1. Startseite
  2. Politik

Was kann Russland mobilisieren?

Erstellt:

Von: Stefan Scholl

Kommentare

Putin mit Blumen, um der Befreiung Leningrads zu gedenken.
Putin mit Blumen, um der Befreiung Leningrads zu gedenken. © afp

Eine neue Rekrutierungswelle steht an, ist aber problembehaftet. Die Öffentlichkeit ist nicht unbedingt begeistert von den Militarisierungsplänen des Kreml.

Igor hatte vergangenen Herbst eine Vorladung zum Kriegskommissariat bekommen, aber danach keinen Einberufungsbefehl. „Ich habe mich blöde gefühlt, mehrere meiner Bekannten waren schon eingezogen, da wollte ich mich auch freiwillig melden“, erzählt der Automechaniker und Gefreiter der Reserve aus Wolgograd. „Aber sie haben mich nicht genommen, sie sagten, sie bräuchten gerade Offiziere, keine Soldaten.“

Möglicherweise darf Igor bald doch noch in die Ukraine. In Russland, aber auch in westlichen Medien häufen sich Stimmen, die eine neue Mobilisierungswelle vorhersagen. Der Kreml dementiert. Aber gleichzeitig bestätigt er, dass die von Wladimir Putin im September erlassene Mobilmachung noch in Kraft sei. Weitere Einberufungen kann es also auch ohne große Ankündigungen geben.

Das amerikanische Institut für Kriegsstudien (ISW) schloss am Dienstag nicht aus, dass Putin in den kommenden Tagen eine neue Teilmobilmachung ausruft. Den vom ISW zur Debatte gestellten ersten Termin – die gestrige Jubiläumsfeier zur Teilaufhebung der Leningrader Blockade in Sankt Petersburg – ließ Russlands starker Mann verstreichen. Allerdings hatte der tschetschenische Regional-Präsident Ramsan Kadyrow am Vortag auf Instagram mit gewohnter Wortgewalt „die männliche Bevölkerung der Republik Tschetschenien, der Kaukasusregionen, ganz Russlands sowie der Weltgemeinschaft“, aufgerufen, sich auf die Fortsetzung der Mobilmachung vorzubereiten.

Zuvor berichtete das Wall Street Journal von einer nicht öffentlichen Meinungsumfrage des Kremls. Laut dieser fiel die Unterstützung der Bevölkerung für die „Kriegsspezialoperation“ nach dem Beginn der Mobilmachung im September auf 34 Prozent, stieg nach deren Ende im Oktober aber sehr schnell wieder auf 80 Prozent. Ein früherer Kremlmitarbeiter sagte der FR, ganz offenbar wären die Russen bereit, eine zweite Mobilisierungswelle zu erdulden. Auch das Portal „verstka.media“ zitiert eine kremlnahe Quelle, diese Welle könne bald beginnen, vielleicht schon im Winter.

Kasernen und Waffen fehlen

Wie die Internetzeitung „fontanka.ru“ meldete, hat der Generalstab schon im Dezember ein Verbot gestrichen, Väter mit mehr als zwei Kindern unter 16 Jahren einzuberufen. Und laut Radio Swoboda berichte etwa ein Dutzend Einwohner der Region Krasnodar, Vorladungen ins Kriegskommissariat für die zweite Januarhälfte erhalten zu haben.

Der russische Staat macht keinen Hehl daraus, mehr Soldaten zu brauchen. Am Dienstag verkündete Verteidigungsminister Sergei Schoigu die Aufstockung der Streitkräfte bis 2026 auf 1,5 Millionen Soldat:innen, nach Experteneinschätzungen also um 150 000 bis 500 000 Personen.

Schoigu will die Militärkreise Moskau und Leningrad wiederherstellen, in Karelien ein neues Armeekorps aufstellen, außerdem „autonome“ Armeegruppen in den besetzten ukrainischen Gebieten sowie 12 neue Divisionen. Besondere Aufmerksamkeit wolle man dabei der Anwerbung von Zeitsoldaten widmen. Deren Sollstärke soll auf knapp 700 000 angehoben werden, bis Februar 2022 waren es gut 400 000.

Allerdings müssten für die neuen Einheiten zuerst Kasernen gebaut, Waffen und Ausrüstung produziert und Ausbildung ermöglicht werden. Schon die Mobilisierung im Herbst zeigte, dass es an all dem mangelt. Und es gibt Zweifel, dass die Streitkräfte jetzt eine zweite große Welle von Mobilisierungen verkraften. „Es wird Zusatzaushebungen geben“, erklärt der Bürgerrechtler Pawel Tschikow. „Aber die Zahlen werden kaum in die Hunderttausende gehen. Und laut angekündigt wird das wohl nicht.“

Dafür erklärte Außenminister Sergei Lawrow gestern, die USA mobilisierten Europa gegen Russland wie einst Napoleon und Hitler. Moskau versucht zumindest, mit allen Mitteln Feindbilder zu mobilisieren. (Stefan Scholl)

Auch interessant

Kommentare