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Was brauchen die Kinder in der Ukraine?

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„Auch im Krieg Kind sein zu dürfen, brauchen ukrainische Kinder dringend.“
„Auch im Krieg Kind sein zu dürfen, brauchen ukrainische Kinder dringend.“ © Terre des Hommes

Die Zerstörungen und Traumatisierungen haben massive Auswirkungen auf die Gegenwart und Zukunft des Landes. Die lokale Zivilgesellschaft bietet Gelegenheiten, damit ukrainische Kinder auch im Krieg Kind sein dürfen.

Kinder überall auf der Welt brauchen Frieden – denn Krieg führt zu massiven Kinderrechtsverletzungen. Seit 2014 herrscht Krieg in der Ukraine, seit mehr als acht Jahren sind Kinder dort dem Krieg und seinen Folgen ausgesetzt.

Seit dem 24. Februar wurden die russischen Angriffe auf das gesamte Territorium des Staates ausgeweitet. Den Vereinten Nationen zufolge sind seitdem 362 Kinder getötet, viele weitere verletzt worden. Neben diesen offensichtlichen physischen Folgen werden sie durch die Erlebnisse traumatisiert.

Kinder müssen neben Toten ausharren - manche sprechen danach nicht mehr

Unsere Partnerorganisationen in der Ukraine berichten von Kindern, die teils tagelang neben verstorbenen Familienmitgliedern ausharren mussten und darüber das Sprechen einstellten. Hunderttausende Kinder mussten fliehen, wurden von Elternteilen oder Geschwistern getrennt. Viele haben Angehörige oder Bekannte verloren.

Auch der Schulzugang ist infolge des russischen Angriffskriegs eingeschränkt: mit Start des neuen Schuljahres am 1. September ist laut den Vereinten Nationen jede zehnte Schule beschädigt oder zerstört. Präsenzunterricht war vielerorts lange nicht möglich, da Schulgebäude als Unterkünfte für Binnenvertriebene gebraucht wurden. In der Berichterstattung sind solche kinderrechtlichen Aspekte bisher wenig präsent, obwohl sie massive Auswirkungen auf die Gegenwart und Zukunft des Landes und seiner Kinder haben werden.

Die UN schätzen, dass etwa 1800 Minderjährige inhaftiert oder verschleppt wurden

Aus den von den russischen Truppen besetzten Gebieten berichten unsere Partnerorganisationen, dass Angst und Einschüchterung vorherrschen; dass die Annahme von Hilfslieferungen mit Drohungen, teils mit Erschießungen quittiert wird. Wir hören von Fällen, in denen Eltern ihre Kinder nicht auf die Schulen der russischen Besatzer schicken wollen und ihnen zur Strafe das Sorgerecht entzogen wird. Entsprechend der Angaben der Vereinten Nationen sind bislang zudem 1800 Minderjährige von russischen Truppen unrechtmäßig inhaftiert, verhört und verschleppt worden.

Autorin und Serie

Die Autorin: Teresa Wilmes ist Referentin der Kinderrechtsorganisation terre des hommes Deutschland. Sie koordiniert die Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen zu den Themen Flucht und Migration in Europa.

Die Serie: Welche Wege führen zum Frieden? Was müssen wir hinterfragen, was angesichts von Waffengewalt nicht opfern? Fachleute geben Antworten in der FR-Serie „Friedensfragen“.

Für einen gerechten Frieden braucht es daher ein Ende der Kampfhandlungen und einen vollständigen Rückzug der russischen Truppen. Nur so wird Kindern das Aufwachsen ohne die Gewalt von Krieg und Besatzung ermöglicht.

In der gegenwärtigen Situation sind Kinder in der Ukraine auf ihr direktes Umfeld angewiesen und auf zivilgesellschaftliche Organisationen, die sich für sie einsetzen. Die Partnerorganisationen von terre des hommes evakuieren, oft unter Lebensgefahr, Kinder und Familien aus umkämpften Gebieten und versorgen sie mit Lebensmitteln und Medikamenten. Anders als ukrainische Behörden fahren sie kleine und entlegene Orte an und erreichen auch die, die bei einer zentralen Verteilung von Hilfsgütern ausgeschlossen würden.

Sie streamen Online-Unterricht bis in die Bunker und U-Bahn-Stationen und versuchen, durch die tägliche Routine Kindern Halt zu geben. Sie bieten niedrigschwellig psychosoziale und therapeutische Versorgung an – sei es über direkte Hilfe vor Ort, telefonische Helplines oder Onlinechats.

Die Sommercamps sind für die Kinder eine Auszeit vom Krieg

In den zurückliegenden drei Monaten waren die Sommercamps unserer Partnerorganisationen für Kinder und Jugendliche eine wichtige Auszeit vom Alltag des Krieges. Für einen oder mehrere Tage konnten Kinder, die infolge der Kampfhandlungen verletzt wurden, die mit psychischen Folgen zu kämpfen haben oder deren Eltern an der Front oder bereits gefallen sind, gemeinsam mit anderen Kindern Basketball spielen, am Lagerfeuer singen und gemeinsam kochen. Es mag banal klingen, aber diese Gelegenheiten, auch im Krieg Kind sein zu dürfen, brauchen auch ukrainische Kinder dringend.

Der Mut und das Engagement unserer zivilgesellschaftlichen Partnerorganisationen beeindrucken mich in meiner alltäglichen Arbeit immer wieder aufs Neue. Die ukrainische Zivilgesellschaft mildert ab, was im russischen Angriff seine Ursache hat. Sie schafft positive Freiräume und Unterstützungsangebote für Kinder, Jugendliche und Familien mitten in einem Land im Krieg. Unsere Aufgabe ist es, solidarisch an ihrer Seite zu stehen.

Teresa Wilmes.
Teresa Wilmes. © Privat

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