Kommentar. NAHRUNGSMITTEL FüR IRAK

Washingtons Fehlprognose

Eigentlich sollte in Irak jetzt der freie Markt mit seinen Segnungen herrschen. Aber wie so vieles, das sich die Sieger des Irak-Kriegs anders vorgestellt

Von PIERRE SIMONITSCH

Eigentlich sollte in Irak jetzt der freie Markt mit seinen Segnungen herrschen. Aber wie so vieles, das sich die Sieger des Irak-Kriegs anders vorgestellt hatten, ist auch diese Prognose nicht eingetroffen. Die meisten Iraker sind arbeitslos und haben nicht einmal das Geld, ausreichend Lebensmittel zu erstehen. Wenn in drei Wochen die Vereinten Nationen ihr Hilfsprogramm "Öl für Nahrung" einstellen müssen, wird guter Rat teuer sein. Die Besatzungsbehörden haben noch kein Konzept vorgelegt, wie sie die 27 Millionen Iraker zu ernähren gedenken. Die irakische Landwirtschaft liegt darnieder, die Infrastrukturen sind schwer beschädigt, und die Sicherheitslage lässt kein Vertrauen in eine Marktwirtschaft aufkommen.

Einer der ersten Schritte der USA nach ihrem Sieg im Irak-Krieg war es, den Weltsicherheitsrat zur Aufhebung der Wirtschaftssanktionen zu bewegen. Das Beiwerk war die Beendung des Programms "Öl für Nahrung", das ja die Härten der Sanktionen mildern sollte. Was aber in den Amtsstuben Washingtons so logisch schien, hält den Prüfungen der rauen Wirklichkeit nicht stand. Es reichte nicht, das Land zu besetzen und Saddam Hussein zu vertreiben, um in sechs Monaten eine Demokratie nach westlichem Muster zu schaffen. Die gewöhnlichen Iraker sind heute hilfsbedürftiger denn je. Sie können sich mit einem Dinar nicht mehr kaufen, weil auf dem Schein das Porträt des gestürzten Diktators entfernt wurde.

Die Besatzungsbehörde in Irak hat den UN einen Brief geschrieben, in dem sie auf der Übergabe aller Projekte und Konten des Hilfsprogramms beharrt. Auf den Konten liegen noch schätzungsweise zehn Milliarden Dollar aus den früheren Ölexporten, die bisher nicht für den Kauf von Lebensmitteln, Medikamenten oder anderen dringend benötigten Gütern verwendet wurden. Damit könnten die Besatzungsmächte Zeit gewinnen, bevor es zu Engpässen bei der Nahrung kommt. Eine langfristige Lösung wird aber nur mit Unterstützung der Bevölkerung und der übrigen Staaten zu erreichen sein.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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