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Der Brand in der Scheune der Lohmeyers wurde offenbar gelegt.

Gespräch mit Birgit Lohmeyer

„Wegziehen werden wir auf keinen Fall“

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Was tun, wenn Neonazis das eigene Dorf belagern, man sich das nicht bieten lässt und plötzlich die Scheune brennt? Birgit Lohmeyer über Drohungen, Trotz und den Einfluss von Pegida auf die Stimmung im Land.

Das Künstlerehepaar Birgit und Horst Lohmeyer ist vor zehn Jahren von Hamburg in das Dorf Jamel bei Wismar (Mecklenburg-Vorpommern) gezogen. Bald zogen immer mehr Neonazis zu, von denen das Paar mittlerweile regelrecht umzingelt ist. Die Lohmeyers blieben und veranstalten einmal jährlich auf ihrem Grundstück das Rockfestival „Jamel rockt den Förster“ für Demokratie und Toleranz. Für ihre Zivilcourage bekamen sie mehrere Ehrungen, unter anderem den Paul-Spiegel-Preis des Zentralrats der Juden in Deutschland und den Bürgerpreis des Bundesverbandes deutscher Zeitungsverleger. In der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag brannte nun die Scheune des Paares ab. Wir sprachen darüber mit Birgit Lohmeyer.

Frau Lohmeyer, was ist genau passiert?
In der letzten Nacht gegen zwölf Uhr fing unsere Scheune Feuer. Sie ist bis auf die Grundmauern abgebrannt und war von der Feuerwehr, die 20 Minuten später vor Ort war, nicht mehr zu retten.

Gibt es Hinweise auf einen Anschlag?
Ja. Wir haben relativ deutliche Hinweise. Denn es ist jemand auf unserem Grundstück gesehen worden, der sich ganz schnell entfernt hat, als die ersten Flammen aus der Scheune stiegen. Es sieht sehr nach Brandstiftung aus. Die Polizei wertet das genau so.

Wer war der Augenzeuge?
Ein Feriengast. Wir haben ja eine Ferienwohnung bei uns im Haus. Und die Familie, die dort gerade lebt, war draußen zum Sternschnuppen gucken. Der Vater hat diese Gestalt dann wegrennen sehen.

Wie ist jetzt Ihre Verfassung und die Ihrer Feriengäste?
Wir sind alle geschockt, haben heute Nacht nicht geschlafen und sind entsprechend übernächtigt. Wir sortieren uns – geistig und praktisch. Aber wir hatten noch keine ruhige Minute, um weitere Schritte zu planen.

Was befand sich in der Scheune?
Es waren keine großen Wertgegenstände drin, allerdings viele Utensilien, die wir für unser Festival brauchen. Und das steht in drei Wochen an. Wir haben uns schon entschlossen, es trotzdem zu veranstalten. Wir müssen uns jetzt zwar bestimmte Dinge für die Logistik zusammen leihen. Doch wir haben heute schon so viele Unterstützungsanrufe und Mails bekommen, dass wir ganz zuversichtlich sind, dass das Festival wie gewohnt stattfinden kann – rund um die abgebrannte Scheune. 

Sie sollen einen weiteren Preis bekommen, den Georg-Leber-Preis für Zivilcourage. Liegt hierin eine mögliche Ursache eines etwaigen Anschlags?

Wir sollen den Preis während des Festivals verliehen bekommen. Darin den Anlass zu sehen, liegt nahe, obwohl ich mich ungern in die Köpfe von Neonazis reinversetze. Das ist mir widerlich. Aber sie suchen sich natürlich immer Anlässe, zu denen sie sich aufplustern.

Hat es in letzter Zeit Drohungen gegeben?
Nein, aber das mag auch daran liegen, dass der Hauptprotagonist der rechten Szene hier im Dorf nach seiner Haftstrafe noch auf Bewährung auf freiem Fuß ist. In den letzten Monaten war gar nichts. Da waren wir von den Neonazis völlig unangetastet.

Das heißt, Sie haben sich sicherer gefühlt als zu anderen Zeiten?
Ach, das würde ich nicht behaupten. Eine Grundwachsamkeit ist immer bei uns vorhanden, weil man nie weiß, was als Nächstes passiert und was den Nazis als Nächstes einfällt. Wir fühlen uns seit Jahren gleich unsicher – wobei das jetzt eine neue Qualität besitzt. Hier sind Menschenleben auf dem Spiel gewesen. Das müssen wir für uns noch mal neu bewerten.

Wir groß ist der Abstand zwischen der Scheune und ihrem Wohnhaus?
Ungefähr sechs Meter. Es war so heiß, dass an unserem Haus die Scheiben der Fenster gesprungen sind, die zur Scheune hin liegen.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Ereignis und der allgemeinen Stimmung im Land?
Ja, eindeutig. Die Toleranzschwelle hat sich verändert. Die Pegida-Bewegung war der erste Markstein, an dem es salonfähig wurde, auf Andersdenkende nicht nur herabzusehen, sondern sie auch zu beschimpfen und Brandsätze auf Flüchtlingsunterkünfte zu werfen. Da hat sich was bewegt in eine ganz bedenkliche Richtung. Und deshalb sind wir alle gefordert, noch mal mehr Flagge zu zeigen und uns aus der Deckung zu wagen.

Sie leben mittlerweile seit zehn Jahren in Jamel. Kann es sein, dass Sie nun aufgeben?
Nein, im Moment ist das für uns keine Option – nach wie vor nicht. Wir sind hier genau am richtigen Platz und Stachel im Fleisch der Neonazis. Es muss noch viel mehr Leute geben wie uns. Jetzt aufzugeben und wegzuziehen, wäre ein völlig falsches Signal. Das werden wir auf keinen Fall tun.

Wie halten Sie diese Situation und dieses Umzingelt-Sein aus?
Wir haben eine relative Routine, mit schwierigen Menschen und schwierigen Situationen umzugehen. Daraus ergibt sich eine psychische Konstitution, so einen Trotz zu entwickeln und zu sagen, wir lassen uns nicht vertreiben. Wir haben hier unseren Lebensmittelpunkt geschaffen. Und es gibt hier ja auch viele schöne Dinge: Menschen, die Landschaft, unser Anwesen. Das hält uns. Die Nachbarn kann man sich nirgendwo aussuchen. Dass wir hier so eine ganz besondere Spezies erwischt haben, ist bedauerlich und macht uns auch Kopfzerbrechen. Es ist nicht so, dass wir das völlig unbelastet überstehen; das ist eine psychische Anstrengung. Andererseits bekommen wir Zuspruch und Motivation durch andere Menschen und die Preise, die uns verliehen werden. Das wiegt es zum Teil auf.

Hat sich das Verhalten der ganz normalen Bevölkerung um Sie herum verändert?
Nein. Es gibt die angeblich Neutralen, die uns aber auch schneiden. Und dann gibt es eigentlich niemanden mehr, nur noch Nazis – jedenfalls so weit es die Dorfbewohner anbelangt. Es ist erst gerade wieder ein Haus verkauft worden an Leute aus der Szene. Um das Haus hat der Bürgermeister der Gemeinde zwar immer mitgeboten. Aber die Nazifrau hat ihn überboten.

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