Italien

Sticheleien und handfeste Beleidigungen

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Warum die italienisch-französische Beziehung in der Krise steckt – eine Analyse.

Welches Verhältnis die Italiener zu ihren französischen Nachbarn haben, ließ sich während der Fußball-WM im vergangenen Sommer beobachten. Beim Endspiel Frankreich gegen Kroatien fieberten viele italienische Fans mit den Kroaten. Frankreich gilt südlich der Alpen nicht nur im Fußball traditionell als Rivale, sondern auch, was Esskultur, Mode und Stil angeht. In diesem Wettbewerb hat gegenseitiger Respekt aber bisher stets überwogen. Und auch die politischen Beziehungen zwischen den beiden EU-Gründungsmitgliedern waren eng und freundschaftlich.

Das hat sich geändert, seit in Italien die populistische Regierung der Anti-System-Bewegung Fünf Sterne und der rechtsnationalen Lega das Sagen hat. Von Anfang an hatten die beiden römischen Vize-Premiers, Fünf-Sterne-Führer Luigi Di Maio und Lega-Chef Matteo Salvini, den französischen Präsidenten Emmanuel Macron zum „Feind Nummer eins“ erklärt. Der Liberale, der für eine Wiedergeburt Europas kämpfen will, gilt ihnen als Verkörperung der Eliten, der Finanzwelt, der Brüsseler Bürokratie. Gerade jetzt, vor der Europawahl, ist er die perfekte Zielscheibe. Macron wiederum schimpft auf die „populistische Lepra“. Wenn Nationalisten und Hassprediger in ihm ihren Hauptgegner sähen, so hätten sie recht, sagt er.

Seit Monaten liefern sich beide Seiten Sticheleien, Provokationen und teils handfeste Beleidigungen, wobei Rom das schrillere Register zieht. Als „Champagner trinkenden Verrückten“ titulierte Salvini den Pariser Premier, als Heuchler, als „Signorino“, Herrchen. Inzwischen ist das Verhältnis zwischen Frankreich und Italien erheblich gestört. „Das ist die tiefste Krise seit der Nachkriegszeit“, sagt der französische Historiker Marc Lazar von der Pariser Science Po. Dass 2018 erstmals keiner der sonst jährlich einberufenen bilateralen Gipfel organisiert wurde, belegt das.

Größter Zankapfel ist das Thema Migration. Gleich nach Amtsantritt im Juni 2018 schimpfte Salvini, statt Migranten aufzunehmen, wolle Macron „mit französischer Arroganz“ Italien zum Flüchtlingslager für Europa machen. Wenige Monate später warf er dem Nachbarland vor, es schiebe heimlich Migranten über die Grenze nach Italien ab. Macron wiederum bezichtigte die Populisten, Lügen über Flüchtlingszahlen zu verbreiten.

Als die Proteste der „Gilets Jaunes“ gegen Macron eskalierten, schrieb Di Maio Anfang Januar auf Facebook: „Gelbwesten, bleibt standhaft!“. Er solidarisierte sich und bot logistische Unterstützung an. Salvini forderte, Macron solle zurücktreten. Dass Vertreter einer EU-Regierung offen eine teils gewalttätige Opposition im Nachbarland unterstützen, das hatte es noch nicht gegeben. Den bisherigen Höhepunkt erreichte der Konflikt vergangene Woche. Just als Kanzlerin Angela Merkel und Macron in Aachen einen neuen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag schlossen, warf Di Maio Frankreich Neokolonialismus vor. Die Pariser Politik verarme Afrika, sie sei schuld, dass so viele Afrikaner fliehen müssten. „Von nun an bringen wir Migranten nach Marseille“, drohte Di Maio und forderte EU-Sanktionen gegen Frankreich.

Als Beweis für die Anschuldigungen führte er den CFA-Franc an, die Währung von 14 französischen Ex-Kolonien in Afrika, die an den Euro geknüpft ist. Frankreich drucke Geld für diese Staaten, verhindere damit deren wirtschaftliche Entwicklung und trage dazu bei, dass Flüchtlinge im Meer sterben, so Di Maio. Tatsächlich jedoch stammten von den 23 000 Migranten, die 2018 nach Italien kamen, nur 2000 aus CFA-Ländern.

Macron gibt sich gelassen. „All das ist überhaupt nicht interessant“, sagte er am Sonntag, „ich werde nicht antworten.“ Süffisant fügte er hinzu: „Das italienische Volk ist unser Freund und verdient politische Führer, die auf der Höhe seiner Geschichte sind.“

Der französische Historiker Lazar verweist darauf, dass es Spannungen auch schon vor Macron und den Populisten gegeben habe. Vor allem Frankreichs Intervention 2011 in Libyen habe das Verhältnis belastet. Italien fühlte sich damals als Ex-Kolonialmacht übergangen, es hatte mit Libyens Diktator Gaddafi kooperiert, um die Zahl der Bootsflüchtlinge einzudämmen.

Heute konkurrieren beide Länder in Libyen wirtschaftlich. Der italienische Eni-Konzern förderte lange als einziges internationales Unternehmen Öl in dem Bürgerkriegsland. Seit 2018 ist auch der französische Total-Konzern in Libyen aktiv. Auch das sorgt für Unmut in Rom.

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