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Wasser, Stein und Rose

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Von: Harry Nutt

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NS-„Rasseforscher“ nahmen diese Gesichtsmasken von Sinti und Roma, um ihre angebliche Minderwertigkeit zu zeigen.   Zu sehen waren sie in der Ausstellung „Medizin und Verbrechen“ in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen im Jahr 2004.
NS-„Rasseforscher“ nahmen diese Gesichtsmasken von Sinti und Roma, um ihre angebliche Minderwertigkeit zu zeigen. Zu sehen waren sie in der Ausstellung „Medizin und Verbrechen“ in der KZ-Gedenkstätte Sachsenhausen im Jahr 2004. © SVEN KAESTNER/AP/dapd

Am kommenden Mittwoch wird in Berlin das Mahnmal für die unter den Nationalsozialisten deportierten und ermordeten Sinit und Roma der Öffentlichkeit übergeben. Vielerorts in Europa werden sie noch heute diskriminiert.

Lange Zeit ging es um die Farbe des Wassers. Es war nicht schwarz genug. Jedenfalls nicht so, wie es sich der israelische Landart-Künstler Dani Karavan für das Berliner Denkmal für die von den Nazis ermordeten Sinti und Roma erdacht hatte. In dem Brunnen mit einer Größe von 12 Metern Durchmesser symbolisiert die sichtbare Oberfläche des dunklen Wassers den Blick auf einen endlos tiefen Grund. In der Beckenmitte hat der Künstler einen Stein platziert, auf dem eine Rose liegt. Ist diese verwelkt, soll der Stein im Brunnen versinken und sich danach wieder emporheben.

Leben, Trauer, Erinnerung, aber auch Besinnlichkeit sollen Reaktionen jener Assoziationskette sein, die Dani Karavan auslösen will. Am kommenden Mittwoch wird der Gedenkort südlich des Reichstags der Öffentlichkeit übergeben, in unmittelbarer Nähe des architektonisch wuchtigen und zugleich filigranen Mahnmals für die ermordeten Juden Europas des amerikanischen Architekten Peter Eisenman.

Der Streit um die Bauausführung ist symptomatisch für die holprige Entstehungsgeschichte des Erinnerungsortes, der der mindestens 500?000 Opfer der Sinti- und Roma-Bevölkerung gedenken soll, die nach 1942 europaweit ermordet wurden. Es war ein schwieriger Weg zu einem Denkmal, das die Regierung von Bundeskanzler Kohl bereits 1992 beschlossen hatte.

Stichworte wie Opferkonkurrenz fielen, und eine immer wieder neu entfachte Diskussion um eine angemessene Inschrift begleitete das Denkmal von Anfang an. Auch für dieses eher kleine Bauwerk galt für einige Jahre der Gedanke, die Debatte darüber sei bereits das vorweggenommene Mahnmal.

Entstanden war die Idee im Kontext der jahrelangen Auseinandersetzungen zur Errichtung eines Mahnmals für die ermordeten Juden Europas. Neben dem zentralen Gedenken an die jüdischen Opfer, so erhoben sich bald gewichtige Stimmen, dürften die anderen Opfer des Nazi-Mordens, die Homosexuellen, die psychisch kranken und behinderten Menschen sowie die Gruppe der Sinti- und Roma nicht vergessen werden.

Angst vor Neonazi-Attacken

Kritiker befürchteten indes, rund um den Reichstag würde ein beliebiger Holocaust-Parcours entstehen, nicht zu reden von der Schwierigkeit, die Anlagen vor Vandalismus und Neonazi-Attacken zu schützen. Nach Jahren der öffentlichen Begehbarkeit von Holocaust-Mahnmal sowie Schwulen- und Lesbendenkmal ist, von wenigen Anschlägen abgesehen, der harte Berliner Winter der größere Feind.

Wie verheerend der Massenmord der Nazis nachwirkt, zeigte sich aber auch in den begrifflichen Auseinandersetzungen. Wenn es 1992 die Absicht der Bundesregierung war, die Ansprüche der Opfergruppen ohne größeres Aufsehen zu befriedigen, so misslang das gründlich. Heftiger Streit entzündete sich um eine vorgesehene Inschrift, die an die als Zigeuner von den Nazis verfolgten Gruppen erinnern sollte.

Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats deutscher Sinti und Roma, der auch Karavan als ausführenden Künstler vorgeschlagen hatte, empörte sich über den Begriff Zigeuner. In den USA käme auch niemand auf die Idee, so Rose, auf ein Denkmal für den Bürgerrechtler Martin Luther King das Wort Nigger zu schreiben. Und so stand später die englische Bezeichnung für Zigeuner, Gypsies, ebenso im Raum wie der Vorschlag, das Denkmal ohne Text zu lassen, beziehungsweise es nur mit einer Chronologie des Völkermords an den Sinti und Roma zu versehen.

Differenzen gab es jedoch nicht nur zwischen den staatlichen Bauherren und den Opferverbänden. Zur Verzögerung des Denkmals trug auch eine Auseinandersetzung innerhalb der Opfergruppen um das angemessene Gedenken bei.

Wenn Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU), der das Projekt samt der immer wieder aufkommenden baulichen und künstlerischen Probleme mit Fingerspitzengefühl und Geduld begleitet hat, die Eröffnungsrede hält, kann er auf dem Werk des bald 82-jährigen Karavan ein Gedicht lesen. Auf dem Rand des Brunnens soll ein Zitat aus dem Poem „Auschwitz“ des italienischen Roma Santino Spinelli (Künstlername Alexian) stehen: „Eingefallenes Gesicht/ erloschene Augen/ kalte Lippen/ Stille/ ein zerrissenes Herz/ ohne Atem/ ohne Worte/ keine Tränen“.

In der wohl nie ganz abschließbaren Reihung der Berliner Erinnerungsorte nimmt das Denkmal eine besondere Stellung ein. Sinti und Roma sind vielfach noch immer ortlos, in nicht wenigen europäischen Ländern werden sie mehr oder weniger offen diskriminiert. In Berlin steht nun ein Denkmal, das die historische Dimension der Verfolgung der Sinti und Roma zu erfassen versucht. Aber das hält die zuständigen Politiker kaum davon ab, bezüglich der Asylpolitik grob populistische Töne anzuschlagen. Dani Karavans Bildkomposition mit Wasser, Stein und Rose mag manchem kitschig vorkommen. Aber im politischen Alltag der Bundesrepublik fällt noch so mancher Stein in einen dunklen Grund

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