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"Rein wissenschaftlich hat jeder von uns einen Migrationshintergrund". sagt Hatice Akyün: Passanten auf der Hohe Straße in Köln.

Hatice Akyün zu #MeTwo

"Was ist an ,Türkensau? Kritik?"

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Die Schriftstellerin Hatice Akyün über die Notwendigkeit der "MeTwo"-Debatte, welche Rolle unsere Sprache dabei spielt und warum der Fall Mesut Özil nicht dazu taugt, den Stand der Integration in Deutschland zu messen.

Frau Akyün, ich habe Sie in einem Artikel über die #Me-Two-Debatte als türkische Autorin und Journalistin bezeichnet. Sie haben die Passage bei Twitter veröffentlicht und gefragt: „Wo soll ich anfangen, wo aufhören, euch das zu erklären?“ Was haben Sie gedacht, als Sie das gelesen haben?
Ich dachte, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben. Sie haben ja keinen Fehler gemacht, Sie nehmen mich instinktiv als Türkin wahr und haben es unbewusst geschrieben. Ich habe mich gefragt, wie wir es jemals schaffen sollen dazuzugehören, wenn schon Menschen, die sich häufig mit dem Thema Integration beschäftigen, diesen Reflex haben.

Wie wäre es besser gewesen?
Ich brauche vor meinem Namen weder das Attribut „die türkische“, noch das Attribut „die deutsche“. Bei Letzterem hätte ich mich auch gewundert, weil Sie es dann besonders perfekt hätten machen wollen. Sie wollten es Ihren Lesern einfacher machen, indem sich mich eingeordnet haben. Wenn wir mit unserer Sprache selbstverständlicher umgingen, wären wir einen großen Schritt weiter in der Debatte.

Sie haben einen türkischen Namen. Stört es Sie, wenn Sie jemand fragt, wo Sie geboren wurden?
Nein, das zeigt mir zunächst einmal, dass jemand Interesse an meiner Person hat. Ich kann aber gut unterscheiden, ob mich das jemand fragt, weil er neugierig auf mich ist, oder ob er seine Vorurteile bestätigt haben möchte. Gespräche, die mit „woher kommst du“ anfangen, kippen oft in eine Problemdiskussion über Migranten oder Erdogan. Das erlebe ich gerade in der Özil-Debatte. Viel extremer war es bei der Sarrazin-Debatte.

In der „MeTwo“-Debatte berichten Menschen über Alltagsrassismus und Benachteiligung. Es ist erschreckend, was man dort liest. Ein Rückschritt?
Nein, ein großer Fortschritt. Meine Eltern taten noch so, als verstünden sie es nicht, wenn sie aufgrund ihrer Herkunft beleidigt wurden. Sie schwiegen. Wir aber reden jetzt. Das ist das Positive an dieser Debatte. Zum ersten Mal können wir von unseren Erfahrungen auf Augenhöhe erzählen. Deswegen schlägt die Debatte auch hohe Wellen, ist laut und wir werden als Jammermigranten beschimpft, wenn wir uns wehren. Wir diskutieren miteinander, wir streiten, wir hören uns manchmal sogar zu. 

Aber die Debatte schlägt auch um. Sie selbst haben einige Ihrer Tweets gelöscht, weil Sie unerträgliche Kommentare bekamen.
Ich kann mit Kritik ganz gut umgehen, aber strunzdumme Beleidigungen muss ich mir nicht antun. Ich hatte keine Lust, diesen Leuten auch noch ein Forum zu bieten, ihren Hass loszuwerden. Ich beteilige mich ja weiterhin an der Debatte. 

Das verletzt Sie nicht?
Nein. Wenn ich mich beleidigt fühlte, würde ich mich geistig unter diese Menschen stellen. Beleidigungen sind die Argumente derer, die Unrecht haben. Zu jedem beleidigenden Tweet habe ich fünf aufmunternde bekommen. Ich weiß ja, dass Deutschland nicht rassistisch ist. Es gibt rassistische Menschen in diesem Land. 

Haben Sie nicht das Gefühl, dass der Rechtsruck in Deutschland stärker wird?
Er ist nicht schlimmer, aber durch die sozialen Medien sichtbarer geworden. Wir müssen aber aufpassen, dass wir uns nicht treiben lassen – ob das jetzt die AfD ist oder die Trolle im Netz. Es ist der Mechanismus der Empörung, den diese Leute geschickt benutzen. Ähnlich wie es Trump und Erdogan tun – einen emotionalen Knopf drücken, um sein Gegenüber aus der Fassung zu bringen.

