das kein bürokratisches Problem ist, sondern politische Sabotage.“

Einstmals stand das ATR-Studio in Simferopol auf der Krim. Als dort im Februar 2014 russische Truppen auftauchten, stellte sich der Sender wie die meisten seiner krimtatarischen Zuschauer auf die Seite der Ukraine. Nach der widerrechtlichen Annexion schalteten die Russen ATR ab. Die Fernsehleute machten fortan von Kiew aus Programm für ihre Landsleute auf der Krim. ATR-Reporter arbeiteten dort unter großem Risiko weiter. „ATR lieferte den Menschen dort sehr viel objektive Information darüber, was auf ihrer Halbinsel passiert, während die übrigen Medien von den russischen Besatzern kontrolliert werden“, sagt Refat Tschubarow, Vorsitzender der Medschlis, der ebenfalls nach Kiew ausgewichenen Selbstverwaltung der Krimtataren. Vor allem machte ATR russische Repressalien gegen Krimtataren publik, die zu Dutzenden als mutmaßliche islamische Terroristen im Gefängnis landeten.

Die Krim wird uninteressant

Auch ukrainische Beobachter vermuten, ATR passe nicht in Selenskyjs weiches Verhandlungskonzept für Russland. „Ich schließe nicht aus, dass sich Moskaus Unterhändler hinter den Kulissen beschwert haben, ‚aggressive‘ Stimmen wie ATR störten eine Annäherung“, sagt der Politologe Ihor Rejterowitsch. Inzwischen hat Selenskyj einen neuen Staatssender Dom für das Donbass und auch für die Krim präsentiert. Er soll viel Unterhaltung und wenig Politik liefern. Und laut Rejterowitsch arbeiteten viele der Journalisten dort vorher bei Medien des prorussischen Oligarchen Viktor Medwetschuk. „Statt den unbequemen ATR will man künftig vielleicht nur noch Dom bezahlen.“

Der krimtatarische Abgeordnete Mustafa Dschemiljew hat im Parlament eine Abstimmung über die Finanzierung von ATR beantragt; sie soll in den nächsten Tagen stattfinden. „Je länger die Regierung die Lösung im Fall des Senders ATR vor sich herschiebt“, warnt Refat Tschubarow, „umso mehr Menschen sehen das als Zeichen, dass die Staatsmacht die Krim still und leise aufgeben will.“

Von Stefan Scholl

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