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Die Waffe eines Kontinents: das Kalaschnikow-Sturmgewehr. Hier als pazifistisches Graffiti im sudanesichen Khartum.

Russland

Warten auf den großen Bruder

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Putins Russland versucht, sich in Afrika sichere Verbündete, Vasallen und Kunden aufzubauen.

Am Flughafen warten junge Frauen in Kosakentracht auf die Afrikaner, kredenzen ihnen Brot und Salz. Russische Eiskunstlaufstars werden für sie tanzen, sie können Stalins Villa besuchen, es gibt ein gastronomisches Festival russischer Nationalspeisen. Russland begrüßt Afrika mit „maximalem Pomp“, konstatiert die Zeitung „Kommersant“.

An diesem Donnerstag empfängt Wladimir Putin in Sotschi 42 Präsidenten und fünf Premierminister zum ersten „Russland-Afrika-Gipfel“. Außer der Westsahara schicken sämtliche afrikanischen Staaten Delegationen. „Beispiellos“, schwärmt die „Komsomolskaja Prawda“. „Nur um jedem die Hand zu schütteln, mit ihm ein paar Worte zu wechseln und für die Fotografen zu posieren, braucht Wladimir Putin über eine Stunde.“ Der Staatschef hält Hof wie nie.

„Russland meldet sich ernsthaft in Afrika zurück“

Mehr als 10 000 Leute nehmen daran teil, zumeist afrikanische und russische Geschäftsleute. Neben Putin sitzt dem Ganzen Abdel Fatah El-Sisi vor, amtierender Präsident der Afrikanischen Union und passenderweise Staatschef Ägyptens, Russlands mit Abstand größter Handelspartner in der Union. „Afrika wird immer mehr zum Kontinent der Möglichkeiten“, schwärmte Putin just. „Es besitzt riesige Rohstoffreserven, potenzielle wirtschaftliche Anziehungskraft.“ Aber Russland und die afrikanischen Staaten führten auch einen intensiven politischen Dialog.

„Russland meldet sich ernsthaft in Afrika zurück“, sagt der Petersburger Afrikanist Jewgeni Selenjew. „Es will in dem Kontext mitspielen, in dem dort um Rohstoffe und Einfluss gekämpft wird.“ Dass praktisch alle afrikanischen Staaten der Einladung nach Sotschi gefolgt seien, zeige, dass Russland schon jetzt das Zeug zum Mediator auch auf dem schwarzen Kontinent habe.

Putin und seine Experten machen allerdings auch keinen Hehl daraus, dass Russland in Afrika vor allem Geld verdienen möchte. 2018 betrug das Handelsvolumen mit Afrika 20,4 Milliarden Dollar, etwa ein Drittel des US-afrikanischen Handels, China realisiert inzwischen 148 Milliarden, die EU 303 Milliarden. Es ist logisch, dass sich Russlands Rohstoffwirtschaft für afrikanische Öl-, Gas- oder Diamantenvorkommen interessiert. Aber konkurrenzfähig ist Russland bisher nur in wenigen Branchen: Rüstung, Kernkraft, Dünger und Lastverkehr.

Der Kreml setzt parallel auf außerwirtschaftliche Qualitäten: Vor allem gegenüber der europäischen Konkurrenz fährt er Argumente auf, die wieder sehr sowjetisch klingen. „Wir sehen, wie eine Reihe westlicher Staaten zu Mitteln wie Druck, Einschüchterung und Erpressung gegenüber den Regierungen souveräner afrikanischer Staaten greift“, beschwert sich Putin. Mit solcherlei Methoden versuchten sie ihre ehemaligen Kolonien wieder zu dominieren. Die Sowjetunion unterstützte Freiheitskämpfer und Sozialisten in Afrika. Jetzt aber bietet sich Russland sehr ideologiefrei als Schutzmacht an – wenn der Preis nur stimmt.

Konkurrenzkampf um Afrika

Vorm Tagungszentrum in Sotschi stehen Raketensysteme und eine MiG-35, Russlands modernstes Kampfflugzeug. 2018 hat man laut dem Rüstungs-Fachportal „Jane’s by IHS Markit“ für 2,36 Milliarden Dollar Waffen nach Afrika verkauft. Aber die MiG steht offenbar für mehr: Putin redet von der „Gewährleistung der regionalen Sicherheit“ in Afrika als russischer Angelegenheit. Und Experte Selenjew sagt, das konsequente militärische Vorgehen der Russen zur Rettung des Syrers Baschar Al-Assad habe den Afrikanern imponiert. „Bei ihnen gilt Russland als starker Staat, der seine Freunde nicht im Stich lässt.“ Nur halb versteckt lässt Russland „harte Power“ aufblitzen, die Geschäfte und mehr flankieren soll.

Das Wirtschaftsportal Rosbisneskonsalting (RBK) zitiert Experten, die auf die über 50 afrikanischen UN-Mitglieder verweisen. Moskau hoffe, ihre Politik irgendwann so beeinflussen zu können, dass sie in der UN-Vollversammlung bei Streitfragen wie der Ukraine für Russland stimmen.

Der Konkurrenzkampf um Afrika ist im vollen Gang. Und RBK warnt: Die Mitbewerber schlafen nicht. China plane 60 Milliarden Dollar, die EU 40 Milliarden in Afrika zu investieren. Und auch der pompöse Russland-Afrika-Gipfel ist nicht beispiellos. China veranstaltet das Gleiche schon seit 2000, alle drei Jahre.

Beim jüngsten Forum für Chinesisch-Afrikanische Kooperation 2018 gab es laut Kommersant 150 Vertragsabschlüsse. Und in Sotschi? Abwarten, rät Selenjew. „Bei einem Ball weiß man ja auch erst hinterher, welche neuen Paare zusammengekommen sind.“

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