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In Eindhoven geht es zur Sache.
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In Eindhoven geht es zur Sache.

Proteste

Warum die Niederlande brennen

  • Peter Riesbeck
    vonPeter Riesbeck
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Mit Corona-Unmut fängt es an, durch nächtliche Ausgangssperren wird es angeheizt und schließlich endet es in rechter Randale und Fremdenhass: Die Krawalle in den Niederlanden.

In der Nacht zu Donnerstag blieb es ruhig. „Die Polizei hat alles unternommen, um größere Ausschreitungen zu vermeiden“, ließen die Behörden wissen. Auch der niederländische Regierungschef Mark Rutte meldete sich zu Wort. Er wolle jetzt keine „soziologischen Erklärungen“, ließ der Rechtsliberale knapp wissen. Kurz vor den Wahlen im März nach dem Scheitern seiner Regierung mag Rutte keine Debatte über die Lage im Land.

Aber nicht nur in den Niederlanden rätseln die Menschen über die Ursache der jüngsten Krawalle. An mehreren Abenden zogen Randalierer im Land durch die Straßen, zertrümmerten Schaufenster und plünderten Läden. Auch flogen Steine gegen Polizisten. Auslöser der Proteste war die von Rutte verhängte nächtliche Ausgangssperre. Um das Coronavirus einzudämmen, soll im ganzen Land nach 21 Uhr niemand mehr auf die Straße.

Mit Ruhe ist es aber nicht weit her. Rotterdam, Eindhoven, Haarlem – landesweit zog es Wütende vor die Türen. Corona-Teststationen wurden niedergebrannt. „Es geht gegen Staat, Wissenschaft und Medien“, fasste Jelle van Buuren für die Zeitung „NRC Handelsblad“ zusammen. Der Sozialforscher von der Universität Leiden hat über Verschwörungsmythen promoviert, er verfolgt die Corona-Unruhen im Land schon länger. Bereits im vorigen Sommer wurde in Den Haag gegen Pandemie-Regeln demonstriert. Der Protest eskalierte, die Polizei nahm Hunderte fest. Von „total durchgeknallten Hooligans“ sprach Premier Rutte damals. Forscher van Buuren macht dagegen ein „eklektisches, diffuses Gemisch“ unter den Teilnehmenden der Randale aus – auch jetzt wieder. Einzige Gemeinsamkeit der Wütenden: Es sind vorwiegend Männer unter 25.

Bei ihnen allen erkennt van Buuren „Misstrauen gegen alle Institutionen“. Weshalb auch Hippies sich unter den Demonstrierenden fanden, wenn die gleichwohl nur „knuffelen“ wollten – also kuscheln. Der Rest ging rabiater vor: Wer Corona leugnet und an Weltverschwörungen glaubt, den zog es auf die Straße. Zusammen mit einer Menge Trittbrettfahrer wie notorisch gewaltbereiten Hooligans und der Gefolgschaft der Double Dutch Frontline, einer rechten Sturmtruppe muskelbepackter Männer, die sich als Bürgerwehr zum Schutz von Frauen und Kindern stilisiert. Da war die nächtliche Ausgangssperre schnell vergessen und es ging nur noch um pure Gewalt. Autos gingen in Flammen auf, Läden wurden geplündert. Im Städtchen Den Bosch rückte am Tag nach den Exzessen die Bevölkerung mit Besen aus: Bürgermut gegen Zerstörungswut.

Und dabei bleibt es nicht. In Rotterdam, Alkmaar und Den Bosch machten nach den ersten Krawallnächten nicht gewaltvernarrte Fußballfans mobil und gingen gemeinsam mit der Polizei auf die Straße – ein ungewöhnliches Bündnis. Viele trugen da „Oranje Hesjes“ – orangefarbene Warnjacken, Hollands nationalbewusste Antwort auf die französischen „Gilets jaunes“, die Gelbwesten. Sie wollten „ihre Stadt“ verteidigen, sagten die Fans – was auch unterschwellig gegen Zugezogene gerichtet ist. Von mehr „sozialer Kontrolle“ durch diese Bürgerwehr schwärmt Alkmaars Stadtvorstand Emile Roemer von der linken SP.

Aber nicht alle sehen die Aufweichung des Gewaltmonopols so unkritisch. Ahmed Aboutaleb, Rotterdams sozialdemokratischer Bürgermeister, schlug einen anderen Ton an: Er richtete sich per Video an die Plünderer („Ist das ein gutes Gefühl?“), an deren Eltern („Wo war Ihr Sohn?“) und dann appellierte an alle in seiner Stadt: „Wir geben nicht auf.“ Die Pandemie lasse sich nur gemeinsam überstehen.

Corona-Protest kocht überall hoch – auch in Deutschland: Stuttgart mit seiner kriselnden Autoindustrie erlebte Randale, Frankfurt ebenso. Die Corona-Krise treibt die Angst vor der Zukunft und ökonomischem Abstieg auch in Wohlstandszentren. Das schafft Unsicherheiten und neue politische Bewegungen.

Die Niederlande kennen das. „Es hat mit Pim Fortuyn begonnen“, sagt Jelle van Buuren. Nach Fortuyns Tod 2002 „verschwand die Wut, aber die Unzufriedenheit blieb“. Sein Fazit: „Es geht um das Gefühl, das als Bürger über deinen Kopf hinweg entschieden wird. Dass dir niemand zuhört.“

Ein gefährliches Gefühl. Im März wird das Parlament neu gewählt. Ein Stimmungstest ausgerechnet in Pandemiezeiten, auf den auch andere Länder blicken. Schließlich waren die Niederlande immer eine Art gesellschaftliches Testlabor Europas. Rutte regiert seit elf Jahren, seine Wiederwahl gilt als sicher. Selbst der Skandal um unrechtmäßig zurückgefordertes Kindergeld, der die Regierung zu Fall brachte, perlt an ihm selbst ab. Doch Ruttes Corona-Management ist mäßig. Am Donnerstag zeigt er sich einfühlsam: „Die Corona-Krise fordert den Jüngeren viel ab“, sagt der Premier und fügte hinzu: „Sie sorgen sich um Praktikumsplätze, Unterrichtsausfälle, Jobchancen.“ Das war’s dann aber an Verständnis. Rutte setzt nämlich auf Schnellgerichte für Randalierer. Gefühl nur, wo es passt.

Der Rechtspopulist Geert Wilders und seine „freiheitliche“ PVV versuchen, vom Corona-Unmut zu profitieren, und wollen unter den Plünderern vor allem Einwandererkinder ausgemacht haben. Mit der klassischen Ausländerfeindlichkeit hofft er, bei der Wahl punkten zu können. Thierry Baudet vom rechtsradikalen „Forum für Demokratie“ umwirbt offen die Corona-Leugner und spricht von „Volksgesundheit“ – auch eine braune Tradition.

Sozialwissenschaftler Jelle van Buuren glaubt aber nicht an ein Andauern der Protestwelle: „Die Unruhen werden auslaufen“, ist er sich sicher. Der Kick des Augenblicks verliere rasch seinen Reiz. Aber die ökonomische Unsicherheit vieler bleibt – nicht nur in den Niederlanden.

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