Corona-Pandemie

Warum im Osten weniger geimpft wird

Eine Maske liegt vor dem Impfzentrum in der Messe Erfurt. In den ostdeutschen Bundesländern sind weniger Menschen gegen Covid-19 geimpft als bundesweit.

In den ostdeutschen Bundesländern sind weniger Menschen gegen Covid-19 geimpft als bundesweit. Experten schlagen Alarm: Die vierte Welle könnte Ostdeutschland besonders hart treffen.

Berlin - Jetzt schnell impfen - oder es wird ein schlimmer Corona-Herbst: Mit diesem Appell meldete sich erst der Virologe Christian Drosten, dann stimmte der Ostbeauftragte Marco Wanderwitz mit ein.

Die Corona-Impfquoten reichen bundesweit nicht für ein Ende der Pandemie - besonders niedrig aber sind sie in Ostdeutschland. „Wir haben einen West-Ost-Unterschied“, klagte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn am Mittwoch. Das bundesweite Schlusslicht Sachsen liegt fast 20 Prozentpunkte hinter Spitzenreiter Bremen. Warum ist das so? Und was lässt sich tun? Antworten sind nicht ganz einfach und doch politisch brisant.

Wie sind die Impfquoten im Osten?

In Sachsen waren Zahlen des Robert Koch-Instituts bis einschließlich Montag 52,6 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft - in Bremen 71,5 Prozent. Auch Brandenburg lag mit 55,6 Prozent unter dem Bundesdurchschnitt von 61,4 Prozent, ebenso Thüringen mit 56,5 und Sachsen-Anhalt mit 58,4 Prozent. Nur Mecklenburg-Vorpommern schaffte 60,0 Prozent und damit fast den Durchschnitt.

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Woran liegt das?

Der Ostbeauftragte Wanderwitz, selbst gebürtiger Sachse, spekulierte schon Mitte August in den Zeitungen der Funke Mediengruppe: „Es gibt zwischen der Zustimmung für die AfD und Impfablehnung einen klaren Zusammenhang. Er lässt sich nicht wegdiskutieren.“ Als der CDU-Politiker jetzt abermals vor „dramatischen Verhältnissen“ durch steigende Inzidenzen im Osten warnte und „strengere Maßnahmen für Ungeimpfte“ andeutete, hielt der thüringische AfD-Fraktionschef Björn Höcke dagegen: „Der Mann hat vom Osten keine Ahnung: Ja, hier leben freiheitsliebende Menschen, die von Bevormundung ein für alle Mal die Nase gestrichen voll haben und die selbstbestimmte Entscheidungen über ihr Leben sowie ihre Gesundheit treffen - und das ist sehr gut so!“

Welche Rolle spielen AfD-Anhänger bei der Impfrate?

Nach der Studie „Covid-19 in Sachsen“ der Technischen Universität Dresden vom Juni finden sich in dem Bundesland überdurchschnittlich viele Impfskeptiker. Ganze „12 Prozent geben sogar an, sich „auf keinen Fall“ impfen zu lassen“, im Vergleich zu knapp fünf Prozent bundesweit. Und es seien „jene Sächsinnen und Sachsen, die sich selbst rechts der Mitte verorten oder der AfD zuneigen, weit häufiger der Auffassung, sich selbst „eher nicht“ oder „auf gar keinen Fall“ impfen zu lassen“. Studienautor Hans Vorländer differenziert sogar regional innerhalb des Bundeslands. „Es ist offensichtlich, wenn man sich die Wahlergebnisse anschaut: In den Regionen Sachsens mit höheren AfD-Anteilen ist auch die Impfskepsis verbreiteter“, sagte Vorländer der Deutschen Presse-Agentur.

Liegt der Fall nicht ganz anders?

Andere Experten sind zurückhaltend. Zu den Ursachen der niedrigen Impfquoten erklärte das Robert Koch-Institut auf Anfrage: „Hier können wir nicht weiterhelfen.“ Aus Sicht der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen sind die Ursachen „empirisch nicht belegt“.

Auch der Hamburger Gesundheitsökonom Jonas Schreyögg sagte der dpa: „Einen klaren Grund, warum das im Osten abweicht, kann ich Ihnen nicht sagen.“ Die Datenlage sei schwach, die Zahl der im Osten Befragten im regelmäßigen Survey seines Hamburg Center for Health Economics zu gering.

Einen Zusammenhang sieht Schreyögg aber mit Zweifeln an der Qualität der Impfstoffe: „Vor allem im Osten sagen in unserem Survey nur 54 Prozent, dass sie Vertrauen in die Impfstoffsicherheit haben.“ Im Westen und Norden Deutschlands sind es laut Umfrage 64 Prozent. „Auch strukturelle Aspekte könnten eine Rolle spielen, also das Impfangebot etwa bei Ärzten oder in Impfzentren“, sagte der Wissenschaftler.

Wie ernst ist die Lage überhaupt?

Das sächsische Sozialministerium verweist auf die derzeit niedrigen Fallzahlen im Osten als mögliche Erklärung für das geringe Interesse an Impfungen. In Sachsen wurden laut RKI zuletzt je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen gerade mal 32,2 Corona-Infektionen entdeckt, in Mecklenburg-Vorpommern 36,4, in Brandenburg 37,5, in Thüringen 38,3. Sachsen-Anhalt kann sich über eine Traumquote von 25,3 freuen - während Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz eine Sieben-Tage-Inzidenz von mehr als 100 haben. Impfprimus Bremen liegt mit 117,6 eben auch bei dieser Kennziffer vorn.

Eine schlüssige Erklärung fehlt auch hier. Das sächsische Sozialministerium spricht davon, dass es wegen niedriger Fallzahlen auch weniger Testpflichten gegeben habe. Geringe Impfquoten seien wohl zum Teil dadurch zu erklären, dass wegen niedriger Inzidenzen eine „gewisse Sorglosigkeit“ herrsche und Impfungen zumindest auf die Zeit nach den Sommerferien geschoben worden seien.

Welche Folgen hat die niedrige Impfrate?

Doch zeigen die Erfahrungen des vergangenen Winters, dass Fallzahlen auch rasch wieder steigen können. Schreyögg ist sicher: „Wenn die Impfquote so niedrig bleibt im Osten, aber auch in einigen Landkreisen in Bayern, dann wird sich das selbstverständlich auswirken auf die Inzidenzen.“ Denn man sehe nun „primär eine Inzidenz der Ungeimpften“. Auch Gesundheitsminister Spahn sagte: „Jede einzelne Impfentscheidung entscheidet auch darüber, wie sicher wir gemeinsam durch Herbst und Winter kommen.“

Wo kann die Politik jetzt ansetzen?

„Impfen, impfen, impfen“, das Mantra der Politik hält auch der Dresdner Politikwissenschaftler Vorländer für richtig. Unkomplizierte Impfangebote seien hilfreich, etwa vor dem Fußballstadion in Aue oder bei Ikea - vielleicht hilft ja auch die kostenlose Bratwurst zum Piks. Nach Ende der Schulferien in Sachsen könnten jetzt auch die Impfraten zulegen, vermutete Vorländer. „Aber es gibt die hartgesottenen Gegner des Impfens, die Hardcore-Kritiker der gesamten Maßnahmen, die wird man kaum erreichen“, sagte Vorländer der dpa. Es gebe ein „Muster an Widerständigkeit“ etwa im Erzgebirge. Das zu überwinden werde außerordentlich schwierig. „Gegen die Hartgesottenen kommen Sie nicht an“, sagte Vorländer. dpa

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