+
Ein Schlachtruf, damals wie heute: "Wir sind das Volk" steht auf der Deutschlandfahne eines Teilnehmers einer Demonstration in Berlin.

Ostdeutschland

Warum sich Ostdeutsche als Opfer fühlen

  • schließen

Es wächst nicht mehr zusammen, was zusammen ist. Und es wird noch sehr lange so bleiben.

Es ist erst ein paar Tage her, dass in der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur darüber debattiert wurde, ob die Ostdeutschen eigentlich Opfer seien – und wenn ja: Opfer von was?

Die ehemalige Stasiunterlagen-Beauftragte Marianne Birthler warnte davor, dieses Opferbild zu zementieren – etwa mit Blick auf die alte Bundesrepublik nach 1989, sprich: den Westen, auf den seither vielerlei Übel projiziert würden. Das führe letztlich nicht weiter. Die letzte Ostbeauftragte der Bundesregierung, Iris Gleicke (SPD), wies hingegen auf reale Benachteiligungen hin, beispielsweise bei Führungspositionen.

Die Debatte, so viel ist sicher, ist zentral. Tatsächlich haben Ostdeutsche Grund zu klagen – zumindest wenn sie sich mit der alten Bundesrepublik vergleichen. Das ergibt sich unter anderem aus dem jüngsten Jahresbericht zum Stand der deutschen Einheit: Das Ost-Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner liegt nur bei 73,2 Prozent des Westwerts und stagniert, die ostdeutsche Wirtschaftskraft nähert sich nur noch langsam der westdeutschen an, bei den Löhnen liegt der Osten um fast 20 Prozent zurück, beim Vermögen ist die Kluft noch größer. Experten sind sich einig: Das alles wird noch sehr lange so sein, wenn in Ostdeutschland nicht ein Mangel behoben wird – der an großen Industrieunternehmen.

Hinterher hängen die Ostdeutschen ebenfalls bei den Eliten, und zwar sowohl gesamtdeutsch wie in Ostdeutschland selbst. Dies ist teils Spätfolge des Elitentransfers von West nach Ost im Zuge der Vereinigung. Damals kamen unter anderem Tausende Beamte aus der alten Bundesrepublik.

Mittlerweile fragt sich aber, ob sich die Unterrepräsentation fast 30 Jahre nach dem Mauerfall nicht rausgewachsen haben müsste. Dass dies nicht der Fall ist, legt den Verdacht nahe, dass Westdeutsche andere Westdeutsche auf Führungspositionen nachziehen. Das wiederum wäre keine Besonderheit, sondern ist Forschern zufolge bei Elitenbildungen fast immer so: Gleich und gleich gesellt sich gern.

Verbesserte Infrastruktur im Osten

Deshalb gibt es auch seit längerem die Debatte über eine etwaige Ostquote, die Fachleute jedoch für nicht praktikabel halten. Der Präsident der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, kritisierte unlängst jedenfalls, die Dominanz der Westdeutschen auf den Führungsposten werde von Ostdeutschen vielfach als „kultureller Kolonialismus“ empfunden. Dies sei schädlich.

Kritiker der Opferthese verweisen auf die verbesserte Infrastruktur im Osten, die stark gesunkene Arbeitslosenquote oder die Situation in anderen osteuropäischen Ländern. Die müssten ja der Vergleichsmaßstab sein, nicht Westdeutschland. Die De-Industrialisierung des Ostens sei ihrerseits eine Konsequenz der DDR. Überhaupt spiele die Opferthese allein den Gegnern der Demokratie, allen voran der AfD, in die Hände. Nicht zufällig wird in deren Kreisen ja das Motto der 1989er-Zeit bemüht: „Wir sind das Volk“. Das legt den Schluss nahe, es bestünde zwischen dem SED-Politbüro und der Bundesregierung gar kein Unterschied – obwohl letztere aus freien Wahlen hervorgegangen ist und Ersteres nicht.

Wie man es auch dreht und wendet: Unverändert fühlen sich zahlreiche Ostdeutsche Umfragen zufolge als Bürger zweiter Klasse. Teilweise wird dieses Gefühl vererbt. Die Debatte über die Frage, ob die Ostdeutschen Opfer seien, wird deshalb weitergehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion