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Was bedeutet eigentlich Wohlstand?

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Von: Friederike Meier

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Können wir die Klimakrise allein duch neue Technologien in den Griff bekommen?
Können wir die Klimakrise allein duch neue Technologien in den Griff bekommen? © Patrick Pleul/dpa

Wirtschaftswachstum bringt oft mehr Emissionen mit sich. Trotzdem gehen auch die meisten Modelle im Bericht des Weltklimaras davon aus, dass immer mehr konsumiert und produziert wird.

Wenn Sie in einem Industrieland leben, steigen Sie nur noch alle drei Jahre in ein Flugzeug. Wenn Sie hin- und zurückfliegen wollen, sogar nur alle sechs Jahre. Sie fahren viel seltener Auto als bisher und essen weniger Fleisch.

Wenn die Menschen im globalen Norden sich im Jahr 2050 so verhalten, kann die 1,5-Grad-Grenze eingehalten werden, und das, ohne Atomenergie oder kaum erprobte Technologien wie die CO2-Entfernung aus der Atmosphäre zu nutzen. Gleichzeitig können Menschen im globalen Süden mehr konsumieren als heute. Das ist das Ergebnis einer Studie des Thinktanks Konzeptwerk Neue Ökonomie gemeinsam mit der Heinrich-Böll-Stiftung.

„Es wird viel leichter, die Wirtschaft zu dekarbonisieren, wenn der Energiebedarf nicht immer weiter wächst“, sagt Linda Schneider, bei der Böll-Stiftung zuständig für internationale Klimapolitik und Mitautorin der Studie.

Um aus den Annahmen den Treibhausgas-Ausstoß zu berechnen, verwendeten die Autor:innen ein Modell, den sogenannten Global Calculator. Er erlaubt es, die Auswirkungen verschiedenster Produktions- und Konsumniveaus auf den Treibhausgasausstoß zu berechnen. Um die historische Verantwortung des globalen Nordens abbildbar zu machen, haben die Autor:innen das Modell angepasst. So nähern sich die Konsumniveaus bis 2050 weltweit an, Industrieländer konsumieren weniger als heute, Entwicklungsländer mehr.

Und wie sind die Forschenden auf die Annahmen gekommen? „Wir haben uns überlegt, wo weniger Konsum die Lebensqualität nur wenig verringert oder vielleicht sogar erhöht“, erklärt Kai Kuhnhenn, ebenfalls Mitautor und beim Konzeptwerk Neue Ökonomie zuständig für Klimagerechtigkeit. „Dabei haben wir uns auch an Konsummustern in den 1980er und 1990er Jahren oder an Mustern in anderen Ländern orientiert.“ Er gibt zu, dass das immer noch eine willkürliche Auswahl ist. Er sagt aber auch: „Wir sind auch offen für andere Vorschläge, denn genau diese Diskussion ist wichtig.“

Kuhnhenn kritisiert in diesem Zusammenhang auch den Weltklimarat der UN (IPCC) und dessen Berichte: „Das Wirtschaftswachstum als Treiber der Emissionen wird explizit erwähnt, aber es wird nicht weitergedacht. In den IPCC-Szenarien gibt es einen starken Fokus auf technologische Lösungen und überhaupt kein Gefühl dafür, dass sich eine Gesellschaft auch sozial transformieren kann“, kritisiert er.

Die Annahmen dazu sind wiederum in dessen Modellen versteckt. Die Studien, die der Rat für seine Sachstandsberichte zusammenfasst, verwenden fast alle sogenannte „Integrated Assessment Models“. Vereinfacht gesagt werden sie mit Annahmen etwa über das Bruttoinlandsprodukt und das Bevölkerungswachstum gefüttert. Als Ergebnis spucken sie zum Beispiel die Entwicklung der Wirtschaft, die Emissionen oder auch Veränderungen in der Landnutzung aus.

„Die Integrated Assessment Models berechnen ein ‚optimales Szenario‘, in der Modell-Logik bedeutet das das Szenario, bei dem der Konsum pro Person maximiert wird“, erklärt Kuhnhenn. „Aber Wohlstand bedeutet nicht gleich ‚bester Konsum‘.“ Die Modelle gehen also davon aus, dass die Emissionen sinken können, obwohl die Wirtschaft wächst. Umweltschäden in der Zukunft werden mit dem Geld bezahlt, das aus dem zusätzlichen Wachstum gewonnen wurde. „Der Global Calculator hingegen arbeitet nur mit physischen Größen, nicht mit Preisen, und ist daher aus unserer Sicht zuverlässiger als ein Modell voll intransparenter Algorithmen und Preisannahmen“, erklärt Schneider.

Dem Weltklimarat selbst ist auch klar, dass Degrowth-Szenarien kaum vorkommen: „Szenarien, die Klimawandelfolgen oder Degrowth beinhalten, werden nicht voll repräsentiert, weil diese, mit ein paar Ausnahmen, nicht in die Datenbank eingespeist wurden“, heißt es im Bericht.

Immerhin: Im neuesten IPCC-Bericht, der in diesem Jahr erschienen ist, gibt es einen kleinen Lichtblick: „Es gibt erstmals ein Kapitel zur Nachfrageseite, in dem es auch um Suffizienz und strukturelle Veränderung geht“, sagt Schneider. Beispielsweise wird erklärt, wie viel Emissionen es spart, wenn alle Menschen weniger Fleisch essen. „Allerdings gibt es weiterhin kein globales Szenario, das nicht von fortwährendem Wirtschaftswachstum in allen Weltregionen, also auch im globalen Norden, ausgeht“, kritisiert sie.

Die Autor:innen der Studie sehen aber keinesfalls allein die Individuen in der Pflicht, etwa weniger Fleisch zu essen. Die Senkungen des Konsums seien nicht als „unkoordinierte Schrumpfung“ gedacht - das würde zu sozialen Härten führen, heißt es in der Studie. Vielmehr müssten sie Teil eines „demokratisch gesteuerten sozial-ökologischen Wandels“ sein. Konkretere Schritte für die Politik seien etwa die Besteuerung von Ressourcen anstelle von Arbeit, die Verkürzung der Arbeitszeit oder die Einführung eines Grundeinkommens.

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