 
Die Debatte um Özil verschärft die Stimmung zudem noch.
Viele Menschen argumentieren, dass es doch nicht rassistisch sei, Özil wegen des Fotos mit Erdogan zu kritisieren. Das ist auch richtig. Aber was bitte ist an „Türkensau“ oder „geh zurück nach Anatolien“ Kritik? Das ist purer Rassismus. Wir tarieren in der aktuellen Debatte gerade aus, wo die Linie zwischen Kritik und Rassismus verläuft. Und ganz viele Menschen überschreiten diese Grenze und meinen, sie würden nur kritisieren. Rassismus ist aber keine Kritik am Fehlverhalten eines Menschen, sondern eine Grundhaltung.

Was haben Sie gedacht, als Sie das Foto von Özil und Erdogan gesehen haben?
Ich dachte: Schön, jetzt können wir wieder bei null anfangen. Aber trotzdem kein Grund, Özil rassistisch zu beleidigen. Oder ihn fallenzulassen. Wobei der DFB so wunderbar von seinen eigenen Fehlern ablenken konnte. 

Hätte er sich erklären sollen?
Es war seine Entscheidung, es nicht zu tun. Das akzeptiere ich. Trotzdem kann ich das Foto falsch finden. Ich akzeptiere aber nicht, dass man als Migrant offenbar keine Fehler machen darf. Wir sollten die Debatte über Integration auch nicht an einem Fußballer aufhängen. Özils Lebensgeschichte taugt nicht dazu, den Stand der Integration zu messen. Aber dennoch ist er als Einzelfall wichtig, weil nun viele Migranten genau hinschauen, wie man mit ihm umgeht. 

Kommen wir trotzdem in der Debatte voran?
Ja! Integration ist ja nicht statisch und irgendwann abgeschlossen. Integration ist ein Prozess. Jeder hat eine andere Vorstellung davon, was Integration ist. Aber wer entscheidet über das Maß? Wo beginnt sie, wo hört sie auf? Die neue Generation hat andere Bedürfnisse an Teilhabe als meine oder die meiner Eltern. Es wird aber auch immer Leute geben, die mich nicht als Deutsche akzeptieren und als „Passdeutsche“ bezeichnen. Ich möchte in keinem anderen Land leben. Das ist das deutscheste Bekenntnis, das ich machen kann. 

Sie haben mal gesagt, dass Ihr Herz und Ihr Verstand deutsch seien, Ihre Seele türkisch. Warum, glauben Sie, können viele Deutsche nicht nachvollziehen, dass man zwei Kulturen leben kann?
Ich werde oft gefragt, wie ich die Türkei noch lieben kann, obwohl Erdogan dort regiert. Sie können nicht verstehen, dass man sich einem Land verbunden fühlen kann, trotz Erdogan. In der Türkei leben aber Menschen, denen ich verbunden bin, ich habe Erinnerungen, die ich mir bewahre. Die emotionale Bindung bleibt ja, das Politische hat damit nichts zu tun. Das ist kein Widerspruch.

Haben Sie das Gefühl, dass von Ihnen erwartet wird, dass Sie sich für ein Land entscheiden sollen?
Um diese Entscheidung geht es ja ständig. Ob beim Doppelpass oder die Wahl der Nationalmannschaft, wie bei Özil. Ich kann meinen Pass abgeben, aber nicht einen Teil meiner Identität. Integration bedeutet, mich einzubringen und mitzumachen, damit aus unserem Land ein Ort wird, in dem sich jeder zu Hause fühlt. Dazu gehört auch, dass jeder – auch die Mehrheitsgesellschaft – sich von Denkweisen und Strukturen lösen muss, die irgendwann von den Eltern oder Großeltern gelebt wurden und längst überholt sind. 

Wie kann das gelingen?
Dazu gehören zwei Seiten: Migrantenfamilien, die es ihren Kindern ermöglichen müssen, ihr eigenes Leben zu führen. Loyalität gegenüber der Familie heißt ja nicht, meine eigenen Wünsche und Bedürfnisse aufzugeben. Und die aufnehmende Gesellschaft muss aufhören, ständig ihren Integrationsmaßstab anzulegen.

Wann hört ein Migrationshintergrund auf?
Wenn wir ständig drei Schritte vor und vier zurück gehen wohl nie. Rein wissenschaftlich hat jeder von uns einen Migrationshintergrund. Das Problem ist eher, dass zwischen Schönwetter-Migranten und Problem-Migranten unterschieden wird. Aus meiner Kindheit weiß ich, dass Türkischsein nicht schick war. Bei uns hieß es immer: Lernt die Sprache. Beim Italiener war es authentisch, wenn er gebrochen Deutsch sprach. Ein bisschen neidisch bin ich schon, wie es die Italiener geschafft haben, die Deutschen in ihrem eigenen Land zu integrieren. Aber im Ernst, der Grundgedanke ist eigentlich ganz einfach: Respekt auf beiden Seiten. Nur darauf kann Integration aufbauen.
 
Interview: Melanie Reinsch

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