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Einsätze für den Meistbietenden? Die US-Armee (hier bei Manövern in Lettland) könnte anfangen, sich über ihren Job zu wundern.

Interview

„Weckruf für Europa“

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Horst Teltschik, lange Jahre unter Helmut Kohl Vizechef des Bundeskanzelamts, zum Wahlsieg von Donald Trump.

Herr Teltschik, was bedeutet die Wahl Donald Trumps für die Nato wie den Westen überhaupt?
Wir wissen zu wenig über Trump, um das abschließend beurteilen zu können. Die Schlussfolgerung für die Europäer kann allerdings nur lauten, nicht abzuwarten, was Trump vorhat, sondern die eigenen Interessen gemeinsam zu definieren und durchzusetzen.

Es gibt die Sorge, dass die USA sich von der Nato abwenden und Verbündete nur schützen, wenn sie dafür bezahlen. Wäre das der Anfang vom Ende der Nato?
Das Problem der Kosten-Teilung haben wir seit Bestehen der Nato. Das Problem besteht darin, dass wir gar nicht wissen, ob Trump überhaupt weiß, wer alles in der Nato ist und welche Bedeutung die einzelnen Mitgliedstaaten haben. Das größte Risiko im Augenblick ist aber nicht die Nato, sondern das Verhalten der USA und Russlands und das Risiko eines Zusammenstoßes, sei es in Syrien oder in der Ostsee.

Besteht denn nicht die Gefahr, dass kleinere Mitgliedstaaten etwa im Baltikum von den USA nicht mehr geschützt werden?
Nein, die Gefahr sehe ich nicht. Denn diese Staaten sind nicht nur Mitglieder der Nato, sondern auch Mitglieder der Europäischen Union. Und auch sie ist ein Sicherheitsbündnis. Selbst wenn Trump hier eine Kehrtwendung vollziehen würde, blieben alle Mitgliedstaaten geschützt.

Sie sehen nicht, dass die Nato auseinanderfliegt?
Seine erste Rede nach dem Wahlerfolg widerspricht ja schon seinen markigen Worten im Wahlkampf. Ich würde jetzt erst einmal abwarten, wie die Mannschaft um Trump aussieht und mit welchem Programm sie antritt. Alles andere ist Spekulation.

Als weiteres Risiko gilt, dass sich die USA und Russland auf dem Rücken der Europäer einigen.
Es könnte sein, dass Trump und Putin von der Mentalität her sehr viel besser miteinander können als Obama und Putin es konnten. Trump, das steht fest, hat mit Spitzenpolitikern außerhalb der USA keine Erfahrung. Aber seine Hemdsärmeligkeit könnte den Umgang mit Putin erleichtern. Nur: Die Europäer wissen nicht, zu wessen Lasten das geht. Ich glaube dennoch zum Beispiel nicht, dass Russland ein Interesse daran haben könnte, das Atomabkommen mit dem Iran aufzukündigen. Denn Russland hat daran sehr konstruktiv mitgewirkt. Da wäre Putin also eher auf unserer Seite als auf der Trumps.

Und was die Ukraine angeht?
Da könnte Trump kompromissbereiter sein als die Europäer. Das könnte hilfreich sein. Das könnte auch negativ sein. Das ist ein Stochern im Nebel.

Kann man denn die Nato künftig noch als Wertegemeinschaft bezeichnen? Die Werte Trumps und die der meisten europäischen Regierungen sind doch unvereinbar.
Genau deshalb hat ja die Bundeskanzlerin zu Recht an die gemeinsamen Werte erinnert und deutlich gemacht, dass nur auf ihrer Grundlage eine erfolgreiche und freundschaftliche Zusammenarbeit möglich sein wird. Außerdem bestimmt Amerika die internationale Ordnung heute nicht mehr allein. Wir haben China, Indien, Russland und mehr oder weniger die EU und damit viele Gegenspieler. Deshalb wird auch Trump auf Zusammenarbeit und Kompromisse angewiesen sein.

Wie besorgt sind Sie – auch was nationalistische Tendenzen in Europa angeht?
Wie gesagt: Ich hoffe, dass die Wahl von Trump für die Europäer ein Weckruf ist. Sie müssen sich auf ihre eigenen Interessen besinnen. Sie können nicht auf Trump warten. Es ist ja jetzt schon erkennbar, dass Trumps Wahl die Rechtspopulisten in Europa ermutigt. Die Demokraten müssen die Auseinandersetzung mit den Radikalen offensiv aufnehmen.

Hat es das schon mal gegeben, dass man Europa nicht wusste, womit man es in Washington zu tun bekommt – inhaltlich und was das Personal angeht?
In meiner Erinnerung nicht. Trump hat überhaupt keine administrativen Erfahrungen. Und inwieweit er Europa kennt, das wissen wir alle nicht. Inwieweit er überhaupt die Welt kennt, wissen wir nicht. Bei Ronald Reagan war das zum Beispiel anders. Wir kennen auch Trumps Mitarbeiter nicht. Die Bundesregierung sagt selbst, dass es ihr nicht gelungen sei, Kontakt zu Trumps Wahlkampfteam herzustellen. Das ist fast einmalig. Mit Ausnahme seiner Wahlkampfsprüche, die teils bedrohlich, teils widersprüchlich und teils gelogen waren, stehen wir vor einer Black Box.

Interview: Markus Decker

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