1. Startseite
  2. Politik

Was hat der Pazifismus noch zu bieten?

Erstellt:

Kommentare

Ein Junge sitzt vor einem Bus am Transitzentrum Ya-Cherson, das die aus der Region Cherson evakuierten Binnenflüchtlinge im Südosten der Ukraine unterstützt.
Ein Junge sitzt vor einem Bus am Transitzentrum Ya-Cherson, das die aus der Region Cherson evakuierten Binnenflüchtlinge im Südosten der Ukraine unterstützt. © dpa

Mediator und Stiftungsvorstand Gerd Bauz sagt: Verhandeln ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Reife - die Antworten des Pazifismus sind umso gefragter, je länger der Ukraine-Krieg dauert.

Da hat man schon einen bitteren Rückschlag einzustecken, dann wird man auch noch beschimpft, von „Ponyhof“ bis „Unterwerfung“, von „naiv“ bis „obszön“. So geht’s gerade dem Pazifismus. Mittlerweile dreht sich das Blatt ein wenig, der Krieg kommt nicht voran und der Pazifismus wird gefragt: Wie kommen wir aus dem Krieg zum Frieden?

Militärischer Sieg oder Verhandlungslösung? Nato, Ukraine und Russland sind sich einig, Entscheidung auf dem Schlachtfeld. Das ist furchtbar, grausam und herzlos, aus der Zeit gefallen. Aber viele in ihren Ländern tragen das mit, sind selbst geistig und seelisch ins „System Krieg“ gefallen. Politik ade, der Krieg wird’s richten, wir fechten es aus, der Sieg ist unser, „Panzer, Panzer, Panzer.“

Ein militärischer Sieg ist weder realistisch noch wünschenswert. Unter seinem nuklearen Schirm ist Russland unangreifbar und unbesiegbar. Zudem gibt es für Nato-Europa die abschreckende Zweitschlagskapazität nicht. Sollte ein russischer Atomangriff erfolgen – wird militärisch voraussichtlich nichts geschehen; es wird zu Verhandlungen kommen. Wenig schlüssig ist zu meinen, der Krieg sei der bösen Psyche Putins entsprungen, und zu glauben, er lasse sich einfach besiegen.

Das Sieg-Ziel ist ethisch und politisch abzulehnen, weil es das Töten, Vergewaltigen, Zerstören fortführt auf unbestimmte Zeit. Auf diesem Weg wird die Ukraine „Grenzland“ wie vielleicht nie zuvor in ihrer Geschichte, zerrieben zwischen den Blöcken Russland und Nato. Der ukrainische Präsident Selenskyj setzt nur auf Sieg, wie viel Leid mutet er seinem Volk zu? Ein Viertel von 42 Millionen lebt jetzt im Ausland, was bedeutet das für die zerrissenen Beziehungen und Familien? Ein Mädchen, das hier Zuflucht fand, wird in dieser Zeitung so zitiert: „Egal, wie es mit uns weitergeht, ob wir hierbleiben werden. Wir wünschen uns nur eins, dass es Frieden gibt.“

Autor und Serie

Der Autor: Gerd Bauz ist Organisationsentwickler, Mediator und Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Der Spurwechsel zu Verhandlungen braucht allerdings das Verlassen der bellizistischen Sichtweisen. Verhandeln heißt nicht kapitulieren, ist kein Zeichen der Schwäche, sondern der Reife. Das Kriegsnarrativ, mit Putin könne man nicht verhandeln, ist doppelt irrig. Niemand kann dies wissen, der’s nicht versucht. Und es ist praktisch widerlegt: Die Getreideexporte sind erfolgreich ausgehandelt und werden umgesetzt.

Verhandeln folgt der Friedenslogik. Es spielt keine Rolle, wer kriegerisch gerade im Vor- oder Nachteil ist, ein Ergebnis wird erzielt und Bestand haben, wenn beide Seiten ihre Interessen gewahrt sehen. Dann aber ist es stabil. Als Menschen handeln wir im positiven Sinne mit dem, was wir als möglich voraussetzen.

Die emotionale Hürde ist: Aus dem Feind, dem Aggressor, wird der Verhandlungspartner, aus dem Schlächter von Butscha wird Herr Wladimir W. Putin, Präsident der Russländischen Föderation, so der offizielle Name. Verhandelnd geht es um Respekt, im Ergebnis um Fairness.

Stammte der russische Angriff aus einer inneren bösartigen Entwicklung, könnte man logischerweise nur kämpfen und vernichten. Es liegt aber ein jahrzehntelanges Konfliktgeschehen vor, die Nachbeben des Zerfalls der Sowjetunion. Russland als Nachfolgestaat hat die Phantomschmerzen des Kleinerwerdens zu bearbeiten, USA und Nato ihre Hybris als Sieger. Die Ukraine braucht eine doppelte Bewegung, sich aus der Abhängigkeit von Russland ihre Souveränität zu erringen beziehungsweise jetzt zu verteidigen (am besten in Verhandlungen als gesicherte Neutralität) und die unverrückbare räumliche Nachbarschaft zum gegenseitigen Nutzen zu gestalten.

Es braucht zwei Verhandlungstische: Ukraine-Russland und Nato-Russland. Der General a.D. und Ex-Generalinspekteur der Bundeswehr Harald Kujat hat früh den „Nato-Russland-Rat“ vorgeschlagen. Das wird nicht aufgegriffen. Das hat einen Grund, das Tabu dieses Krieges. Manchmal muss der Pazifismus das kleine Kind aus Andersens Märchen sein, das ausspricht: Der Kaiser ist nackt. Die Nato führt Krieg, indirekt. Wie lange muss die Ukraine leiden, bis die Nato Verhandlungen anbietet – oder deren Führungsmacht, die USA?

Gerd Bauz, Organisationsentwickler und Mediator, ist Vorstandsmitglied der Martin-Niemöller-Stiftung.

Gerd Bauz
Gerd Bauz © Gerhard Reichert.

Auch interessant

Kommentare