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Was haben Geschlechterstereotype mit Krieg – und Frieden – zu tun?

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„Ziel jeglicher Politik muss sein, auf den Abbau von Ungleichheiten hinzuwirken.“ Aktivistinnen des Vereins Vitsche·(„Forum“) demonstrieren in Berlin gegen die Zerstörung ukrainischer Städte.
„Ziel jeglicher Politik muss sein, auf den Abbau von Ungleichheiten hinzuwirken.“ Aktivistinnen des Vereins Vitsche·(„Forum“) demonstrieren in Berlin gegen die Zerstörung ukrainischer Städte. © Annette Riedl/dpa

Putins Regime pflegt einen Männlichkeitskult. Er festigt die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern und erhöht das Risiko für Gewalt, analysiert Friedensforscherin Cornelia Ulbert.

Die Überschrift „Männer sind vom Mars, Frauen von der Venus“ findet sich in zahllosen Titeln – meist mit der Aussage, dass es klare Unterschiede zwischen den Geschlechtern gebe. Was diese Unterscheidungen politisch so brisant und wirkmächtig macht, sind die Zuschreibungen und Bewertungen, die mit diesen Geschlechterdifferenzierungen einhergehen. Im gesellschaftlichen Zusammenleben relevant sind vor allem die sozial konstruierten Zuschreibungen, die gemeinhin mit dem Begriff „Gender“ bezeichnet werden.

Der US-amerikanische Kolumnist Robert Kagan widmete sich im Nachgang der Anschläge vom 11. September 2001 in einem Aufsatz mit dem Titel „Power and Weakness“ der Frage, warum die USA und Europa die Welt so unterschiedlich sähen. Seine Befunde brachte er auf den einfachen Punkt: „Americans are from Mars and Europeans are from Venus“. Es versteht sich von selbst, welcher Planet dabei für Macht und welcher für Schwäche steht.

Robert Kagan wurde damals heftig für seinen Essay kritisiert, in dem er „Europa“ vorwarf, sich von der Macht abzuwenden und sich in seine abgeschlossene Welt von Recht und Regeln, transnationalen Verhandlungen und Kooperation zurückzuziehen. Hier geht es nicht um die Frage, ob Europa seine „Wehrhaftigkeit“ vernachlässigt hat, über die im Kontext des russischen Angriffskriegs nun intensiv debattiert wird. Das zitierte Beispiel zeigt vielmehr, dass auch in der internationalen Politik „das Männliche“ für Tatkraft und überlegenes, zielgerichtetes Handeln in einem öffentlichen Raum, „das Weibliche“ hingegen für Schwäche und Rückzug in das Private steht.

Dass es sich bei dem von Wladimir Putin über nunmehr fast zwei Jahrzehnte systematisch gepflegten Männlichkeitskult nicht nur um eine geschickte Strategie der Sicherung der eigenen politischen Autorität handelte, wurde in unseren öffentlichen Debatten weniger beachtet. Spezifische Männlichkeitsvorstellungen gehen in Putins Russland auch mit dezidierten Vorstellungen über die eigene Nation einher, die nicht mehr als ein Teil Europas, sondern als eine einzigartige eurasische Zivilisation verstanden wird, die der degenerierten europäischen Zivilisation des „Gayropa“ überlegen ist. Mit dieser Überlegenheit wird auch die „Rettung“ der Ukraine vor dem Abgleiten in eine westlich liberaldemokratische Unkultur begründet.

Internationale Politik ist stark davon geprägt, Hierarchien zwischen Staaten und Regionen herzustellen. Nicht nur im Sicherheitsbereich findet sich die Überhöhung des Maskulinen. In Kriegszeiten führt die Herabsetzung des Gegners jedoch zu seiner Entmenschlichung. Wir wissen zwar, dass auch Frauen als Kämpferinnen agieren, dennoch dominiert im Militär immer noch das Bild des maskulinen Helden. Und um diese Männlichkeit zu beweisen, gehören auch Vergewaltigungen und sonstige Gräueltaten zum Handlungsrepertoire. Hypermaskulinität wird so Teil der Logik von Kriegsführung und hat damit im wahrsten Sinne des Wortes fatale Auswirkungen.

Welche Schlussfolgerungen ziehen wir daraus für Friedenspolitik? Ein wirksames Mittel der Gewaltprävention ist der Abbau von Ungleichheiten und den damit einhergehenden Ungerechtigkeiten. Ungleichheiten beruhen nicht nur auf materiellen Faktoren, sondern auch auf herabsetzenden Unterscheidungen etwa aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, ethnischer Zugehörigkeit, Religion oder Nationalität. Jenseits aktueller sicherheitspolitischer Priorisierungen muss es Ziel jeglicher Politik sein, auf den Abbau von Ungleichheiten hinzuwirken. Forschungen haben gezeigt, wie nachteilig sich Geschlechterungleichheiten in zahlreichen Bereichen wie politische Stabilität und Regierungsführung, Sicherheit, Wirtschaft, Gesundheit, Bildung, aber auch bei sozialem Fortschritt und sogar im Umweltschutz auswirken. Letztendlich liegt es aber auch an uns allen und dem Umgang, den wir miteinander pflegen, ob Geschlechterstereotype innergesellschaftlich oder auch im Verhältnis zwischen Staaten immer wieder reproduziert und zur Abwertung anderer eingesetzt werden.

Cornelia Ulbert ist wissenschaftliche Geschäftsführerin am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen.
Cornelia Ulbert ist wissenschaftliche Geschäftsführerin am Institut für Entwicklung und Frieden (INEF) der Universität Duisburg-Essen. © Bettina Engel-Albustin/Fotoagentur Ruhr moers

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