Hohenschönhausen

Wegen Belästigungsvorwürfen beurlaubt

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Der Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte zieht in der Affäre um seinen Vize erste Konsequenzen.

Nach Belästigungsvorwürfen ist der stellvertretende Direktor der Stasiopfer-Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen, Helmuth Frauendorfer, mit sofortiger Wirkung suspendiert worden. Das habe Gedenkstätten-Direktor Hubertus Knabe am Montag entschieden, teilte die Gedenkstätte in Berlin mit. Ehemalige Mitarbeiterinnen der Gedenk- und Bildungseinrichtung hatten Frauendorfer vorgeworfen, sie unter anderem sexuell belästigt zu haben. Über seinen Anwalt erklärte dieser den Angaben zufolge, dass die Anschuldigungen „zum Teil wirklich berechtigt“ seien. Nun müssten diese juristisch bewertet werden, womit sich der Stiftungsrat an diesem Dienstag beschäftigen werde, hieß es.

Knabe habe zudem die Ärztin und ehemalige Präsidentin der ersten frei gewählten DDR-Volkskammer, Sabine Bergmann-Pohl (CDU), beauftragt, die Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte zu befragen, ob sie sich im Zusammenhang mit ihrer Tätigkeit sexuell belästigt fühlten. Das Ergebnis der Befragungen soll in einem Abschlussbericht festgehalten werden, der auch praktische Schlussfolgerungen für ein respektvolles Zusammenarbeiten zwischen Männern und Frauen enthalten soll. Darüber hinaus werde es Schulungen für Mitarbeiter geben, um sie für das Thema zu sensibilisieren und Verhaltenshinweise zu geben.

Indes ziehen Mitarbeiter und Sympathisanten der Gedenkstätte die Vorwürfe der sexuellen Belästigung von sechs ehemaligen Kolleginnen öffentlich in Zweifel. Auf der Facebook-Seite einer öffentlichen Gruppe des Fördervereins der Gedenkstätte postete Ulrich Ebert: „Ich bin nach wie vor der Meinung, dass die Vorwürfe nicht wahr sind und der Schädigung unserer Gedenkstätte dienen.“ Er fügte hinzu: „Sollen diese Damen sich doch bekennen und ihre Identität zeigen. Mit solchen Vorwürfen wurde schon so mancher Mensch vernichtet, siehe Kachelmann.“ Ebert ist ausweislich der Homepage der Gedenkstätte seit 2012 Gedenkstätten-Führer.

Hartmut Richter schreibt auf derselben Seite, die öffentliche Berichterstattung über die Beschwerde der einstigen Mitarbeiterinnen „erinnert mich an Zersetzungsstrategien des MfS“ (Ministerium für Staatssicherheit). Richter ist seit 1999 Besucherreferent in Hohenschönhausen. Eine Lydia Schwarz äußert den Verdacht, dass Frauen „bestochen worden“ seien, „um eine falsche Aussage zu machen“.

Die sechs Frauen hatten in einem Brief an den Berliner Kultursenator Klaus Lederer (Linke) und Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) den Vorwurf des „strukturellen Sexismus aus der Führungsetage“ erhoben. Sie beziehen sich auf die Zeit von 2011 bis 2018. Der Anwalt des Hauptbeschuldigten Frauendorfer sagte, sein Mandant gebe Fehlverhalten und einen Mangel an Sensibilität zu. Direktor Knabe weist Beschuldigungen zurück. Der „Tagesspiegel“ zitiert ihn aber mit den Worten, wenn eine Mitarbeiterin weine, nehme er sie „auch einmal in den Arm“ und tröste sie. Dass Mitarbeiter weinen, kommt nach Aussage eines dieser Zeitung namentlich bekannten früheren Angestellten von Hohenschönhausen häufiger vor. Sie leiden demnach unter den Arbeitsverhältnissen und dem Umgang mit ihnen.

Tatsächlich hat es Hinweise auf ein schlechtes Betriebsklima und etwaige Schikane durch Vorgesetzte bis hin zur sexuellen Belästigung seit 2002 immer wieder gegeben. Die Frauen fühlten sich unterdessen so ohnmächtig, dass sie sich nicht trauten, sich an den Personalrat oder Knabe zu wenden, sondern an Lederer und Grütters schrieben – mit der Bitte um Abhilfe. Bei der Senatskulturverwaltung haben sich nach Informationen der Frankfurter Rundschau zudem mehrere weitere ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit ähnlichen Klagen gemeldet.

Der Stiftungsrat der Gedenkstätte trifft sich an diesem Dienstag zu einer Sondersitzung. Er soll sich mit den Vorgängen beschäftigen. Vorsitzender des Gremiums ist Lederer. Weitere Mitglieder sind Martina Gerlach, Staatssekretärin in der Berliner Senatsverwaltung für Justiz, Maria Bering, Mitarbeiterin von Grütters, Dieter Dombrowski, Vorsitzender der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft, sowie Birgit Neumann-Becker, Beauftragte des Landes Sachsen-Anhalt zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Die Konsequenzen für Knabe sind noch nicht absehbar. (mit epd)

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