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Was kann die Wissenschaft zur Diplomatie beitragen?

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Joybrato Mukherjee
Joybrato Mukherjee © Sebastian Wilke

Wladimir Putin wird nicht ewig der Präsident Russlands sein - danach könnte die Wissenschaft dem Land bei der Rückkehr in die Staatengemeinschaft helfen, sagt Joybrato Mukherjee

Die Wissenschaftssanktionen gegen Russland waren und sind richtig, alle Verbindungen auf institutioneller Ebene nach Russland wurden gekappt. Es kann kein akademisches business as usual mit einem Staat geben, der seinen souveränen Nachbarn überfällt, um die ukrainische Identität und den ukrainischen Staat auszulöschen.

Und dennoch müssen gerade wir in der Wissenschaft über den russischen Angriffskrieg hinaus in die Zukunft blicken und uns auf Szenarien vorbereiten, in denen wir als Gestalter einer deutschen und europäischen Science Diplomacy (Wissenschaftsdiplomatie) gefragt sein werden. Wir tun dies in dem Wissen, dass Wladimir Putin nicht auf ewig Präsident Russlands bleiben wird und dass wir ein genuines Interesse daran haben, dem Land nach Ende des Kriegs die Rückkehr in die internationale Staatengemeinschaft zu ermöglichen.

Eine Normalisierung zwischenstaatlicher Beziehungen beginnt dabei oftmals mit wissenschaftlichem Austausch. Die Zusammenarbeit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Austausch von Studierenden, Forschenden und Lehrenden ermöglicht nach längerer Eiszeit den erneuten Aufbau von Vertrauen – Vertrauen, das in den vergangenen Monaten durch den russischen Angriffskrieg zerstört worden ist. Wenn es irgendwann um die Überwindung der deutsch-russischen Eiszeit gehen wird, kann die wissenschaftliche Zusammenarbeit insbesondere bei den großen Herausforderungen der Menschheit – zum Klimawandel, Artensterben und zur Pandemiebekämpfung – Brücken bauen zwischen Staaten und Gesellschaften, die derzeit kaum noch über Brücken verfügen.

Daher hält die deutsche Wissenschaft ganz bewusst die Mobilität von Russland nach Deutschland als letzte Brücke weiter aufrecht: Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die Russland individuell verlassen und von denen viele den Krieg gegen die Ukraine verurteilen, sind auch weiterhin in Deutschland willkommen.

Zugleich gilt es zu überlegen, welche weiteren Brücken wir zukünftig wieder mit Russland errichten können und wollen, sobald die aggressive und kriegerische Politik des Landes beendet worden ist: Die Wiederbelebung des Studierendenaustausches in beide Richtungen, die Reaktivierung von Doppelabschlussabkommen für deutsch-russische Studiengänge und die Wiederaufnahme von transnationalen Bildungsprojekten könnten dann erste Schritte sein.

Autor und Serie

Der Autor: Joybrato Mukherjee ist Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sowie der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Angesichts der langen Tradition deutsch-russischer Wissenschaftsbeziehungen ist davon auszugehen, dass einige deutsche Hochschulen und Wissenschaftseinrichtungen bereit wären, in einem allerersten Schritt als „Piloten“ solche gemeinsamen Austauschprozesse wiederaufzunehmen.

Brücken in der Wissenschaft zu aktuell oder ehemals „schwierigen“ Partnern aufzubauen, ist dabei keine Folklore einer Science Diplomacy , dies ist Kernaufgabe einer strategischen Außenwissenschaftspolitik. Die deutsche Außenwissenschaftspolitik wiederum muss sich angesichts der zunehmenden Konflikte und Systemrivalitäten weltweit viel stärker als bisher als Teil der Außensicherheitspolitik der Bundesrepublik Deutschland verstehen.

„Brücken in der Wissenschaft zu ‚schwierigen‘ Partnern aufzubauen, ist keine Folklore“, sagt Joybrato Mukherjee.
„Brücken in der Wissenschaft zu ‚schwierigen‘ Partnern aufzubauen, ist keine Folklore“, sagt Joybrato Mukherjee. © Imago/Schöning

Gemeinsam mit anderen Staaten die weltweite Sicherheitsarchitektur zu stabilisieren und möglichst viele Staaten für ein völkerrechtsbasiertes friedliches Miteinander auf diesem einen Planeten zu gewinnen, setzt interkulturelle Begegnung und internationalen Austausch als Basis voraus – ganz im Sinne des Diktums unserer Außenministerin, dass Sicherheitspolitik mehr ist als Militär plus Diplomatie. Die Wissenschaft bietet dazu einen idealen Raum, in dem durch Austausch und Kooperation Vertrauen geschaffen wird.

Die wissenschaftlichen Brücken zwischen Deutschland und Russland können dabei erst wieder eröffnet oder aufgebaut werden, wenn auch die russische Seite ein Interesse daran hat und dies durch eine Rückkehr zum Völkerrecht und zur Achtung der Grenzen in Europa signalisiert. Es bleibt zu hoffen, dass wir bald zu diesem Punkt kommen werden. Es kann schließlich nicht in unserem deutschen und europäischen Interesse liegen, dass Russland sich dauerhaft Richtung China wendet und ein Staatenblock entsteht, der dem Westen unversöhnlich gegenübersteht.

Joybrato Mukherjee ist Präsident des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) sowie der Justus-Liebig-Universität in Gießen.

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