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Warten auf den Strategieschwenk

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Von: Gerd Braune

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Kanada fördert wie auf dieser Frackingbohrstelle reichlich Gas, hat aber nur zwei Terminals für den Weitertransport.
Kanada fördert wie auf dieser Frackingbohrstelle reichlich Gas, hat aber nur zwei Terminals für den Weitertransport. © dpa

Fachleute hoffen, dass die Kanada-Reise des Kanzlers die Kooperation bei Rohstoffen anschiebt

Kanzlerbesuche in Kanada waren früher meist Wohlfühlveranstaltungen zur Stärkung der vielbeschworenen Wertegemeinschaft zwischen beiden Ländern, aber sie brachten wenig Aufregendes. Beim anstehenden Besuch von Kanzler Olaf Scholz und Wirtschaftsminister Robert Habeck in Kanada sieht es anders aus. Das rohstoff- und energiereiche Land Kanada wird langfristig als wichtiger Partner in der Energie- und Klimapolitik gesehen. Der Ausbau der Kooperation in der Wasserstoffwirtschaft, bei Flüssiggas und kritischen Mineralien und Metallen steht im Mittelpunkt der Gespräche mit Premierminister Justin Trudeau, Wirtschaftsverbänden und Forschungsinstituten.

„Diese Reise insgesamt macht unsere Nähe zu Kanada deutlich“, sagt Regierungssprecher Steffen Hebestreit. Die deutsche Delegation, zu der Wirtschaftsvertretreter:innen gehören, wird am Sonntagabend in Montreal eintreffen. Auf dem Programm in Montreal und Toronto stehen Treffen mit kanadischen Wirtschaftsvertreterinnen und -vertretern, ein Besuch bei einem Institut für künstliche Intelligenz und eine Rede des Kanzlers auf einer deutsch-kanadischen Wirtschaftskonferenz. In Neufundland werden Scholz und Trudeau eine Messe für Wasserstoffwirtschaft besuchen. Dort soll auch ein Wasserstoffabkommen zwischen Deutschland und Kanada unterzeichnet werden.

CO2-neutral bis 2050

Die Energiepolitik ist eng mit der Klimapolitik verwoben. Kanada hat sich das Ziel der CO2-Neutralität, also Netto-Null-Emissionen, bis 2050 verordnet. Auch in Kanada wird die Debatte geführt, wie Europa geholfen werden könne, die Abhängigkeit von russischen Quellen zu beenden. Dass Kanada die Auslieferung einer Gasturbine für die Nord-Stream-1-Pipeline gestattete, die in Montreal in einem Siemens-Werk repariert wurde, hatte Scholz begrüßt. Im eigenen Land erntete Trudeau für diese Entscheidung, mit der Kanada seine Sanktionen gegen Russland unterlief, Kritik.

Eine kurzfristige nennenswerte Hilfe aus Kanada ist allerdings nicht in Sicht. Mit seinen gewaltigen Erdgasressourcen, die die Canadian Gas Association (CGA) mit 39 Billionen Kubikmeter angibt, und einer jährlichen Förderung von 170 Milliarden Kubikmeter ist Kanada zwar der fünft- oder sechstgrößte Erdgasförderer. Aber nur an der Westküste steht ein Terminal für Exporte nach Asien kurz vor der Fertigstellung. An der Ostküste hat Kanada keine Terminals, um von dort Flüssigerdgas (LNG) nach Europa zu exportieren. Ein Terminal des spanischen Konzerns Repsol in Saint John in New Brunswick kann bisher nur für Importe genutzt werden.

Allerdings wird überlegt, das Terminal in Saint John umzurüsten, um es auch für Exporte nutzen zu können. Dafür müssen Machbarkeitsstudien erstellt und die Genehmigungsprozesse nach dem kanadischen Recht durchlaufen werden.

Indirekt aber hilft Kanada den Europäern bereits. Kanada exportiert Erdgas in die USA, die wiederum ihre Exporte nach Europa erheblich gesteigert haben. Jede kanadische Gaslieferung auf die globalen Märkte helfe, die Lage auf dem Energiesektor zu entspannen, sagt Timothy Egan, Präsident der Canadian Gas Association dieser Zeitung.

Er weiß, dass Deutschland Flüssigerdgas nur für eine Übergangszeit einsetzen will und langfristig auf Wasserstoff als Energieträger setzt. „Selbst wenn es nur für 20 Jahre sein sollte, hat dieses Projekt einen Sinn“, meint Egan zu einer Ausweitung des Saint-John-Terminals. Auch wenn Deutschland den Ausstieg aus fossilen Energieträgern schaffe, gebe es andere europäische Länder, die dieses hochgesteckte Ziel nicht hätten. Deshalb sei es für Kanada interessant, Exportmöglichkeiten an der Ostküste zu haben. Der Kanzlerbesuch sei ein „positives Zeichen“, dass Kanada nun auch für die Europäer ein wichtiger Partner in der Energiepolitik sei.

Nach einer Studie des Berliner Think-Tanks für Klima, Umwelt und Entwicklung adelphi. hat Kanada „das Potenzial, zu einem großen Wasserstoffexporteur zu werden“. Kanada hat Ende 2020 eine Wasserstoffstrategie beschlossen, wonach es bis 2050 weltweit einer der größten Wasserstoffproduzenten werden will.

Wirtschaftsverbände und Handelskammern auf beiden Seiten des Atlantiks unterstreichen ebenfalls die Bedeutung von Wasserstoff und seiner Derivate – etwa Ammoniak – bei der „Entkarbonisierung“ der Volkswirtschaften. Die Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Kanada habe das Potenzial, die Entwicklung des Wasserstoffmarkts zu beschleunigen, stellen sie in einer gemeinsamen Erklärung anlässlich der Kanzlerreise fest. Die oft erwähnte Perspektive, LNG-Infrastruktur später auf Wasserstoffexporte umzustellen, stößt bei Expert:innen der „Hydrogen Science Coalition“ in Kanada aber auf Zweifel. Diese Erwartung sei wissenschaftlich nicht fundiert und schaffe die Gefahr, dass Deutschland und Kanada an fossilen Brennstoffen festhalten müssten.

Lieferant von Mineralien

Für LNG-Exporte, Wasserstoffwirtschaft und Sicherung des Zugangs zu kritischen Mineralien gehört auch die Bereitschaft der Industrie in beiden Ländern zu Investitionen. Die deutsche Industrie hatte sich vor Jahrzehnten völlig aus dem Bergbau im Ausland zurückgezogen. Als dann die Nachteile der einseitigen Abhängigkeit von Ländern wie China bei Metallen und Mineralien für die Hightech-Industrie deutlich wurde, warben Verbände wie die Fachvereinigung Auslandsbergbau für deutsches Engagement in Kanada, das kritische Metalle und Mineralien liefern könnte. Die Investitionskosten in abgelegenen Regionen Kanadas schreckten viele ab. Jetzt stellt Martin Wedig, Geschäftsführer der Fachvereinigung, fest, dass das deutsche Konzept „Technologie gegen Rohstoffe“ die Abhängigkeit vergrößert habe. Die Kanada-Reise sollte zum Anlass für einen Strategieschwenk genommen werden.

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