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Viele homosexuelle Geistliche lebten ihre Neigung nicht aus und hielten sich ans Keuschheitsgelübde.

Schwulenfeindlichkeit

Warum die Verbrechen vertuscht werden

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Frédéric Martel verweist auf den Klerikalismus und das Totschweigen des Themas Homosexualität.

Der Termin ist geschickt gewählt, um größtmögliche Aufmerksamkeit zu garantieren. Just wenn im Vatikan am Donnerstag der Krisengipfel zum Missbrauch durch katholische Priester beginnt, erscheint in 20 Ländern weltweit das Buch „Sodoma“. Untertitel: „Macht, Homosexualität, Heuchelei“. Es geht um schwule Geistliche, insbesondere im Vatikan. Homosexualität, das große Tabu der katholischen Kirche, wird immer wieder mit den Missbrauchsskandalen in Verbindung gebracht.

Der französische Journalist und Soziologe Frédéric Martel hat für „Sodoma“ vier Jahre lang 1500 Informanten befragt, darunter 41 Kardinäle, mehr als 50 Bischöfe, etliche Schweizergardisten und hunderte Priester, wie er sagt. Am Mittwoch präsentierte er seine Recherchen den Medien. Fazit: Der Vatikan ist eine der größten Schwulengemeinschaften der Welt, in der das Thema Homosexualität jedoch totgeschwiegen wird. Das sei der Schlüssel, um die moralischen Positionen des Vatikans zu verstehen und zu erklären, warum zehntausende Fälle von sexuellen Verbrechen und Verfehlungen in der Kirche vertuscht wurden. „Wir haben es mit einer unglaublichen Lüge zu tun“, sagt Martel.

Soziologe Frédéric Martel hat für „Sodoma“ vier Jahre lang 1500 Informanten befragt, darunter 41 Kardinäle, mehr als 50 Bischöfe.

Auf den ersten Blick könnte es scheinen, als wolle der Autor rechten Kirchenkreisen und Papst-Gegnern in einem für Franziskus kritischen Moment Munition liefern. Ultrakonservative Traditionalisten wie der amerikanische Kardinal Raymond Leo Burke behaupten, homosexuelle Priester und eine „Schwulen-Lobby“ im Vatikan seien die Ursache der Missbrauchsskandale. Sie verweisen darauf, dass vier von fünf Opfern männlich sind. Franziskus und seinen Anhängern werfen sie schwulenfreundliche Positionen vor.

Martel, der sich offen homosexuell nennt und linken katholischen Kreisen nahe, betont: „Es gibt keine direkte Verbindung zwischen Homosexualität und Kindesmissbrauch.“ Außerhalb der Kirche seien die Opfer in der Mehrzahl Mädchen. „Auch die Schwulen-Lobby im Vatikan ist eine Erfindung. In Wahrheit ist es genau das Gegenteil“, sagt er. Die Homosexuellen seien im Vatikan in der Mehrzahl, aber es handele sich um unzählige isolierte Individuen, die ihre Neigung verheimlichten, sie unterdrückten oder ein schizophrenes Doppelleben führten. Dennoch sieht Martel einen Zusammenhang zu den Missbrauchsskandalen: „Durch die Kultur des Schweigens und der Geheimhaltung wurden die Täter geschützt. Der Vatikan ist ein Meister der Vertuschung.“ Ein Bischof oder Kardinal, der einen Täter decke, tue das, weil er Angst habe, durch einen Medienskandal könnte seine eigene Homosexualität aufgedeckt werden. „Missbrauch ist kein Unfall, sondern bedingt durch das soziologische System der Kirche, den Klerikalismus“, glaubt Martel.

Kritiker werfen ihm vor, er nenne wenige Namen und führe kaum Belege an. „Ich habe mich entschlossen, niemanden zu outen“, rechtfertigt sich der Autor. Unter seinen Informanten seien aber 27 Vatikanpriester, die mit vielen Klerikern geschlafen hätten, darunter etliche Kardinäle und Papstberater. Viele homosexuelle Geistliche lebten ihre Neigung nicht aus und hielten sich ans Keuschheitsgelübde. Andere hätten monogame Beziehungen, etwa mit Fahrern oder Assistenten. Die Mehrzahl aber praktiziere ihre Homosexualität, etwa in Schwulensaunas. Bei den Recherchen habe er festgestellt: Desto schwulenfeindlicher ein hoher Würdenträger, umso wahrscheinlicher sei er homosexuell.

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