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Was wissen wir über den Krieg in der Ukraine – und was nicht?

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„Notorisch unsicher sind viele Informationen, die über den Verlauf der Kämpfe verbreitet werden.“
„Notorisch unsicher sind viele Informationen, die über den Verlauf der Kämpfe verbreitet werden.“ © Lino Mirgeler/dpa

Tanjev Schultz, Professor für Journalismus an der Universität Mainz, sagt: „Wenn du Frieden willst, dann bereite den Frieden vor. Auch jetzt, wo noch geschossen wird.“

Nach monatelangem Krieg in der Ukraine gibt es noch immer vieles, was sich nicht leicht beurteilen lässt. Notorisch unsicher sind viele Informationen, die über den Verlauf der Kämpfe verbreitet werden.

Dass die Medien und das Publikum in Deutschland vorsichtig sein müssen, um nicht der Kriegspropaganda auf den Leim zu gehen, ist klar. Die Unsicherheiten gehen aber noch weiter: Obwohl es mittlerweile etliche Korrespondentinnen und Korrespondenten gibt, die aus der Ukraine berichten, und sich noch immer einige westliche Reporter in Russland aufhalten, sind die Kräfteverhältnisse in beiden Ländern schwer zu erfassen.

Autor und Serie

Tanjev Schultz ist Journalismus-Professor an der Universität Mainz. Die Menschen in der Ukraine brauchen Frieden, aber es herrscht Krieg. Welche Wege können zum Frieden führen? Welche Rolle soll Deutschland dabei spielen?

In der Serie #Friedensfragen suchen Expertinnen und Experten nach Antworten auf viele drängende Fragen. Dabei legen wir Wert auf eine große Bandbreite der Positionen – die keineswegs immer der Meinung der FR entsprechen. Alle Artikel finden sich auch auf unserer Homepage unter: www.fr.de/friedensfragen

Der nächste Beitrag erscheint am Freitag. FR

Wie entwickelt sich die Wirtschaft, welchen Einfluss hat der Krieg auf den Alltag? Verschieben sich die politischen und ökonomischen Gewichte? Wer sind die Profiteure, welche Spannungen wachsen oder brechen hervor, die durch die aktuelle Not und das Leiden vieler Menschen verschärft oder nur kurzfristig verdeckt werden?

Man kann misstrauisch sein, ob das Bild, dass in der Ukraine alle an einem Strang ziehen, wirklich zutrifft. Dagegen spricht allein schon die Tatsache, dass das Land vor Beginn des russischen Angriffs große Herausforderungen vor sich sah, nicht zuletzt im Zurückdrängen der Korruption.

Tanjev Schultz.
Tanjev Schultz. © Privat

Dass die russische Seite jede vermeintliche oder tatsächliche Schwäche der Ukraine für ihre Propaganda missbraucht, darf nicht dazu führen, die Augen vor dem Pluralismus und den Konflikten in der ukrainischen Gesellschaft zu verschließen. Das wäre schon deshalb töricht, weil diese Konflikte spätestens nach dem Ende des Krieges höchst bedeutsam sein werden. So verständlich die Orientierung am unmittelbaren Kriegsgeschehen ist, käme es schon jetzt darauf an, mehr über die Zivilgesellschaft, die politischen und ökonomischen Strukturen zu erfahren – und die Vielfalt der Akteure in den Blick zu nehmen, jenseits von Wolodymyr Selenskyj, Vitali Klitschko und dem inneren Kreis der Regierung in Kiew.

Basierend auf einer Untersuchung aus den Jahren vor dem Krieg hat die Organisation „Reporter ohne Grenzen“ auf die unzulängliche Pressefreiheit in der Ukraine hingewiesen. Viele Medien seien „vor allem den persönlichen Interessen ihrer Besitzer verpflichtet und dienen ihnen als politische und wirtschaftliche Machtmittel“. Es wäre falsch, solche Analysen zu ignorieren, weil es nun darum gehe, den russischen Aggressor zurückzuschlagen. Sollten sich durch den Krieg illiberale Verhältnisse eher verfestigen als auflösen, wird dies für jede Friedensordnung zur Belastung und kann den Weg in Richtung EU behindern.

Man kann misstrauisch sein, ob das Bild, dass in der Ukraine alle an einem Strang ziehen, wirklich zutrifft.

Tanjev Schultz

Zugleich kann Russland nicht einfach aufgegeben werden. Mit Wladimir Putin und seinen Vertrauten wird es keinen demokratischen Aufbruch mehr geben. Umso wichtiger ist es, schon jetzt alles dafür zu tun, die Menschen in Russland zu stützen, die eine Liberalisierung ersehnen und gegenwärtig isoliert sind. Ohne sie wird ein Frieden, der diesen Namen verdient, nicht erreichbar sein.

Eine Ukrainerin erzählte unlängst, sie könne und wolle nicht mehr Russisch sprechen, es gehe ihr nicht mehr über die Lippen. Ihre individuelle Reaktion zu verurteilen im Angesicht der Gräuel, die in der Ukraine begangen werden, erschiene überheblich. Dennoch kann sie nicht zum Vorbild für die Politik werden. Die Sprache Dostojewskis und Tolstois braucht nicht weniger, sondern mehr Verankerung im Westen. Der kulturelle Dialog muss mittel- und langfristig noch viel stärker werden. Wer das fordert, stützt nicht Putin, sondern bereitet sich auf eine Zeit nach Putin vor.

Auch diejenigen, die Waffenlieferungen und den militärischen Kampf derzeit für unumgänglich halten, müssen daran denken, wie die Welt nach einem Krieg gestaltet werden kann. Si vis pacem, para bellum? Wenn du Frieden willst, bereite den Krieg vor? Diese angeblich realistische Weisheit der internationalen Politik ist sogar in einer akuten Kriegslage, in der nur Panzer und Raketen zu zählen scheinen, kurzsichtig und zynisch. Der Leitspruch muss lauten: Si vis pacem, para pacem – wenn Du Frieden willst, bereite den Frieden vor. Auch jetzt, wo noch geschossen wird. Am Ende zählen nicht die Panzer, sondern die Menschen.

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