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Das von Autobomben zerstörte Hauptquartier der Carabinieri in der schiitischen Kleinstadt Nasirija im Süden Iraks.

Warum mussten sie sterben?

Italien hat mit einem blutigen Anschlag auf seine "humanitäre Mission" in Irak nicht gerechnet, nun gibt es Streit

Von ANDREA NÜSSE (AMMAN) UND ROMAN ARENS (ROM)

Schwarze Rauchwolken steigen in den Himmel. Zwei Feuerwehrwagen versuchen den letzten Brandherd zu löschen. Doch noch immer hüllt der dunkle Qualm das Gebäude in der südirakischen Stadt Nasirija ein, in dem die italienischen Carabinieri und Soldaten ihr Quartier hatten. Teile des zweistöckigen Gebäudes sind völlig zerstört. Die Mauer des Komplexes ist eingefallen, und mehrere verkohlte Fahrzeuge stehen gespenstisch herum.

Um 10.40 Uhr irakischer Zeit fuhr am Eingang des Komplexes ein Lastwagen vor und raste durch das Eingangstor. Ersten Zeugenangaben zufolge hat es einen Schusswechsel mit den italienischen Wachen gegeben. Dem Lastwagen folgte ein zweites Fahrzeug. Laut Angaben der italienischen Botschaft in Bagdad explodierten zwei Lastwagen gleichzeitig vor dem Munitionslager im Hauptquartier der italienischen Truppen in der irakischen Kleinstadt. Das Depot und mehrere geparkte Fahrzeuge explodierten nach der Zündung der starken Autobomben. 14 Italiener, darunter 11 Carabinieri und drei Soldaten, sowie acht Iraker wurden getötet.

Seit Kriegsende herrschte Ruhe

Der Anschlag hat die schiitische Kleinstadt Nasirija aufgeschreckt. Hunderte Passanten, die sich auf der breiten Hauptstraße versammelten, an der das Truppenquartier liegt, schauen ungläubig auf die aufsteigenden Rauchwolken. Keine Spur von Freudentänzen, wie sie nach Anschlägen auf US-Militärfahrzeuge im so genannten sunnitischen Dreieck nordwestlich von Bagdad gelegentlich zu sehen waren. Zwar hat es in Nasirija im Krieg heftige Kämpfe mit den vorrückenden US-Truppen gegeben. Doch seit Kriegsende herrschte in der Stadt, die in der britischen Besatzungszone liegt, Ruhe.

Aus Illusionen gerisssen

Dass sein Irak-Kontigent zum Ziel eines blutigen Anschlages werden könnte, damit hatte Italien nicht gerechnet, auch nicht rechnen wollen. Verteidigungsminister Antonio Martino hatte die Mission seiner Soldaten und Carabinieri immer wieder zum "humanitären Einsatz" erklärt. Die beiden Autobomben vom Mittwochmorgen rissen das Land aus einer trügerischen Illusion in tiefe Trauer - und sofort in politischen Streit.

Brot und Wasser verteilen, Straßen wieder herstellen, neue Stromleitungen legen, für Sicherheit in den Städten sorgen - das war nie ungefährlich, wusste man, aber es konnte doch keine Attentäter anziehen, glaubte man. Außer den Carabinieri, deren Hauptquartier von den Bomben getroffen wurde, sind Marineangehörige und Heeressoldaten von Spezialeinheiten, etwa zur chemischen und bakteriologischen Entseuchung, und Pioniere in Irak. Ihren Einsatz hatte das Parlament schon vor dem am 1. Mai erklärten Kriegsende beschlossen - mit der Mehrheit der Mitte-rechts-Parteien. Die Linke war und ist in der Irak-Frage gespalten. Die Mehrheit der Linksdemokraten, Sozialisten und der Sammelpartei Margherita beteiligten sich nicht an der Abstimmung. Die Linke der Linksdemokraten, Kommunisten und Grüne stimmten dagegen. Diese Spaltung besteht auch jetzt noch in einer durch die jüngste UN-Resolution veränderten Lage.

"Ganz Italien schart sich um Carabinieri und Streitkräfte und unterstützt sie in dieser harten Prüfung", sagte der sichtlich bewegte Staatspräsident Carlo Azeglio Ciampi in einer Fernsehansprache. Auch Ministerpräsident Silvio Berlusconi appellierte an die Einheit der Nation, fügte aber gleich hinzu, dass "keine Einschüchterung" zur Unterbrechung der Irak-Mission führen werde, die den Frieden und die demokratische Wiedergeburt Iraks garantieren solle. Vizepremier Gianfranco Fini ist hier mit seinem Chef einig: "Es ist der Augenblick der Verantwortung und Festigkeit, bis der internationale Terrorismus ausradiert ist."

Manche Politiker wollten es zunächst beim Ausdruck von Schmerz und Trauer belassen, konnten es sich aber auch nicht verkneifen, für die nächsten Tage eine "kritische Interpretation von Krieg und Nachkrieg" anzukündigen, so Oppositionsführer Francesco Rutelli.

Der blutige Anschlag fällt in eine Zeit, in der die Verlängerung des Mandats für die Mission kontrovers diskutiert wird und vom Parlament beschlossen werden muss. Verteidigungsminister Antonio Martino, der eine Verlängerung um sechs Monate anstrebt, schrieb das Attentat am Mittwochnachmittag im Parlament den Fedajin Saddam Husseins zu.

Vorwürfe an die Regierung

Warum sind sie gestorben? Mit dieser Frage zog sich der Chef der Kommunisten (Comunisti Italiani), Oliviero Diliberto, den Zorn der Regierungsparteien zu. Er fragte: "In wessen Namen sind sie losgeschickt worden, um zu sterben?" Noch deutlicher wurde der Chef der Grünen. Es sei unmoralisch, meinte Alfonso Pecoraro Scanio, das Leben tausender junger Italiener aufs Spiel zu setzen für den "Präventivkrieg von Bush". Und Fausto Bertinotti von der anderen kommunistischen Partei Rifondazione Comunista wiederholte seine bekannte Forderung: "Der Rückzug der Truppen ist notwendig."

Insgesamt sind etwa 2400 italienische Soldaten und Militärpolizisten in Irak stationiert. Sie sind für die Provinz Dhi Qar , nordwestlich von Basra, verantwortlich, wo die Briten ihr Hauptquartier haben. Nach Angaben des Al-Dschasira-Korrespondenten aus Nasirija hat es in der Stadt zuvor keine größeren Konflikte zwischen der Zivilbevölkerung und Italienern gegeben. Mitte September kam es zu kleineren Scharmützeln, als frühere irakische Soldaten für die Auszahlung ihrer Löhne demonstrierten. Einige Tage später gerieten Militärpolizisten in einen Schusswechsel, es wurde niemand verletzt.

In den vergangenen Tagen haben die Anschläge im Süden Iraks jedoch merklich zugenommen. In der von Briten kontrollierten Stadt Basra wurden am Dienstag vier Iraker getötet und neun verletzt, als zwei Bomben explodierten. Zuvor war ein britisches Militärfahrzeug bei einer Explosion beschädigt worden. "Es hat eine Steigerung der Zwischenfälle in dieser Woche gegeben", bestätigt der Sprecher der britischen Truppen in Basra, Charles Majo, am Mittwoch. Beobachter wollen aber noch nicht davon sprechen, dass die Gewalt nun auch auf den schiitischen Süden des Landes übergreift, der bisher relativ ruhig war.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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