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Klimawandel: Was das Frühstück mit Abholzung zu tun hat

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Von: Sandra Kirchner

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Savannen wie der Cerrado in Brasilien werden vom Gesetz nicht abgedeckt.
Savannen wie der Cerrado in Brasilien werden vom Gesetz nicht abgedeckt. © AFP

Viele Produkte aus Soja, Palmöl oder Mais treiben die Entwaldung an. Eine EU-Verordnung soll das ändern

Wissen Sie eigentlich, wie viele Bäume in tropischen Regenwäldern für Ihren Schokoaufstrich auf dem Frühstücksbrötchen abgeholzt wurden? Für den Kaffee am Mittag oder für die Scheibe Wurst auf dem Brot am Abend?

Viele Produkte aus Soja, Palmöl oder Mais treiben die weltweite Entwaldung an. Für den Anbau von Soja, Kakao und Co sind in den vergangenen Jahrzehnten Millionen Hektar Grasland, Savanne und Regenwald zerstört worden – auch um die Nachfrage aus Europa zu stillen. Das Konsumverhalten von Europäer:innen trägt im großen Stil zur Abholzung bei.

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Laut einer Analyse der Umweltorganisation WWF Österreich sind die EU-Staaten mit ihren Importen landwirtschaftlicher Waren für 16 Prozent der globalen Regenwaldabholzung verantwortlich – nur China sorgt durch Importe für noch mehr Rodungen. Jedes Jahr werden durch Europas Bedarf an Lebensmitteln wie Soja, Palmöl und Kaffee 203 000 Hektar Wald abgeholzt, dabei werden 116 Millionen Tonnen CO2 freigesetzt. Der Konsum dieser Waren treibt nicht nur die Klimakrise weiter an, häufig gehen damit auch Verluste bei der Artenvielfalt und Menschenrechtsverletzungen gegenüber der lokalen und indigenen Bevölkerung einher.

Entwaldung heizt den Klimawandel an

Das will die Europäische Union jetzt ändern – mit einer Verordnung über entwaldungsfreie Lieferketten. Am Dienstag sprachen sich die Abgeordneten des EU-Parlaments für die Einführung von Sorgfaltsregeln für Importeure und große Händler aus. Diese sollen künftig nachweisen, dass ihre Waren nicht zur Entwaldung oder Waldschädigung beigetragen haben.

Dazu sollen Unternehmen die Entwaldungsrisiken ihrer Lieferketten bewerten, auch unter Einsatz von Daten zur Geolokalisierung und Vor-Ort-Kontrollen. 453 Abgeordnete stimmten für die Verordnung, 57 dagegen, 123 enthielten sich.

Für die sozialdemokratische EU-Abgeordnete Delara Burkhardt ist der Beschluss ein großer Schritt nach vorn im Kampf gegen die weltweite Entwaldung:

Regenwald und Klimawandel

Der Amazonas-Regenwald ist das größte tropische Regenwaldgebiet der Erde. Er gilt als „Klimamaschine“ und „grüne Lunge“ des Globus, denn dort findet rund ein Viertel des Kohlenstoff-Austauschs zwischen Atmosphäre und Biosphäre statt. Außerdem beherbergt der Wald zahlreiche Arten.

Als potenzielles Kippelement kommt ihm besondere Bedeutung für das Erdklima zu. Ein Großteil der Niederschläge im Amazonasbecken stammt aus über dem Wald verdunstetem Wasser. Ein Rückgang der Niederschläge in einem wärmeren Erdklima und die Abholzung des Regenwaldes sowie Brände könnten den Wald an eine kritische Grenze bringen.

Das Ökosystem verliert wahrscheinlich bereits an Widerstandsfähigkeit, wie eine Studie des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung herausfand. Das Forschungsteam analysierte dafür Satellitendaten. Der Verlust an Widerstandsfähigkeit in unberührten Teilen des Regenwaldes ist demnach hauptsächlich auf den Stress durch in der Nähe stattfindende menschliche Aktivität, wie beispielsweise Abholzung und Brandrodung, zurückzuführen.

Ob der Klimawandel selbst den Wald bereits schwächt, ist bisher nicht eindeutig feststellbar. Bei etwa drei Vierteln des Waldes hat die Fähigkeit, sich von Störungen zu erholen, laut der Studie seit Anfang der 2000er-Jahre abgenommen. fme/jw

„Das Europäische Parlament hat grünes Licht für die Verordnung gegeben, die Waren wie Soja, Palmöl, Rindfleisch, Kaffee, Kakao, Mais oder Kautschuk, deren Produktion häufig mit der Abholzung von Wäldern verbunden ist, vom europäischen Markt verbannt.“ Strittig war, welche Rohstoffe unter die neue Verordnung fallen sollen. Der ursprüngliche Gesetzesvorschlag der EU-Kommission bezog sich auf Rinder, Kakao, Kaffee, Palmöl, Soja und Holz. Auch Produkte, die diese Rohstoffe enthalten oder aus ihnen hergestellt werden, wie etwa Leder, Schokolade und Möbel, sollen künftig entwaldungsfrei sein. Das Europäische Parlament will nun auch Fleisch von Schweinen, Geflügel, Schafen und Ziegen sowie Mais, Kautschuk, Holzkohle und bedruckte Papierprodukte in die Regulierung einbeziehen.

Die Abgeordneten möchten außerdem Auflagen für Finanzinstitute aufnehmen, damit deren Aktivitäten nicht zur Entwaldung beitragen.

Umweltorganisationen wie Greenpeace und WWF begrüßen das Votum. „Das Europäische Parlament hat strenge Anforderungen für die Rückverfolgung von Produkten zu ihrem Ursprung festgelegt“, urteilt auch die europäische Waldschutzorganisation Fern. In Verbindung mit strengen Durchsetzungsmaßnahmen könne die Verordnung dazu beitragen, die Entwaldung zu beenden.

Verordnung sieht keine zivilrechtliche Haftung vor

Allerdings sieht die Verordnung keine zivilrechtliche Haftung vor. Das bedeutet: Wenn Importeure Produkte, die zur Entwaldung beitragen, in der EU auf den Markt bringen, können sie dafür nicht zivil- oder strafrechtlich haftbar gemacht werden. Auch eine Wiedergutmachung oder Schadensersatz sind nicht vorgesehen.

Bei den Ökosystemen, für die die Verordnung gelten soll, ist ebenfalls noch Luft nach oben. Lediglich Primärwälder und andere bewaldete Flächen fallen unter das neue Gesetz. „Wermutstropfen bleibt, dass Savannen wie der Cerrado nicht unter den Geltungsbereich der Verordnung fallen“, bemängelt der Grünen-Abgeordnete Martin Häusling. Als Cerrado bezeichnet man die Savannen im Südosten Brasiliens. Auch Umweltverbände fordern, dass die neuen Einfuhrregeln ebenso für Waren aus anderen Ökosystemen wie Feuchtgebieten oder Savannen gelten sollen. Die EU-Kommission will aber erst später prüfen, ob die Regularien auf andere Ökosysteme auszuweiten sind.

Doch noch sind die neuen Regeln für entwaldungsfreie Lieferketten nicht Gesetz. Das Parlament und die EU-Mitgliedsstaaten müssen jetzt zusammen mit der Kommission im sogenannten Trilog einen Kompromiss finden. Die Mitgliedsstaaten hatten schon Ende Juni im Ministerrat ihr Votum zu der Verordnung abgegeben. Sie wollen beispielsweise Mais und Kautschuk aus der Verordnung heraushalten und auf strenge Kontrollen verzichten. Umweltexpert:innen befürchten „immense Schlupflöcher“, wenn sie sich damit durchsetzen sollten.

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