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Warum ist die Deeskalation so schwierig?

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Von: Rainer Kilb

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„Eine solche Inkarnation toxisch-männlicher Allmächtigkeit“: Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Militärparade zum 9. Mai 2022 in Moskau.
„Eine solche Inkarnation toxisch-männlicher Allmächtigkeit“: Russlands Präsident Wladimir Putin bei der Militärparade zum 9. Mai 2022 in Moskau. © Mikhail Metzel/POOL/TASS/picture alliance/dpa/POOL

Notwendig ist die Feststellung gemeinsamer und gegebenenfalls übergeordneter Interessen. Aber das dürfte in der augenblicklichen kriegerischen Eskalationsstufe noch Zukunftsmusik sein, schreibt der Erziehungswissenschaftler Rainer Kilb.

Es ist sehr schwierig, für die augenblickliche Eskalationsstufe des kriegerischen Konflikts zwischen russischen Invasoren und ukrainischer Selbstbehauptung Möglichkeiten und Wege zu identifizieren, die sich als Deeskalationsstrategien oder gar für Konfliktlösungen anbieten könnten. Wahrscheinlich ist es nur möglich, ausgehend von sehr unterschiedlichen Hypothesen verschiedene Szenarien zu entwickeln, an welcher Stelle die fortlaufende Eskalationsdynamik vielleicht ausgebremst werden könnte.

Hypothese 1 steht für eine unterschiedliche Wahrnehmungsrealität der Konfliktvorgeschichte. Während die russische Kriegsstrategie offenbar schon länger gezielt eine Annexion ehemals zur Sowjetunion zählender Staaten plante, konnten sich weder die davon betroffenen Länder noch die Westeuropäer einen solchen Schritt – trotz vorausgegangener russischer Aktionen in Georgien, der Krim und der ostukrainischen Donbass-Region – wirklich vorstellen.

Verletzung des Völkerrechts

Hypothese 2 steht für divergierende Einstellungen und Interessenlagen. Während Putins Regime die Ukraine historisch wie machtpolitisch restaurativ zum Kern des russischen Imperiums zählt, bezieht sich die Ukraine auf ihr Autonomierecht nach Überlassung der eigenen atomaren Rüstungsanteile an Russland. Die mit der russischen Invasion einhergehende Verletzung des Völkerrechts führt zur Ignoranz gegenüber einem überstaatlichen Rechtsrahmen durch die russische Kriegspartei und damit zum Wegfall eines übergeordneten Regelungsinstituts.

In einer 3. Hypothese bündeln sich zunächst offensichtliche Fehleinschätzungen der eigenen machtpolitischen wie militärischen Kräfteverhältnisse Russlands im Verhältnis zu insbesondere mentalitätsbezogenen Ressourcen der Ukraine und der Kooperationsbereitschaft im Rahmen der Nato- beziehungsweise der EU-Mitgliedsstaaten.

Der Autor, die Serie

Rainer Kilb ist Professor für Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit und Konfliktmanagement an der Hochschule Mannheim.

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Hypothese 4 umfasst die „Black-Box“ Putin’scher Persönlichkeit und die Vermutung, dass aufgrund nicht mehr vorhandener regierungsinterner Kontrollinstanzen die halbe Welt einer einzigen Persönlichkeit ausgeliefert ist, die aggressiv und wenig zugänglich erscheint und andere in einen Zustand extremer Verunsicherung und Angst versetzt. Eine solche Inkarnation toxisch-männlicher Allmächtigkeit wäre eher im irrationalen und psychopathologischen Bereich platziert und am wenigsten kalkulierbar.

Relativ ratlos

All dies lässt einen zunächst relativ ratlos zurück und auf die „Karte“ möglichst rascher Abnutzung hoffen, um Diplomatie wieder ins Spiel bringen zu können. Erstens geht es in den einschlägigen Konfliktbearbeitungsansätzen darum, die Kommunikation wiederherzustellen und aufrechtzuerhalten sowie eine kommunikative Atmosphäre an einem möglichst neutralen Ort zu gestalten.

In einem zweiten Schritt ginge es schließlich um das Sammeln von Informationen zu den Umständen und Beweggründen des Verhaltens der jeweils anderen Partei, deren Interessen, Emotionen und Einstellungen. Die vermutlich differierenden Wahrnehmungen gilt es schließlich gegenüberzustellen, um damit einen „mentalen Frontwechsel“ durch Rollen- und Perspektivenwechsel einzuleiten. Ziel wäre eine Anerkennung des jeweils „Fremden“, des Anderen, zuletzt eine Selbstthematisierung eigener Einstellungen. All dies mündet schließlich in die Feststellung gemeinsamer und gegebenenfalls übergeordneter Interessen.

Türöffner zu Vermittlungen gesucht

Aber das dürfte in der augenblicklichen kriegerischen Eskalationsstufe noch Zukunftsmusik sein. Denn erst wenn aus einem militärisch asymmetrischen ein symmetrisches Kräfteverhältnis der Konfliktbeteiligten hergestellt ist und zudem die „Abnutzung“ auf einer der beiden Seiten machtpolitisch nicht mehr gesichert ist, wird es Türöffner zu diplomatischen Vermittlungen geben. Da dieser Krieg aber in eine neue globale Kräfteaustarierung eingebunden ist, wird es schwierig werden, neutrale und gleichzeitig machtaffine Vermittler:innen zu finden.

Und erst in einem zweiten Schritt wird eine Ahndung dieser gegen das Völkerrecht verstoßenden Gewalttat möglich sein, da die diesbezügliche Regelungsinstanz vornehmlich von Russland wieder zu akzeptieren wäre. All dies lechzt geradezu nach einem Hobbes’schen „Leviathan“, der aber so durch eine militärisch überlegene UN leider noch nicht existiert. Aggressoren und toxisch-männliche Gewalttäter schrecken in ihrer Selbstüberschätzung leider nur vor wirklich Übermächtigem zurück.

Rainer Kilb ist Professor

für Erziehungswissenschaft, Soziale Arbeit und Konfliktmanagement an der Hochschule Mannheim.

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